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Interview

ARD-Programmdirektor Volker Herres: "'Terror' fordert nicht die Volksjustiz"

Mit "Terror" nach Ferdinand von Schirachs Bühnenstück zeigt das Erste eines der spannendsten TV-Experimente des Jahres. Mit dem stern sprach ARD-Programmdirektor Volker Herres über den Film und die Kritik, die es im Vorfeld gab.

Volker Herres über "Terror"

ARD-Programmdirektor Volker Herres

Herr Herres, in dem Film "Terror" nach dem Bühnenstück von Ferdinand von Schirach machen Sie Zuschauer zu Schöffen und lassen sie über das Urteil in einem Strafprozess abstimmen. Ist diese Art von Beteiligungsfernsehen Ihre Antwort auf den Erfolg von Streaming-Portalen wie Netflix und Amazon?

Nein. Das ist kein strategisches Projekt, mit dem wir eine Antwort auf Medienentwicklungen geben wollen. Wir fanden vor allem von Schirachs Bühnenstück so spannend, dass es für uns als Einzelprojekt sehr reizvoll war. Allerdings bin ich zutiefst überzeugt, dass es uns als öffentlich-rechtliches Fernsehen gelingen muss, immer wieder Anlässe zu schaffen, an denen über relevante Themen in der Gesellschaft diskutiert wird. Das ist unsere Aufgabe: zum Diskurs anzuregen, damit die Demokratie nicht einschläft. 

Ist der Film ein Testballon für weitere Projekte mit Zuschauerbeteiligung?
Es ist kein Pilotprojekt für interaktives Beteiligungsfernsehen. Die Abstimmung ist elementarer Bestandteil des Bühnenstücks; deswegen war für uns klar, dass es im Fernsehen genauso laufen muss. Aber es ist nicht entstanden mit der Idee, künftig alle unsere fiktionalen Stoffe interaktiv anzulegen. Es ist ein Einzelprojekt. 

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Im Vorfeld äußerten die beiden FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch heftige Kritik an dem Projekt und forderten Sie auf, die Ausstrahlung zu unterbinden. Hat Sie die Vehemenz überrascht?

Ich kann die Position der von mir geschätzten Herren Baum und Hirsch durchaus nachvollziehen. Denn es entspricht auch meiner persönlichen Überzeugung zu sagen: Was das Grundgesetz und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts festgelegt hat, ist nicht verhandelbar. Das findet in dem Stück aber auch gar nicht statt: "Terror" fordert nicht die Volksjustiz. Verfassungsgerichtsurteile gelten. Aber sie sind in einer offenen Gesellschaft nicht belegt mit einem Verbot, darüber diskutieren zu dürfen. Es geht von Schirach auch gar nicht um eine Rechtsfrage: Er bedient sich des dramaturgischen Mittels eines Gerichtsprozesses, um ethisch-moralische Fragen aufzuwerfen. 

Aber der Zuschauer wird hier zum Schöffen gemacht. Damit hat er doch eine juristische Funktion inne und ist gerade nicht für moralische Urteile zuständig.

Wir stimmen ja nicht über einen realen Fall ab. Es ist Fiktion. Und das ist wie Theater auch: ein Spiel. Die Zuschauer wissen sehr genau, dass sie sich mit ihrem Urteil in einem fiktionalen Rahmen bewegen. Man sollte sie nicht unterschätzen und schon gar nicht entmündigen. Klar ist dabei doch: Wir stimmen nicht ab über die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. 

Baum und Hirsch behaupten, das Stück sei gar nicht fiktional, da es sich zu nah an der Realität orientiert. Würde das Ihre Bewertung ändern?
Fiktion orientiert sich natürlich an realen Themen. Das machen wir in jedem "Tatort" und Film-Mittwoch. Der Fall aber ist konstruiert. Es ist für den Zuschauer absolut erkennbar, dass es Fiktion ist. 

Wie hätten Sie abgestimmt: schuldig oder nicht schuldig?
Schuldig.


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