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Seuchengeschichte "Schnaps hilft gegen Cholera" – Hamburgs letzte große Epidemie

Hamburger Hafen: Nach eindrücklichem Zureden durch Robert Koch fährt der Senat das öffentliche Leben herunter. Leere Straßen und ein verwaister Hafen sind die Folge.
Hamburger Hafen: Nach eindrücklichem Zureden durch Robert Koch fährt der Senat das öffentliche Leben herunter. Leere Straßen und ein verwaister Hafen sind die Folge.
© Picture Alliance
1892 bricht in Hamburg die Cholera aus und rafft innerhalb weniger Wochen über 8000 Menschen dahin. Zeitzeugen berichten von verstörenden Zuständen. Eine Geschichte über hanseatischen Stolz und dessen gesundheitliche Folgen. 
Von Anastasia Klimovskaya, Christine Leitner

14. August 1892: Die vergangenen Wochen waren heiß, jetzt steht die Luft in den Straßen und Gassen wie das trübe Wasser im beinahe trockenen Bett der Elbe. Gestank hängt über der Stadt, die Wohnblöcke der Arbeiter im Gängeviertel sind überfüllt, im Hafen und auf den Märkten tummeln sich Händler und Hafenarbeiter, an der Börse wird mit Aktien und Handelswaren spekuliert.

Hungersnöte, Antisemitismus und Cholera-Ausbrüche haben Auswanderer aus Zentralasien ins Deutsche Kaiserreich getrieben. Sehnsüchtig warten sie auf den nächsten Dampfer, der sie in die Vereinigten Staaten bringt. Auch Jakob Loewenberg, jüdischer Lehrer und Dichter aus Niederntundorf bei Paderborn, sitzt auf seinen gepackten Koffern. Weder er noch sonst jemand ahnt, welche Katastrophe die Hansestadt bald in eine Schockstarre verfallen lässt.

Denn plötzlich häufen sich mysteriöse Erkrankungen, am 17. August ist der erste Tote zu beklagen. Die Zahl der Erkrankten wächst stetig, Ärzte diagnostizieren Brechdurchfall, doch der Senat bleibt gelassen. Die Vermutung, dass es sich um die Cholera handeln könnte, die im 19. Jahrhundert schon viermal in Bayern, Preußen und dem späteren Deutschen Kaiserreich ausgebrochen ist, möchte der Senat so lange wie möglich nicht öffentlich bekannt geben.

Auch, dass die Gefahr wohl aus dem von Kloaken und Abfällen verunreinigten Elbwasser kommt, wird nicht offiziell bestätigt. Viel zu groß ist die Angst vor einem wirtschaftlichen Koller. "Das erste, was sie mit ihrer Schreckgestalt verjagen werden, wäre der Handel. Das wussten alle, oben und unten. Und Hamburg ohne Handel, das sagten alle, sei ein Hafen ohne Schiffe, eine Börse ohne Geld, ein Brotkorb ohne Brot", schreibt Loewenberg später in seinem autobiographischen Roman "Aus zwei Quellen".

Stillschweigen und erste Gerüchte

Im ausgehenden 19. Jahrhundert fühlt man sich gesundheitlich ohnehin unverwundbar. Unter anderem mit der Entdeckung des Tuberkulosebakteriums durch Robert Koch hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht, in Berlin hat man nach der Reichsgründung 1871 gar ein Kaiserliches Gesundheitsamt ins Leben gerufen. Auch über die Cholera, ausgelöst durch den sogenannten Komma-Bazillus, weiß man mittlerweile Bescheid. Doch an der Frage, woher der Erreger kommt und wie er übertragen wird, scheiden sich die Geister – besonders in Hamburg.  

Die so genannte Miasmen-Lehre des Chemikers und Hygienikers Max von Pettenkofer gilt in Hamburg als wissenschaftlicher Standard, sowohl unter den Politikern als auch in der Ärzteschaft. Robert Kochs Theorie, die Krankheit werde vor allem über das Wasser übertragen, halten die Hamburger Experten für falsch.

Um den Handel zu schützen, begnügt man sich daher zunächst mit der Politik des Nichteinmischens. Ärzte, wie der frischgebackene Leiter des Neuen Allgemeinen Krankenhauses, Theodor Rumpf, werden aufgefordert, "nur keinen Fall von cholera nostras als echte Cholera zu melden, und aus vereinzelten Fällen von Cholera keine Cholera-Epidemie zu diagnostizieren".

Würde die Krankheit amtlich gemeldet, könnten das Kaiserliche Gesundheitsministerium und Handelspartner Quarantänemaßnahmen verhängen. Maßnahmen, die klar gegen die Interessen des knauserigen und auf wirtschaftlichen Erfolg versessenen Senats gehen. Erst als der Vorort Altona einen Cholerafall meldet, kommt widerstrebend Bewegung in die Hamburger Gesundheitspolitik.

