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"Radio Rock Revolution": Als Musik noch Staatsfeind war

Dieser Tage beschießen Piraten Frachtschiffe oder peinigen die Musikindustrie mit unkontrollierbaren Downloads. In den 60ern waren sie auch mal Rock-Revoluzzer. Was ist aus denen eigentlich geworden?

Von Sophie Albers

Das schickt Adrenalin ins Blut: Artig sagt der gescheitelte Sohn Mutter und Vater gute Nacht, schließt die Kinderzimmertür, geht ins Bett, wartet, bis alles still ist, um dann ein Radio aus dem Nachttisch zu klauben, es unter das Kopfkissen zu legen und... Rockmusik zu hören. Und das alles in der permanenten Angst, entdeckt zu werden. Denn es ist etwas Verbotenes.

Ja, es gab tatsächlich mal Zeiten, in denen verzerrte Gitarrenriffs als Angriff auf die bürgerliche Moral und Ordnung empfunden wurde. Als die meisten Radiosender, die sie spielten, Piratensender waren. Als Eltern wie eine Wand des Unverständnisses vor ihren Kindern standen, Prügel als bewährte Erziehungsmethode galt, und die Rebellion dem Nachwuchs um einiges leichter fiel als heute, da Mami selbst auch Sido hört. Von diesem heimlichen Hören und eben so einem Piratensender berichtet der Film "Radio Rock Revolution".

Ohne Hugh Grant

Das Leinwandgeschehen ist schnell abgehakt: Laut, lustig, aber zu lang ist das neue Werk von Richard Curtis (Interview auf stern.de) geraten. Der Regisseur beherrscht die Klaviatur der romantischen Komödie ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall"), hat sein Spiel darauf perfektioniert ("Bridget Jones", "Tatsächlich Liebe") und dabei Hugh Grant zum Star gemacht. Diesmal gibt es weder klassische Romantik noch Hugh Grant zu sehen, dafür von Musik besessene DJs, die auf einem Schiff mit Sicherheitsabstand vor England dümpeln und Rockmusik ins Königreich senden. Dessen öffentlich-rechtlicher Sender tut das nur streng limitiert zwei Stunden in der Woche. Als die DJs von Radio Rock auch noch bei offenem Mikrofon fluchen, erklärt ihnen die Regierung den Krieg. "Radio Rock Revolution" macht Spaß, vor allem wegen des brillanten Bill Nighy, der den Chef der Äther-Revoluzzer gibt. Aber auch wegen Philip Seymour Hoffman und Rhys Ifhans als größenwahnsinnige Moderatoren.

Den spannendsten Part in dieser Geschichte von David gegen Goliath, Rocker gegen Anzugträger, Freigeist gegen Spießer hat aber die Institution des Piratensenders. Eine ausgestorbene Spezies in Zeiten der unendlichen Weiten des Internets und Podcast.

Lizenzlos und ungefragt

Jeder Staat hat das Monopol auf die Verteilung der Rundfunk-Nutzungsgenehmigungen auf seinem Territorium. Der Piratensender schickt Wort und Ton illegal zu seinen Hörern, weil lizenzlos, auf ungefragt benutzten Frequenzen. Vorbild für "Radio Rock Revolution" ist der Sender Radio Caroline, der von 1964 bis 1968 vor der Küste Großbritannien rockte. Neben den Niederlanden war die Insel in Europa das Land mit den meisten Piratensendern. Ist es heute noch.

Die große Ära der europäischen Piratensender begann in den 60er Jahren und war ein Kulturkampf. Zu den Ikonen dieser Zeit gehörte Radio Caroline: In Großbritannien lag das Radiomonopol bei der British Broadcasting Corporation (BBC), die klar zwischen Hoch- und Massenkultur trennte. Rock'n'Roll gehörte nicht ins Programm. