"Die Liebe in den Zeiten der Cholera" Mit Herz, Haut und Haaren


Es gibt Bücher, die man nicht verfilmen darf, bis es dann doch jemand wagt. Beim "Herrn der Ringe" ist es gut gegangen, auch bei "Zimmer mit Aussicht". Márquez' "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" zeigt sich sperrig, doch hat Mike Newell durchaus Bilder gefunden, um der Gefühlsgewalt der Geschichte gerecht zu werden.
Von Sophie Albers

Eines ist sicher, wenn der Abspann von "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" läuft: Worte zu finden für die Liebe, steht auf festerem Grund, als das Gleiche mit Bildern zu tun. Vor allem dann, wenn die Bilder versuchen, den Worten zu folgen. Ob das "Hohelied", "Die Göttliche Komödie" oder "Romeo und Julia", das größte Gefühl hat bereits so viele Beschreibungen erfahren, das jeder Zusatz redundant erscheint. Doch dann, 1985, kam diese Geschichte aus dem kolumbianischen Urwald und hat weltweit die lesenden Menschen und deren Vorstellung von Liebe aufs Neue verzaubert.

Die Geschichte der bedingungslosen Liebe des armen Telegrammboten Florentino Ariza zur schönen Tochter aus reichem Hause, Fermina Daza, Ende des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Stadt in Kolumbien, ist wie ein surrealer Rausch der Gefühle, überbordend an Farben, Gerüchen und Geräuschen. Das Mädchen erwidert die Zuneigung, doch soll sie eine bessere Partie machen, so der Wille des Vaters, und sie heiratet schließlich den angesehnen Doktor Urbino. Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Kino das Buch entdecken würde.

Mehr Zimmer als ein Freudenhaus

Florentinos Herz bricht, wie das seiner Mutter einst von seinem Vater gebrochen wurde, doch anders als sie rettet sich der unglücklich Liebende vor seinem endgültigen Tod in die eigene Willenskraft: Sie wird mich lieben, weiß er, ich muss nur lange genug warten. So lebt er sein Leben auf den Tag hin, an dem der Doktor sterben wird.

Doch, und das gehört zur wunderbaren Welt des Márquez, auch wenn Florentino unter dem Balkon seiner Angebeteten einen Treueschwur abgelegt hat, teilt er das Bett mit anderen Frauen. "Sie haben keine Angst vor mir, weil sie wissen, dass ich die Liebe brauche und sie nicht verletzen werde", sagt er einem Freund, der fragt, warum sein Erfolg beim weiblichen Geschlecht so groß ist. "Mein Herz hat mehr Zimmer als ein Freudenhaus", nur gehört es eben in Gänze der einen großen Liebe.

Während Florentino darauf wartet, dass das Leben seines Rivalen endet, und dabei selbst zum Greis wird, ist Fermina unzufrieden mit ihrer Ehe, fragt sich, ob der Mann, den sie nur "Schatten" oder "Geist" nennt, vielleicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Darüber hat sie sich in den Zynismus gerettet, dessen scharfe Kanten sich mit dem Alter gegen sie selbst wenden. Sie hadert mit der Erinnerung, ist erstaunt und erschrocken über die Hartnäckigkeit der Gefühle Florentinos.

Mit der Verwundbarkeit eines Pierrot

Javier Bardem spielt den älteren Florentino mit der Verwundbarkeit eines Pierrot, sogar ein Buster Keaton scheint zuweilen durch, wenn der Mann, dessen einziger Existenzsinn die Liebe ist, durch die Straßen seiner Stadt trippelt, als habe er Angst, etwas Kostbares zu zertreten. Die Sehnsucht im Blick wäre zu wenig für diesen Charakter, es ist ein ganzes Wesen, das von Blumen lebt, wenn ein Liebesbrief ankommt.

Wunderbar auch, dass Regisseur Mike Newell, der mit "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Mona Lisas Lächeln" berühmt geworden ist, sich der Welt des Márquez so weit ergeben hat, dass er neben den Gefühlen auch die Körper offenlegt. Sex ist Teil der Erzählung, seine Bilder zuweilen befremdlich roh, doch dabei versöhnlich. Mann und Frau sind gleich - auch in ihren Begierden. So rührt gegen Ende vor allem eine Szene, in der die alte Fermina ihr Kleid ablegt und ihren gealterten Körper entblößt, für den sie sich schämt. Und was macht Florentino? Er sieht und liebt sie.

"Die Liebe in den Zeiten der Cholera" als Schnulze abzutun, wäre so, als erklärte man "Spartacus" zum blutigen Actionfilm. Dafür ist schon die Romanvorlage in ihrem Spiel mit der Fantasie zu ehrlich. Newell hat wohl das Beste aus den Möglichkeiten des Kinos herausgeholt. Für den, der das Buch kennt, muss der Film allerdings hinter dem Márquez'schen Genie zurückstehen. Der, der es nicht kennt, sollte es nun schleunigst lesen.


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