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ARD-Film: Der beste Helmut Schmidt, den es bisher gab

Wer war bisher der beste deutsche Kanzler? Nach Weihnachten könnten noch mehr Deutsche sagen: Helmut Schmidt. Warum? Wegen eines eindrucksvollen Films, der in der ARD läuft.

Von Hans Peter Schütz

Mitte Dezember hatte eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern zutage gefördert, dass 25 Prozent der Deutschen Helmut Schmidt auf den ersten Rang wählen, werden sie nach dem bisher bedeutendsten Bundeskanzler gefragt. Dahinter rangierte Konrad Adenauer (23 Prozent), Willy Brandt (18), Helmut Kohl (17), Angela Merkel (6). Als Schlusslichter folgten Ludwig Erhard (2) und Kurt Georg Kiesinger (0).

Man könnte darauf wetten: Wenn am 23. Dezember die Schlussminuten des Films "Helmut Schmidt - Lebensfragen" im Ersten laufen (los geht's um 21.45 Uhr), dann werden noch mehr Deutsche den Altkanzler Schmidt, der an diesem Tag seinen 95. Geburtstag feiert, an die Spitze der Kanzler-Umfrage setzen. Denn geboten wird ihnen Helmut Schmidt, seine Kanzlerschaft und sein ganz privates Leben, in einer beeindruckenden Filmbiografie, die sich aus Interviews, Zeitdokumenten und nachgespielten Szenen zusammensetzt. Volker Herres, Programmdirektor im Ersten, sagt zutreffend: "Dabei kommt man ihm nah. So nah wie man einem Hanseaten eben kommen kann."

Eine beeindruckende biografische Einheit

Helmut Schmidt erzählt sich in diesem Film selbst: beim Blättern in seinen vielbändigen privaten Fotoalben mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo kommentiert er die Bilder. Einzelne Phasen aus dem Lebens Schmidt werden von bekannten Schauspielern (darunter Bibiana Beglau oder Bernhard Schütz) gespielt, etwa die Stunde, wie er im Garten des Bonner Kanzleramts mit seiner Frau Loki folgendes vereinbart: Sollte einer von uns in die Hände der Terroristen von der Roten-Armee-Fraktion fallen, muss der andere dafür sorgen, dass Erpressungsversuchen nicht nachgegeben wird.

Eindrucksvoll auch die Szene, in der sich der Knabe Schmidt zur Hitlerjugend melden will, was ihm jedoch der Vater harsch, ohne Erklärung, aber mit Ohrfeigen verweigert. Erst die Mutter verriet Schmidt, dass sein Großvater Jude war.

Unterlegt ist der Film an vielen Stellen mit Fernsehszenen aus der TV-Dokumentation. Auch sie sind ein guter Weg, den dramatischen Lebensweg dieses Kanzlers darzustellen. Etwa wie er das Kanzleramt im Bundestag an Helmut Kohl übergibt, einsam und verlassen zu diesem Zeitpunkt auch von den eigenen Parteifreunden. Oder wie er bei der großen Hamburg-Flut im Frühjahr 1962 als Innensenator den abwesenden Bürgermeister Nevermann abkanzelt und ihm das Krisenmanagement aus der Hand nimmt.

Geboten wird eine beeindruckende biografische Einheit: von Helmut Schmidts persönlichen Worten, plus den von Schauspielern unterschiedlichen Alters nachgespielten Lebensphasen und schließlich den Einspielern aus den TV-Archiven.

Die private Seite des Machtmenschen

Wer Schmidt bisher nur von seinen Interviews und Artikeln in der "Zeit" kannte oder gar nur aus dem Geschichtsbuch, der lernt nun die andere Seite des politischen Machtmenschen kennen, dessen Leben geprägt ist von existentiellen Entscheidungen. Denn genau darum geht es: Wie dieser Mann auf die ihm gestellten existentiellen menschlichen und politischen Lebensfragen geantwortet hat. Und der Zuschauer blickt über Schmidts Schulter in die Fotoalben. Und erlebt, wie Schmidt mit seiner neuen Partnerin Ruth Loah ein Stück mühsam spazieren geht. Auch hier wird ein Stückchen ergreifende Lebenslinie sichtbar. Er sagt über sie: "Sie hat mich eigentlich wieder zu einem normalen Menschen gemacht und ins normale Leben zurückgeführt."

