"El Lobo" Der Mann, der die ETA fast zu Fall brachte


Mikel Lejarza alias "El Lobo" wurde in der Franco-Zeit als Agent in die ETA eingeschleust, später aber einfach fallen gelassen. Ein Kinofilm erzählt jetzt die Geschichte "des Wolfes", dem die Terroristen ewige Rache schworen.

Seine Handschuhe zieht sich Mikel Lejarza nie aus. Selbst im Sommer nicht. Seine Fingerabdrücke könnten ihn verraten. Mal trägt er einen Bart, mal hat er lange Haare, mal Glatze. Der 57- Jährige hat Angst. Seit nunmehr 30 Jahren. Und das, obwohl er sich einer Gesichtsoperation unterzogen hat und ihn selbst seine Eltern nicht erkennen würden.

Seit 1975 auf der Flucht

Mikel Lejarza ist seit 1975 auf der Flucht. Er ist der Geheimagent, der unter dem Decknamen "El Lobo" (Der Wolf) damals, in den letzten Jahren der Franco-Diktatur, in die baskische Untergrundorganisation ETA eingeschleust wurde und diese beinahe zu Fall gebracht hätte. Dank seiner Informationen gelang der Polizei seinerzeit der bislang schwerste Schlag gegen die ETA. Fast 200 ihrer Mitglieder wurden festgenommen, die Führungsspitze inklusive. Die Terroristen schworen Rache und setzten ihn ganz oben auf ihre Todesliste. Jedes ihrer Kommandos halte stets eine Kugel für ihn parat, heißt es.

Ein viel diskutierter Kinofilm in Spanien erzählt nun die Geschichte des zweifachen Familienvaters, der unter falscher Identität irgendwo in Spanien lebt. In "El Lobo" verarbeitet der im Baskenland aufgewachsene französische Regisseur Miguel Courtois die wahre Geschichte als spannenden Thriller. "Es ist kein militanter oder politischer, sondern ein objektiver Film", sagt er. Dennoch gibt Courtois zu: "Wenn wir eine seit langem fällige Debatte über die ETA in den Zeiten des Franco-Regimes auslösen und den Zuschauer gleichzeitig unterhalten können, haben wir unser Ziel gleich doppelt erreicht."

Kassenschlager in Spanien

Für viele ist der Streifen - er wurde in Spanien ein Kassenschlager und steht dort derzeit an Platz 2 der Kinocharts - eine späte Wiedergutmachung, allen voran für Lejarza selbst, der damals sein Leben aufs Spiel setzte und danach von seinen Oberen einfach fallen gelassen wurde. "Die Orden haben sich andere angeheftet. Es ist kaum zu glauben, aber beim Mossad in Israel und dem FBI in den USA ist meine Arbeit mehr anerkannt worden als in Spanien", sagte er kürzlich in seinem ersten Fernsehinterview - stets mit dem Rücken zur Kamera sitzend. Für die Separatisten im Baskenland ist der Film dagegen eine Lobpreisung eines Volksverräters, eines "Handlangers der Tyrannei".

Der Film dokumentiert, wie Lejarza, gespielt von Eduardo Noriega, Anfang 1974 von Francos Geheimdienst SECED angeworben wird. Das Regime ist in Zugzwang: Die ETA genießt wegen ihres Kampfes gegen die Diktatur nicht nur im Baskenland Sympathien, und wenige Monate zuvor, am 20. Dezember 1973, hatte sie Ministerpräsident Luis Carrero Blanco mit einem Bombenanschlag in Madrid getötet. Der junge Mikel wird von einem Onkel empfohlen, der als Wachmann arbeitet. Der damals 27- jährige Innendekorateur scheint der geeignete Kandidat: Er ist Baske, spricht baskisch, kennt sich in den Kreisen der Separatisten aus. Und er ist nach einer turbulenten Trennung von seiner Frau sowie einem geplatzten Geschäft pleite. Im französischen Untergrund gewinnt er das Vertrauen der ETA und lebt fortan als "Gorka" unter den Terroristen.

Skrupellosigkeit der Staatsgewalt

Der Film zeigt aber auch die Skrupellosigkeit und den Zynismus der damaligen Staatsgewalt. "Wenn wir die ETA ausschalten, wovon soll ich denn leben? Soll ich etwa einen Tabakladen aufmachen?", wird einem Polizeioffizier in den Mund gelegt. Tatsächlich schien den Sicherheitskräften ein Ende der ETA nicht opportun - sie nährten sich auch vom Terror. Mikel Lejarza ist dagegen noch heute davon überzeugt, dass die Organisation damals hätte besiegt werden können. Seitdem hat die ETA fast 850 Morde mehr auf ihrem Konto, und "Lobo" ist ein gebrochener Mann: "Mein Gesicht, meine Identität, meine Freunde, meine Familie, meine Eltern, meine Schwestern, ich habe alles verloren."

Jörg Vogelsänger/DPA DPA

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