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ARD-Film "Terror - Ihr Urteil": Heute Abend fällt der Zuschauer das Urteil

Die ARD verfilmt Ferdinand von Schirachs Justizdrama "Terror" und macht die Zuschauer zu Schöffen: Sie entscheiden über die Schuld des Angeklagten. Im Vorfeld sorgt das Projekt für eine heftige Kontroverse.

"Terror - Ihr Urteil"

Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) muss sich vor Gericht verantworten, weil er ein Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen hat. Damit rettete er aber 70.000 Menschenleben.

Es könnte eines der spannendsten TV-Ereignisse des Jahres werden: Die ARD hat Ferdinand von Schirachs "Terror" fürs Fernsehen aufbereitet und zeigt den Film am 17. Oktober im Rahmen eines ganz besonderen Themenabends. Das Justizdrama gehört zu den meistgespielten Theaterstücken der Gegenwart.

Eine Erklärung für den großen Publikumszuspruch dürfte sein, dass Ferdinand von Schirach hier ein aktuelles Thema auf die Bühne bringt. Der gelernte Jurist verwandelt das Theater in einen Gerichtssaal. Anklagt ist der Kampfpilot Lars Koch, im Film gespielt von Florian David Fitz, der ein Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen hat. Er tat dies, um Schlimmeres zu verhindern: Die Maschine war von Terroristen gekapert worden und nahm Kurs auf ein vollbesetztes Fußballstadion.

Was die Gerichtsverhandlung so spannend macht: Es geht eigentlich um eine moralische Frage: Darf man 164 Menschen opfern, um 70.000 zu retten? Und wie weit darf ein Staat gehen, um terroristische Gefahren abzuwenden?

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Bei "Terror" bestimmen die Zuschauer

Ein weiterer Grund für die Brisanz: Die Zuschauer haben dabei eine aktive Funktion inne. Denn wie das Stück ausgeht - ob der Pilot verurteilt wird oder nicht -, das entscheidet das Publikum. Ferdinand von Schirach hat zwei Enden geschrieben. Gespielt wird jedoch fast immer nur ein Schluss. Fast immer votieren die Zuschauer zugunsten des Angeklagten: In 447 Vorstellungen an deutschen Bühnen wurde der Pilot in 414 Fällen freigesprochen. Und das, obwohl der Militärflieger grundgesetzwidrig gehandelt hat.

Möglicherweise ist das der Grund dafür, weshalb "Terror" lange vor der Fernsehausstrahlung für eine heftige Kontroverse sorgte. In einem langen Interview mit der "FAZ" übten die FDP-Politiker Burkhard Hirsch und Gerhart Baum, zwei liberale Urgesteine, heftige Kritik an dem Stoff. Schirachs Stück verfälsche die Wirklichkeit und mache die Zuschauer zu Richtern in einer Sache, die sie nicht wirklich überschauen könnten. Kunstfreiheit wollen die beiden Politiker nicht gelten lassen, in ihren Augen handelt es sich bei "Terror" um "eine Art Dokumentation".

"Lassen Sie das"

Das Gespräch gipfelte in der Forderung: "Ich rate Herrn Herres, dem Programmdirektor der ARD: Lassen Sie das!" Eine Aufforderung, auf die Volker Herres im Gespräch gelassen reagiert. "Es entspricht auch meiner persönlichen Überzeugung zu sagen: Was das Grundgesetz und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts festgelegt hat, ist nicht verhandelbar", sagt Herres dem stern. "Das findet in dem Stück aber auch gar nicht statt: 'Terror' fordert nicht die Volksjustiz. Verfassungsgerichtsurteile gelten. Aber sie sind in einer offenen Gesellschaft nicht belegt mit einem Verbot, darüber diskutieren zu dürfen."

Es müsse dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen laut Herres gelingen, immer wieder Anlässe zu schaffen, über gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren. "Das ist unsere Aufgabe: zum Diskurs anzuregen, damit die Demokratie nicht einschläft."

Frank Plasberg diskutiert über den Film

Damit dies auch hier passiert, ist die Ausstrahlung von "Terror" in einen ARD-Themenabend eingebettet. Zunächst werden ab 20.15 Uhr die ersten 85 Minuten ausgestrahlt. Nach den Plädoyers und dem letzten Wort des Angeklagten bricht der Film ab - nun dürfen die Zuschauer zehn Minuten lang online oder per Telefon abstimmen. Der Voting wird moderiert von Frank Plasberg. Um 21.50 Uhr wird dann der Vorsitzende Richter (Burghart Klaußner) das vom Publikum gefällte Urteil verkünden. Hier wurden zwei Varianten gedreht: einmal begründet der Richter den Freispruch, ein anderes Mal erklärt er den Schuldspruch.

Im Anschluss daran wird Frank Plasberg ab ca. 21.55 Uhr in seiner Talkshow "Hart aber fair" über den Fall diskutieren. Auch Gerhart Baum wird in der Runde zugegen sein und seine Kritik an dem Theaterstück und dem Fernsehfilm erklären können. 

Vermutlich wird Baum auch mit dem Urteil der Fernsehzuschauer hadern. Wenn das Fernsehpublikum ähnlich tickt wie die Theatergänger, kommt der Pilot auch diesmal mit einem Freispruch davon. Immerhin dürfte ihn das Urteil von ARD-Programmdirektor Volker Herres ein wenig versöhnlich stimmen. Der hält den Angeklagten, wie er dem stern sagte, für schuldig.

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