Oder wie Schmidt nach dem Tod seiner Frau Loki einmal gefragt wird, wie es ihm den ohne seine Lebensgefährtin nach über sechs Jahrzehnte gehe, die im Herbst 2010 im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Da wird spürbar, wie schwer er trägt am Verlust dieser Frau nach über 80 Jahren Gemeinsamkeit und 68 Jahren ehelicher Zweisamkeit. Schmidt erinnert sich daran, wie er Loki mit 15 zum ersten Mal geküsst hat im Kino. Und wie sich einmal, noch ohne Trauschein, als Ehepaar ausgegeben haben, " damit wir irgendwo zusammen wohnen konnten." Und an einer anderen Stelle des Films gesteht er: Dass er "im Halbschlaf noch manchmal nach Loki ruft". Und dann komme ihm ins Bewusstsein, dass sie nicht mehr ist.

So entsteht das beste Helmut-Schmidt-Porträt, das es bisher zu sehen gab. Möglich gemacht hat das letztlich die Film-Produzentin Katharina Trebitsch, deren Vater bereits 1953 den ersten Film über Schmidt gedreht hat. Sie öffnete dem Zuschauer den Weg in die privateste Sphäre Schmidts, seine Fotosammlung. Und diese Fotos werden eindrucksvoll zum Sprechen gebracht worden, auch durch ihn selbst. Selbst wenn er einen Kommentar zu einem Bild verweigert, sagt das viel aus.

Typisch Schmidt ist auch die Annäherung mit Katharina Trebitsch. Sie hatte ihn 2009 gefragt, ob man den Film machen könne. Er sagte sehr schnell ab und schlug ihr vor: Lass uns warten bis zu meinem 95. Geburtstag, das wäre ein zu rechtfertigender Anlass - " übrigens werde ich den durchaus erreichen, mein Nikotinverbrauch wird dafür sorgen."

Er, der "störrische Rationalist"

Natürlich wird Schmidt die Frage nach seiner Lebensbilanz gestellt. "Was ist für Sie das Wichtigste in Ihrem Leben?" Seine Antwort: "Dass ich mir keine Vorwürfe machen muss, wegen eines unanständigen Verhaltens." Das ist weit entfernt von der Behauptung, er habe alles getan und alles sei richtig gewesen. Das dürfte auch jene beeindrucken im konservativen Lager, die ihn einst als "Staatsschauspieler" geschmäht haben.

Und dann bekennt er mit jugendlichem Grinsen in seinem vom Leben gezeichneten Gesicht: "Aber die Zigarette schmeckt immer noch" - und hebt sie grinsend in die Kamera. Da ist er noch einmal, der "störrische Rationalist", wie ihn sein verstorbener Parteifreund Peter Glotz einmal genannt hat.

Auch professionelle Schmidtkenner sind beeindruckt von dem, was die ARD zeigt: Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und heutige Geschichtsprofessor an der Uni Heidelberg, Hartmut Soell, der eine zweibändige Biografie über Schmidt geschrieben hat, die als die beste Arbeit über sein Leben gilt, hat im Gespräch mit stern.de die TV-Dokumentation als "sehr gut gelungene Arbeit" bezeichnet. Den Wert dieses Lebensdramas könne nur einschätzen, "wer weiß, wie schwierig die Gefühlwelt Schmidt darzustellen ist". Diese Aufgabe sei "ein Stück weit kongenial und mit viel Sensibilität" gelöst worden. Soell will den Film auch seinen Kindern zeigen, die ihn über Weihnachten besuchen kommen.

"Helmut Schmidt - Lebensfragen" läuft am 23. Dezember um 21.45 Uhr im Ersten.