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"Hanami - Kirschblüten": Von der kurzen Blüte des Lebens

Doris Dörries neuer Film "Kirschblüten - Hanami" handelt von der Tragik, das eigene Leben zu verpassen und der Chance, doch noch einmal richtig aufzublühen, bevor es zu Ende ist. Eine bewegende Familiengeschichte zwischen Alltag und Vergänglichkeit.

Von Bianca Kopsch

Leben ist Bewegung. Nicht für Rudi. Zumindest noch nicht. Rudi Angermeyer, ein kleiner Beamter aus dem Allgäu, wartet auf den Ruhestand, dann kommt die schönste Zeit, dann kann man alles machen, was ein Leben lang nicht in die eintönige, aber sorgsam gepflegte Alltagsroutine gepasst hat: die Reise nach Japan zum Beispiel, ein immer wieder aufgeschobener Wunsch seiner Frau Trudi. Doch dann kommt alles anders.

Doris Dörries neuer Film "Kirschblüten - Hanami" erzählt von der Tragik, das eigene Leben zu verpassen und das der anderen gleich mit. Er zeichnet ein beklemmendes Porträt einer deutschen Familie, die sich komplett voneinander entfremdet hat. Der Hoffnungsschimmer liegt im fernen Japan. Die kurze Zeit der Kirschblüte dient nicht nur als wunderschönes Symbol für Vergänglichkeit, sondern visualisiert zugleich eine Chance: die Chance noch einmal aufzublühen und sich selbst zu entdecken, bevor alles vorbei ist. Doch dafür muss erst einer sterben.

Vom Arzt erfährt Trudi, ungeschminkt und eindringlich verkörpert von Hannelore Elsner, dass ihr Ehemann Rudi, gespielt von Elmar Wepper, unheilbar krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. Sie entschließt sich, ihrem Mann und den erwachsenen Kindern diese Diagnose zu verschweigen und stattdessen die verbleibende Zeit mit ihm und der Familie so intensiv wie möglich zu genießen. Was nicht gelingt. Die Japanreise will sich Rudi eben für den Ruhestand aufheben, und selbst die geschäftigen Kinder in Berlin besucht er letztlich nur seiner Frau zuliebe. "Ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht", stellt der gealterte Familienvater schon nach einem Tag bei seinem Nachwuchs in der ungeliebten Großstadt fest. Traurig, aber wahr.

Der grausame Alltag

Die Szenen, die sich zwischen Eltern und Kindern abspielen sind so alltäglich wie grausam. Sie können einfach nichts miteinander anfangen. Die Kinder sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, empfinden die Eltern als Last, haben keine Muße und finden keine Zeit, sich mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen. Die Eltern wiederum haben ihre Kinder als Erwachsene schon lange aus den Augen verloren. Das kennt jeder. Unspektakulär und beklemmend zugleich. Ganz nah dran an dem, was wohl den meisten Menschen als schlechtes Gewissen im Nacken sitzt. So macht sich der Film auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Still und unausweichlich.

Als dann nicht Rudi, sondern seine Frau unerwartet stirbt, kommt alles in Bewegung. Die Kinder sind mit der Situation vollends überfordert, und Rudi tritt die Flucht nach vorn an: Er reist nach Japan. Alleine, im Gedenken an seine Frau, die er nie richtig gekannt hat, wie er nach ihrem Tod feststellen muss. Denn eigentlich wäre Trudi gerne Tänzerin im japanischen Ausdruckstanz Butoh geworden und nach Japan gegangen. Für Rudis Vorstellungen von einem geregelten Familienleben im Allgäu hatte sie diese Pläne ohne zu klagen aufgegeben. Zum ersten Mal in seinem Leben macht sich Rudi darüber Gedanken.

Im Nachhinein plagt den Witwer das schlechte Gewissen: "Wenn ich gewusst hätte, dass wir nicht mehr soviel Zeit miteinander haben, wäre ich netter zu ihr gewesen..." Herzzerreißend, bitter, amüsant. Diese unbeholfene Erkenntnis ist der Anfang einer Reise auf den Spuren der Träume seiner verstorbenen Frau bis hin zu sich selbst. In Japan erlebt Rudi nicht nur die Kirschblüte in voller Schönheit, sondern erlernt auch Butoh - und sucht so tänzerisch Kontakt zu seiner toten Frau.

Weiß geschminkt am Fuji

Auch wenn der Film in der zweiten Hälfte in eine fremde, meditative Welt abgleitet, er verliert nie seine Wirkung. Selbst wenn Rudi in den Kleidern seiner Frau durch Japan reist, um Trudi so an seinen Erlebnissen teilhaben zu lassen, oder wenn er schließlich weiß geschminkt im Angesicht des japanischen Gebirgsmythos Fuji in sich selbst versunken seine Butoh-Bewegungen ausführt, der Film verliert nie den Kontakt zu einer Gefühlswelt, die jeder kennt. So abstrus sich die Geschichte auch entwickeln mag, sie gleitet nie ins Peinliche ab. Vor allem Dank Hauptdarsteller Elmar Wepper, der dem geläuterten Rudi mit seinem nüchternen, ehrlichen Spiel, eine unantastbare Würde verleiht, mit der der Witwer schließlich nicht nur seiner Frau nachträglich nahe kommt, sondern auch sich selbst.

In diesem Film geht es um uns. Um jeden, der die Entfremdung in den Beziehungen zwischen eigentlich geliebten Menschen auch gespürt hat. Er ist ganz nah an uns dran - selbst wenn wir uns nicht für die tiefere Bedeutung von Butoh oder die eigenwillige bis plakative Exotik Japans interessieren. "Kirschblüten - Hanami" hat Dörrie ihren Film genannt. "Hanami" bedeutet "Blüten schauen". Die Kirschblüte, ein Symbol, wie es eindringlicher kaum geht: Sie blüht kurz auf, in voller Schönheit, und plötzlich ist alles wieder vorbei. Diesen Moment nicht zu verpassen, gibt uns die Filmemacherin zu verstehen, darum geht es im Leben. Aufblühen, bevor es zu spät ist. Das trifft, mitten ins Herz.