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"Persepolis": Ein ungezogenes Mädchen und die Mullahs

Als Comic war "Persepolis" ein Welterfolg, nun kommt die tragikomische Lebensgeschichte einer Frau aus Teheran als preisgekrönter Trickfilm in die Kinos. Ein Gespräch mit der Autorin und ihrer deutschen Synchronstimme.

US-Präsident Bush warnt vor einem Dritten Weltkrieg, weltweit versuchen Diplomaten, das Schlimmste zu verhindern, und Irans Präsident Ahmadinedschad rasselt weiter mit dem Säbel. Kommt "Persepolis" genau zur richtigen Zeit?
Marjane Satrapi: Ja, aber das ist Zufall.
Jasmin Tabatabai: Es gibt keine Zufälle!
Satrapi: Als der erste Comicband 2000 erschien, ahnte niemand, welche Relevanz diese Geschichte bekommen würde. Dann kam der 11. September, der Krieg gegen den Irak, und seitdem hat man das Gefühl, die Welt wird immer schlimmer. Ich wünschte mir, ich hätte niemals so ein Buch schreiben müssen, und es hätte niemals so einen Erfolg gehabt, weil es nicht nötig gewesen wäre, es zu lesen. Und ich wünschte, ich hätte nie einen Film daraus machen müssen, der zur richtigen Zeit kommt.

Ist die Geschichte über Ihre Kindheit während der islamischen Revolution so erfolgreich, weil sie im Grunde eine Komödie ist?
Satrapi: Das ist die höchste Form des gegenseitigen Verständnisses: gemeinsam über etwas lachen. Und es ist eine sehr universelle Story über den Alltag in einer Diktatur. Ich habe viele Reaktionen von Menschen bekommen, die hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchsen. Trotzdem bin ich, was den Erfolg angeht, ganz bescheiden. Ich glaube nicht, dass man als Künstler die Welt verändern kann. Selbst "Fahrenheit 9/11" hat die Wiederwahl von George W. Bush nicht verhindert. Doch wenn nach meinem Film nur ein einziger Zuschauer die Iraner mit anderen Augen sieht, habe ich viel erreicht.

Also brauchen wir eine Vorstellung im Weißen Haus?


Satrapi: Ich weiß nicht, ob sich Bush das anschauen würde. Tabatabai: Neulich sagte ein 20-jähriger Bühnenarbeiter aus den USA zu mir: Du bist aus dem Iran? Euer Präsident ist echt verrückt. Darauf ich: Bei allem Respekt, aber eurer genauso. Der Iran ist auf jeden Fall ein Thema, das immer mehr Leute interessiert. Es gab bisher kaum Solidarität unter Exil-Iranern, lauter Einzelgänger irgendwo auf der Welt. Das ändert sich gerade.
Satrapi: Wir sind eben ein Land voller Individualisten. Nehmen Sie nur die iranische Fußball-Nationalmannschaft. Alles gute Spieler. Aber wenn einer den Ball bekommt, will er unbedingt ein Tor schießen und gibt so lange nicht ab, bis er den Ball wieder verliert. Das liegt an unserer Historie. Der Iran wurde in der Vergangenheit ständig angegriffen. Wir haben immer wieder verloren, weil es Verräter gab in den eigenen Reihen. Dieses Gefühl des Misstrauens gegenüber den Nachbarn rührt aus Tausenden von Jahren Geschichte. Tabatabai: Marjane und ich stehen ja eher für einen iranischen Frauentyp, den keiner kennt. Westler denken meist, Iranerinnen sind jämmerliche, kleine verhuschte Mäuschen.


Satrapi: Vor vier Jahren sagte eine US-Journalistin zu mir, sie sei überrascht, wie ich ausschaue. Ich fragte: Dachtest du, wir sehen alle aus wie Affen? Und sie antwortete tatsächlich: Well, yes!
Tabatabai: Direkt nach dem 11. September fragte mich eine enge Freundin: Warum bist du Muslimin? Wie das klang! Als ob ich aussätzig wäre. Ich antwortete: Weil mein Vater einer war. Und warum bist du noch mal Christin?
Satrapi: Ich kenne iranische Muslime, die von früh bis spät Wodka trinken oder Minirock tragen. Heutzutage sind Muslime zu einem Feindbild aufgebaut worden, das mich oft an die stereotype Beschreibung der Juden in den Zwanzigern erinnert. Die muslimischen Fanatiker bezeichnet man dann als Islamisten, aber nennen wir die Inquisitoren der katholischen Kirche Christianisten?

Sie sind beide in Teheran aufgewachsen, stammen aus liberalen, gut situierten Familien. Sind Sie sich früher schon mal begegnet?


Satrapi: Ich hätte in Teheran niemals mit ihr gesprochen. Jasmin ist 30 Monate älter als ich, das fühlt sich für Kinder an wie 30 Jahre. Als ich erfahren habe, dass sie in der deutschen Fassung von "Persepolis" meine Figur spricht, habe ich ihren Namen gegoogelt und war sehr zufrieden. Ein hübsches Mädchen, das gerne lacht und furchtlos ist. Das sieht man in ihren Augen.
Tabatabai: Ich habe ihr eine Menge Geld gezahlt, damit sie das sagt. Ich bin ein großer Verehrer von Marjanes Arbeit, seit ich sie 2004 in einem Comicladen in Berlin- Kreuzberg entdeckt habe. Für mich war das wie eine Offenbarung. Inzwischen habe ich die Bücher vielen meiner deutschen Freunde geschenkt. Wenn man etwas erfahren will über Iraner, ihre Seele, ihren Humor und ihre Traurigkeit, muss man das lesen. Das ist meine Geschichte, aber ich kann leider nicht so gut zeichnen.
Satrapi: Dafür schreibst du Songs wie "I Ran" oder drehst Filme wie "Fremde Haut", in dem du als lesbische Iranerin auf der Flucht die Identität eines Mannes annimmst.

