HOME

"Don't Come Knocking": Wim Wenders parodiert den Western

Eigentlich ist Wim Wenders ja ein Mann für das künstlerisch-intellektuelle Publikum. Sein neuer Film markiert einen Bruch - der deutsche Regisseur liefert eine Parodie auf das Western-Genre, eine gehobene Variante von Bully Herbigs "Schuh des Manitu".

Von Florian Güßgen

Howard Spence haut einfach ab. Eigentlich soll er einen Cowboy spielen, mitten in der Wüste Utahs, aber dann haut er einfach ab. Er reitet davon, irgendwohin und nirgendwohin, entflieht der Welt des Films, der Kameras, des Regisseurs, der Mädels in seinem Trailer. Irgendwann steigt er vom Pferd, besorgt sich einen Wagen und sieht zu, dass er nach Hause kommt, zur Mutter.

Western-Held im Kinderzimmer

Spence (Sam Shepard) ist kein Jungspund. Er ist ein alternder Mann, 60 vielleicht, vielleicht aber auch ein paar Jahre jünger oder älter. Sex, Drugs and Rock'n'Roll - als Western-Held hat er alles gehabt. "Don't come knocking" steht auf einem Schild, das er an seinen Wohnwagen hängt, "if the trailer's rocking." Rock'n'Roll. Seine Mutter (Eva Marie Saint) hat Spence im Rausch vergessen, dreißig Jahre lang hat er sie nicht gesehen, nicht besucht. Jetzt hat sich irgendetwas verändert, irgendetwas, das ihn verzweifeln lässt, das ihn treibt, das ihn zwingt zu fliehen. Vielleicht ist es die Leere, vor der er davonrennt. Am Abend seiner Flucht findet er sich in seinem Kinderzimmer wieder. Es ist wie eine Kapitulation.

Ein erwachsener Sohn in einem Kaff in Montana

Aber damit nicht genug. Von seiner Mutter erfährt Spence, dass er einen erwachsenen Sohn hat, von einer ehemaligen Geliebten, oben in dem Kaff Butte im US-Bundesstaat Montana. Dort hat er einmal einen Film gedreht. Spence sucht und findet Earl (Gabriel Mann), den Sohn, dessen Mutter Doreen (Jessica Lange) - und Sky (Sarah Polley), ein weiteres Kind. Eine Parallelwelt tut sich auf, ein anderes Leben, so wie es hätte sein können - wenn sich Spence anders entschieden hätte.

An sich sind Wenders-Filme größtenteils eher etwas für Cineasten, für Liebhaber schöner Aufnahmen und unorthodox erzählter Geschichten. "Don't Come Knocking" ist anders. Auch hier gibt es wunderbare Aufnahmen der Wüste oder des kleinstädtischen Amerika. Es sind satte Farben, mit denen Wenders seine Bilder zeichnet. Aber es ist nicht die Fotografie, von der dieser Film lebt. Es ist tatsächlich die Handlung die diesen Film faszinierend macht, die Auseinandersetzung zwischen Spence und seinem aufbrausenden und zutiefst verletzten Sohn und dessen kluger, entschlossener und nicht minder verletzer Mutter. Die Figuren Spence und Doreen, die Schauspieler Shepard und Lange, die auch im richtigen Leben verheiratet sind, liefern sich ein leidenschaftliches, faszinierendes und unterhaltsames Duell darüber, was wirklich zählt in ihrem Leben. Mit Wenders zusammen hat Shepard auch das Drehbuch zu diesem Film geschrieben.

Feine Ironie statt plakativem Klamauk

Dabei ist "Don't Come Knocking" eine Parodie, eine Persiflage. Wenders mokiert sich über den Mythos des Westens, über das Western-Genre - und über die Figur des harten Cowboys. Der Held, im Film ein harter und ungestümer Sieger, ist im wirklichen Leben ein Versager - als Vater ebenso wie als Mann. Eigentlich ist Spence nicht beziehungsfähig, verschwindet hinter der Plattheit seiner Filmrollen.

Im wirklichen Leben verkommt seine Pose zur traurigen Posse. Die Frauen - die Mutter des Helden, die Ex-Geliebte - sie alle tragen dagegen Verantwortung, beißen sich durch, schaffen nicht nur Leben, sondern Beziehungen. Sie bestehen im täglichen Klein-Klein, das nichts so sehr symbolisiert, wie der Diner, in dem Doreen arbeitet. Der Diner im gottverlassenen Butte, Montana, ist das Gegenstück zur Wüste Nevadas, es ist der Ort des Sozialen, der Anti-Mythos. Erbarmungslos zeigt Wenders, wie unbeholfen Spence durch diese Welt stolpert, anders als Bully Herbig persifliert er den Cowboy mit feiner Ironie statt mit plakativem Klamauk.

Seiner Welt entkommt Spence nie so ganz. Die Versicherung der Produktionsfirma hat einen Kopfgeldjäger angeheuert. Mit der Präzision einer Maschine folgt der Mann namens Sutter Spences Spur - grandios gespielt von Tim Roth. Er wirkt wie eine Mischung aus Agent Smith aus "Matrix" und der T-1000-Terminator-Ausgabe, die Robert Patrick in "Terminator 2" verkörperte. Beständig versucht Sutter, den Filmstar in dessen leere Welt zurück zu ziehen - weg von seiner Ex-Geliebten, von seinen soeben entdeckten Kindern, von all diesem schönen, sozialen Leben. Auch das Ergebnis dieser Jagd ist spannend.