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"Kontroll": Ungeheuer untergründig

Frustrierte Fahrscheinkontrolleure, Killer unter Kapuzen und Traumfrauen in rosa Plüsch - "Kontroll" ist eine schöne und skurrile Geisterfahrt durchs U-Bahn-Labyrinth.

Von Claudia Fudeus

Eine Rolltreppe. Nach unten fährt eine Frau - ziemlich aufgedonnert, ziemlich leicht bekleidet, ziemlich betrunken. Mit den Zähnen versucht sie, eine noch verkorkte Flasche Sekt zu öffnen. Unten angekommen, schwankt sie bedrohlich auf ihren viel zu hohen Absätzen. Sie stöckelt über einen menschenleeren U-Bahnsteig. Manchmal kommt sie den Gleisen dabei verdächtig nahe. Das kalte Neonlicht lässt sie noch älter, noch heruntergekommener, noch betrunkener aussehen. Plötzlich bewegt sich ein Schatten, plötzlich ist die Frau verschwunden, nur ein roter Pumps bleibt einsam auf dem Bahnsteig zurück.

In die dunklen Gänge der Budapester Untergrundbahnen entführt "Kontroll" die Zuschauer: In einen Kosmos aus kaltem Licht und abgestandener Luft, in den die Großstadt täglich tausende Menschen hinab speit, um sie später wieder zu verschlucken - die meisten jedenfalls. Budapest nicht nur deshalb, weil dort die älteste U-Bahn auf dem europäischen Festland fährt. Sondern auch deshalb, weil Regisseur Nimrod Antal Ungar ist.

"Kontroll" ist, zumindest was lange Filme angeht, sein Erstlingswerk - vorher versuchte er sich als Schauspieler, drehte Kurzfilme, Werbe- und Musikclips. Davon profitiert nun insbesondere die Optik von "Kontroll": schnelle Schnitte, schöne Bilder, treibende Musik im Hintergrund und beim Zuschauer das Gefühl, ganz nah dran zu sein. Zwischen Neonlicht und Abfallhaufen schaffen Antal und Kameramann Gyula Pados es zudem, die U-Bahn-Kulisse stellenweise richtig schön, fast poetisch aussehen zu lassen.

Kontrolleure ohne Kontrolle

Weniger schön sind seine Filmhelden. Bulcsu und seine Truppe sind Kontrolleure ohne Kontrolle, Gestalten, wie man sie sich skurriler und trauriger nicht ausdenken könnte: Sie werden verspottet von den eigenen Kollegen, fotografiert von japanischen Touristen, verprügelt von Fußballfans, mit Rasierschaum attackiert vom notorischen Schwarzfahrer Bootsie, mit Mehl behext von Zigeunerinnen ohne Fahrschein, plötzlich in Tiefschlaf versetzt von Narkolepsie. Nur gültige Fahrscheine bekommen sie selten zu Gesicht. Wenn sie den Betriebspsychologen konsultiert haben, muss der nachher selbst in Behandlung.

Held wider Willen

Einzig Bulcsu hat das Zeug zum Helden - wenn auch wider seinen Willen. Er gewinnt das Rennen gegen den Nachtzug, er jagt den Schwarzfahrer Bootsie, er trifft immer wieder auf die Gestalt unter schwarzer Kapuze, die nur aus den Schatten auftaucht, um Fahrgäste vor den herannahenden Zug zu schubsen.

Und er begegnet zwischen all den blassen Passagiergesichtern einem Mädchen im rosa Bärenkostüm, das blitzende Augen hat und nie seine Fahrkarte zeigt. Warum sie ein Bärenkostüm trägt? Vielleicht weil Menschen im Neonlicht nie gut, sondern immer nur müde aussehen - und sie, Sofie, sieht hinreißend aus.

Kurz: Bulcsus ganzes Leben spielt sich im Untergrund ab. Aus rätselhaften Gründen hat sich der Anführer der Kontroll-Chaoten völlig vom Leben an der Oberfläche zurückgezogen. Steckt die Flucht vor Karriere, Konkurrenzdruck und Konsum dahinter? Es wird nie ganz klar. Nach einem nächtlichen U-Bahn-Kostümball steht Bulcsu Hand in Hand neben dem als Engel verkleideten Bärenmädchen Sofie und blickt auf die nach oben rollende Treppe. Ob er letztlich in der wundersamen, wilden Untergrundwelt bleiben wird oder zurückkehrt ans Tageslicht – wer weiß es schon.

Lichtblick im Dunkeln

Genau so im Dunkeln bleibt, welchem Genre man diesen Film wohl zuordnen soll. Thriller? Doku? Sozialdrama? Komödie? Liebesgeschichte? Märchen? Er hat von allem etwas. "Kontroll" mit einem Puzzle zu vergleichen, trifft es nicht, denn die einzelnen Teile müssen nicht aneinander passen. Der Film ist mehr ein Mosaik – mit Fantasie, Liebe zum Bild und zum Detail und viel Experimentierfreude als Verfugungsmittel für die Zwischenräume, die notwendigerweise zwischen den Geschichten-Bausteinen bleiben. Doch das Gesamtbild beeindruckt. Manchmal kommt das hellste Licht aus dem tiefsten Untergrund.

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