Neben der künstlerischen Auseinandersetzung mit Ihrer Heimat teilen Sie eine Leidenschaft fürs Rauchen.


Tabatabai: Ich habe vor drei Monaten komplett aufgehört. Auslöser war eine Episode am Flughafen, als meine Tochter sich an mein Bein klammerte und ich noch schnell eine wegpaffen musste. Eine rauchende Mutter: Das war so hässlich!
Satrapi: Ich genieße jede einzelne Zigarette. Bis zu drei Packungen am Tag.

Und wenn bald überall in Europa "Rauchen verboten!" gilt?
Satrapi: Ach, dann wandere ich ins Land der Raucher aus. Nach Smokistan. Das liegt gleich neben Kuba. Die Anti-Raucher-Gesetze sind für mich eine Vergewaltigung der persönlichen Freiheit. Warum ist der Staat plötzlich so besorgt um unsere Gesundheit? Alles andere ignoriert er doch auch: beschissene Luft, beschissenes Essen, beschissene Arbeitsbedingungen. Das Problem hat für mich tiefere Ursachen. In unserer extrem konservativen Zeit gilt Rauchen als sexueller Akt. Da geht etwas in eine Öffnung des Körpers hinein, kommt wieder heraus und bereitet Genuss.
Tabatabai: Ich fange wieder an.

Welche Erinnerungen haben Sie an Teheran?


Satrapi: Ein seltsamer Ort, provinziell und urban zugleich. Die Leute kennen sich nicht persönlich, aber jeder kennt die Geschichte von jemandem, der am anderen Ende der Stadt wohnt. Am schönsten fand ich immer das Aufwachen. Man sieht diese gigantischen Berge mit dem ewigen Schnee, die Hüter der Stadt. Dieses Gefühl hatte ich nirgendwo sonst auf der Welt.
Tabatabai: Und weil Teheran so hoch liegt - etwa auf 1.200 Metern -, hat der Himmel eine viel dunklere Farbe. Das vermisse ich wirklich.
Satrapi: Die Stadt ist eigentlich hässlich. Kein architektonischer Plan, kaum Sehenswürdigkeiten. Aber ich mag die kleinen Ecken, die Verkehrsanarchie. Als ich meinen Führerschein machte, meinte mein Fahrlehrer, die Bremsen seien nicht so wichtig. Hauptsache, die Hupe geht. Tabatabai: Der größte Unterschied zwischen Deutschen und Iranern ist für mich der Familiensinn. In "Persepolis" gibt es eine Szene, in der österreichische Studenten rumjammern, wie doof es sei, an Weihnachten zu den Eltern fahren zu müssen. Das würde im Iran nie passieren.

Wann waren Sie zuletzt dort?


Tabatabai: Vor 20 Jahren, zur Beerdigung meines Vaters.
Satrapi: Bei mir ist es über acht Jahre her. Man hat nur ein einziges Leben. Wenn ich das Gefühl hätte, die Situation wäre besser, würde ich keine Sekunde zögern. Aber jetzt einzureisen wäre nicht mutig, sondern nur dumm.
Tabatabai: Ich bin nicht verrückt. In meinem ersten Film "Kinder der Landstraße" gab es eine Vergewaltigungsszene, man sieht nur ein wenig mein Dekolleté. Nach einer Vorführung in Bangkok kam ein Iraner zum Produzenten und sagte: Sie war gut, aber sie ist zu weit gegangen. Ich habe aufgehört, von Iranreisen zu träumen, als ich meine erste Nacktszene drehte. Als Schauspielerin lasse ich mir von denen doch nicht mein Leben diktieren.

Dabei sollte Frau Satrapi von ihrem Heimatland eigentlich einen Orden bekommen. Viele Leute haben erst durch "Persepolis" iranische Kultur und Geschichte kennengelernt.
Satrapi: Das Erste was passiert, wenn Leute meinen Film sehen, ist, dass sie Sympathien für die Iraner entwickeln. Das sind plötzlich nicht mehr nur die Bösen. Deswegen ist "Persepolis" ein zutiefst humanistisches Werk. Warum konnte Amerika ungestraft den Irak angreifen? Weil das Land jahrelang abstrakt betrachtet und verdammt wurde: Saddam, Terroristen, Fanatiker. Die vergaßen, dass es Menschen sind, auf die Bomben geworfen werden. Menschen, die Kinder haben, ins Kino gehen und danach ein Eis essen wollen. Aber ich will gar nicht leugnen, dass im Iran Fanatiker regieren.

Und wie sollte der Westen damit umgehen? Zumal diese Fanatiker möglicherweise Massenvernichtungswaffen bauen lassen?


Satrapi: Ich habe auch keine Lösung, aber: Krieg hat noch nie Probleme gelöst. Als Künstlerin kann ich nur Fragen aufwerfen und die Realitäten des Iran multiplizieren. Und ich glaube an Kultur, Erziehung und Bildung, das sind meine "Weapons of Mass Construction".

Interview: Matthias Schmidt

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