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"Melancholia"-Filmstart: Keine Angst vor Lars von Trier

Gerade hat Extremregisseur Lars von Trier verkündet, dass er nie wieder Interviews geben wird. Ob das sein Meisterwerk "Melancholia" retten kann?

Von Sophie Albers

Lars von Trier versucht noch immer, den braunen Schatten von Cannes loszuwerden: "Am Mittwochnachmittag hat mich die dänische Polizei verhört (…) Grund ist ein möglicher Verstoß gegen das französische Gesetz zum Verbot der Rechtfertigung von Kriegsverbrechen. Die Ermittlungen beziehen sich auf Bemerkungen, die ich während der Pressekonferenz in Cannes im Mai 2011 gemacht habe. Aufgrund dieser schwerwiegenden Vorwürfe habe ich erkannt, dass ich nicht die Fähigkeit besitze, mich eindeutig auszudrücken und habe deshalb beschlossen, mich von diesem Tag an nicht mehr öffentlich zu äußern und keine Interviews mehr zu geben."

Auf dieser mittlerweile traurig-berühmten Pressekonferenz im Mai hat der dänische Regisseur von gefeierten Filmen wie "Dogville" und "Dancer in the Dark" das Kunststück vollbracht, binnen einer halben Stunde vom Liebling des Filmfestivals zur unerwünschten Person zu mutieren. Eigentlich wollte er sein neues Werk "Melancholia" vorstellen. Dann legte der Extrem-Regisseur jedoch die Grenzen des Spaßverständnisses der Filmfestgemeinde bloß. Einer verdrehten Assoziationskette zum Thema Nazi-Ästhetik und Hitler folgte der provokant-selbstironische Ausruf: "Okay, ich bin ein Nazi" - und das Gezeter der internationalen Presse. Grenzen bloßlegen, das darf Lars von Trier offensichtlich nur in seinen Filmen. Das lernt der Filmemacher seit fast einem halben Jahr.

Ehrlichkeit um jeden Preis

Dabei hat sich der 55-Jährige mit dem "FUCK"-Tattoo auf den Fingern seiner rechten Hand doch der Wahrheit verschrieben, der Ehrlichkeit um jeden Preis, dem täglichen "seelischen Schlussverkauf", wie die "Süddeutsche Zeitung" es nannte - und das von Anfang an. Doch wie die große Virginia Woolf zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts schon erkannte, kann keine Gesellschaft "wahren Witz, echte Weisheit, ehrliche Tiefe" überleben. Insofern passt es ja ganz gut, dass von Trier der Menschheit in seinem neuen Film schlicht und ergreifend das Ende bereitet.

Und das tut er in solch vollendeter Schönheit, dass er sich bereits gefragt hat, ob er "Melancholia" nicht "scheiße" fände. Unterlegt mit dem Vorspiel zu Wagners Oper "Tristan und Isolde" kracht der Planet Melancholia in die Erde, deren Schönheit von Trier zuvor in surrealen, mit kulturellen Referenzen überfrachteten Bildern voll opulenter Macht gefeiert hat. Notblüte nennt man das bei Pflanzen.

Kirsten Dunst und Kiefer Sutherland

Hollywood-Blondine Kirsten Dunst ("Spider-Man") spielt die schwer depressive Justine, eine junge Frau, die zuerst das "normale, gute" Leben als Ehefrau eines attraktiven, liebevollen Mannes versucht, doch schon beim Hochzeitsbankett erkennen muss, dass sie es nicht kann. Ihr gegenüber steht Claire (gespielt von Charlotte Gainsbourg, seit "Antichrist" festes Mitglied in von Triers masochistischem Ensemble) als sorgenvolle Ehefrau und Mutter, die in einem luxuriös-pittoresquen Landsitz das Leben lebt, das Justine verwehrt bleibt. Während die Hochzeitsgesellschaft ohne Grund feiert und die Schwestern sich an ihrer Unterschiedlichkeit abarbeiten, nimmt der wunderschön blaue Planet Melancholia Kurs auf die Erde.

Die Menschen schauen fasziniert, gebannt, schaudernd in den Himmel. Claires Mann John ("24"-Held Kiefer Sutherland) meint, ganz Hobbyastrologe, dass Melancholia die Erde verfehlen wird. Claire drückt ihren kleinen Sohn an sich und gerät zunehmend in Panik. Justine kommt das erste Mal in ihrem Leben zur Ruhe, schließlich verdienen die Menschen in ihren Augen das Ende, sie eingeschlossen.

Komm, schöner Tod

"Melancholia", Planet wie Film, entwickelt einen unglaublichen Sog. So wie die Filmfiguren auf den immer größer werdenden Himmelskörper starren, starrt der Zuschauer auf von Triers Bilder. "Wenn eine Depression vorbeizieht, ist sie wunderschön anzusehen, doch wenn sie dich trifft, ist sie der Tod", hat von Trier einst gesagt. Und fügt hinzu, dass der Film auch die Verarbeitung einer eigenen schweren Depression und Alkoholsucht sei.

In seiner bedingungslosen Darstellung dieser den Menschen eigenen Faszination des möglichen Endes - so banal es klingen mag - liegt die Größe dieses Films. "Melancholia" ist ein Meisterwerk des Kinos. Egal, was von Trier sagt.

Und das macht auch klar, wie mit seiner verbalen "Unfähigkeit" auf Pressekonferenzen zu verfahren ist: Die sollte man beim Gang ins Kino einfach ignorieren. Oder sich der gesamten Diskussion und allen Ausführungen von Triers stellen und begreifen, dass das wahre Verständnis von Kunst einen größeren Kontext braucht als ein dämliches Zitat.