In der Öffentlichkeit bleibt die Krankheit aber zunächst weiter unsichtbar. Stadtbewohner und Reisende wie Jakob Loewenberg erfahren durch vom Senat gedruckte und auf den Straßen verteilte Choleraplakate von der Bedrohung. Viel anfangen kann man damit aber noch nicht. "Vor den Anschlagsäulen drängte es sich förmlich. Ein merkwürdiges Schriftstück: 'Verhaltensmaßregeln, die zur Beachtung empfohlen werden', aber kein Wort warum. Und ohne Unterschrift." Doch schon kurze Zeit später machen erste Gerüchte ihre Runden durch Gasthäuser und Cafés, "waren leise geglaubt und laut verneint worden", wie Loewenberg vermerkt. 

Krankenhäuser am Limit

Eine Woche nach dem ersten Cholera-Fall beginnt eine bürgerliche Massenflucht: Wer es sich leisten kann, reist an die Küste oder sucht Zuflucht bei Verwandten in der ländlichen Umgebung. Der Senat versucht sich indes der Auswanderer in den Gängevierteln zu entledigen, verteilt Unbedenklichkeitsbescheinigungen, ein schriftlicher Beleg, der die Gesundheit aller Passagiere bescheinigen soll, und schickt die Menschen aufs offene Meer Richtung Amerika und Großbritannien.

Verschiedene ausländische Medien, darunter die Londoner "Times", haben bereits über die Hamburger Epidemie berichtet, mehrere Schiffe mit Cholera-Fällen an Bord waren bereits in New York und Großbritannien eingetroffen. Die Passagiere müssen sich einer strengen Quarantäne unterwerfen, bis sie die Schiffe verlassen dürfen. 

In England will man keine weiteren potenziellen Cholera-Überträger aufnehmen. Sie müssen zurück nach Hamburg, wo sie in dunklen Baracken der Gängeviertel von Polizisten festgehalten werden. Das Bürgertum setzt sich indes weiter ins Hamburger Umland ab. Jakob Loewenberg schließt sich dem nicht an. Bereits kurz nach seiner Ankunft in Hamburg, das nur ein Zwischenstopp auf seiner Reise sein soll, hofft er auf einen Grund zu bleiben "und wenn's auch ein Unglück wäre." Genau das ist nun eingetreten. Loewenberg möchte seine Weiterreise verschieben, im zuständigen Amt trifft er auf Unverständnis. Er solle sich doch freuen, Hamburg verlassen zu können. Aber Loewenberg bleibt, wie er schreibt, um zu helfen. 

Auf den gesundheitlichen Notstand, der sich nun anbahnt, ist die Stadt nicht vorbereitet. Wer geblieben ist, verschließt so gut es geht die Augen vor der gesundheitlichen Bedrohung. Spannung macht sich dennoch breit. "An den Fuß klemmt sich die Furcht, bange Erwartung drückt die Brust. Noch kämpfen Zweifel und Spott mit ihnen. Man ist ja selbst noch gesund", berichtet Loewenberg. 

Entgegen der dringenden Empfehlung des Mikrobiolgen Robert Koch hält Hamburgs Medizinalrat Kraus Isolierungen und Quarantäne weiterhin für Zeit- und Geldverschwendung. Auch ein spezielles Cholerakrankenhaus gibt es nicht, Transportmittel für die Erkrankten sind rar. Bei Ausbruch der Epidemie zählt die Stadt vier Krankenwagen, eine Fahrt aus der Innenstadt zum Krankenhaus in Eppendorf kann bis zu drei Stunden dauern. Die größten medizinischen Einrichtungen zählen zusammen knapp 4000 Betten und 35 Ärzte. Die Zahl der Infizierten steigt Ende August täglich um 400. Bald sind die Säle hoffnungslos überfüllt. Am Ende sieht sich die Stadt gezwungen, Hilfslazarette aus dem benachbarten Preußen anzufordern. 

"Wohin soll man gehen? Die Cafés, die Restaurants sind leer"

Nur zögernd erlässt der Senat Schutzmaßnahmen. Das gesellschaftliche Leben kommt zum Stillstand, in den Straßen hört Loewenberg Schüler jubeln, die sich über "Choleraferien" freuen. "Das war auch die einzige Freude, die sich hervorwagte." Märkte und Tanzveranstaltungen werden verboten, allein an der Hamburger Börse darf weiter spekuliert werden. "Pflichtgefühl und Gewohnheit führten dort nach wie vor und selbst in den allerschlimmsten Tagen für ein bis zwei Stunden Tausende zusammen, die ganz genau wussten, welcher Gefahr sie sich aussetzten und doch hingingen, "heißt es durchaus selbstkritisch im hauseigenen Börsenblatt.

Wer sich nicht mit Spekulationen vergnügt, dem erscheinen die Abende plötzlich lang. Ernst Goverts, Richter und Abgeordneter im Hamburger Senat, bemerkt in seinem Tagebuch: "In der trüben Cholerazeit hatten wir, wie alle unsere Verwandten und Bekannten, vollkommen ruhig gelebt, an Geselligkeit dachte niemand." Junge Menschen wie Loewenberg langweilen sich entsprechend. "Wenn nur die Abende nicht so lang wären! Wohin soll man gehen? Die Cafés, die Restaurants sind leer. Man wird erstaunt angesehen, wenn man hineintritt, und es wird einem bange, wenn man ganz allein in dem großen Raum sitzt", schreibt er. Doch echten Rückzug kann sich sowieso nur leisten, wer der bürgerlichen Schicht angehört.

Dienstboten müssen nun für alle Erledigungen außerhalb der eigenen vier Wände herhalten. Wer durch die Schutzmaßnahmen seine Arbeit verloren hat, meldet sich als Kranken- oder Leichenträger. Loewenberg schließt sich einer Desinfektionskolonne an, die durch die verseuchten Straßen zieht und die Wohnungen der Erkrankten reinigt. "Betten, Kleider, Gardinen wurden eingepackt, mit Zetteln versehen und zur Desinfektionsanstalt fortgeschafft. Lebensmittel, die offen herumstanden, wurden vernichtet." Bald durchzieht die Stadt der unverkennbar beißende Geruch des Desinfektionsmittels. 

Die Arbeit ist in diesen Zeiten schwer zu ertragen, die Nachfrage nach Alkohol steigt. Durch die Gassen tönt immer häufiger der Vers eines Volksliedes: "Schnaps hilft gegen Cholera". Vor den Apotheken stehen die Menschen Schlange, jeder versucht eine Flasche Desinfektionsmittel zu ergattern. Die hohe Nachfrage lässt die Preise steigen, in den Hamburger Zeitungen übertrumpfen sich Händler mit vermeintlichen Heilmitteln gegen die Cholera. Mithilfe von Flugblättern versucht der Senat, die Bevölkerung davon zu überzeugen, das Wasser vor dem Gebrauch abzukochen. In der arbeitenden Schicht findet das wenig Anklang. 

Aus dem Bürgertum hagelt es auch deshalb Kritik. Es sei die Faulheit des Proletariats, dass sich die Gängeviertel zu Infektionsherden entwickelt hätten. Dabei liegen die eigentlichen Gründe woanders, wie die Arztgattin Else Hueppe selbstkritisch feststellt: "Die meisten Verordnungen und Ratschläge passen nur für Gebildete oder schon einigermaßen gut Situierte und bei diesen sind sie meist überflüssig. Für die Armen sind die Verordnungen meist ganz einfach unverständlich und überhaupt unausführbar."

Tatsächlich liegt den Bewohnern der Gängeviertel zur damaligen Zeit nichts ferner als Hygiene. In den "Brutstätten und Pesthöhlen", wie Robert Koch die Wohnungen der Arbeiter in den Gängevierteln beschreibt, leben 90.000 Menschen dicht gedrängt ohne Kanalisation. Ganze Wohnblöcke teilen sich Gemeinschaftstoiletten, Abfälle werden in die Fleete gekippt und in die Elbe gespült.

Die Sterblichkeit ist in dieser Gegend am größten. Täglich gibt es neue dramatische Schicksale zu beklagen. "In der Stube, die wir heute gereinigt haben, wurde eine junge Mutter tot gefunden. An ihrer Brust lag ihr Kind, ein Säugling, lebend und lächelnd", berichtet Loewenberg. Es sei eine schwere Zeit mit "harter, hässlicher, oft ekelhafter Arbeit", die einen abstumpfen ließe. 

Erst Anfang Oktober 1892, fast zwei Monate nach der ersten Cholera-Infektion, flaut die Seuche langsam ab. Doch der Schaden bleibt: 8600 Menschen verlieren ihr Leben, so viele wie bei allen vorangegangenen Cholera-Epidemien in Deutschland zusammen. Die Angst vor einem erneuten Ausbruch hält noch lange an. Auch den Handel kann der Senat nicht retten, noch bis ins neue Jahr hinein gelten für Hamburger Schiffe strikte Quarantänemaßnahmen. Tausende Hamburger verlieren ihre Arbeit, im Januar des Folgejahres sind 18.000 Männer der insgesamt 640.000 Einwohner arbeitssuchend gemeldet. 

Ein polizeiliches Gutachten ergibt, dass beim Bau der Gängeviertel sämtliche hygienischen Anforderungen außer Acht gelassen worden waren. Der Senat ist im Zuge der Epidemie nun gezwungen die Grundsanierung der überfüllten Wohnquartiere der Arbeiter zu veranlassen. Um einen erneuten Ausbruch der Krankheit zu vermeiden, muss die Regierung auch den Bau einer Wasserfiltrationsanlage beschleunigen, die der Senat seit 1870 erfolgreich verschleppt hatte. Ein halbes Jahr nach der Cholera-Epidemie werden bereits die ersten Filterbecken mit sauberem Wasser in Betrieb genommen. 

Jakob Loewenberg bleibt bis zu seinem Tod in Hamburg. 1929 stirbt er an einer schweren Grippe und wird auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. Das Grab ist bis heute erhalten geblieben, in Iserbrook im Westen Hamburgs ist sogar eine Straße nach dem jüdischen Dichter und Pädagogen benannt. 


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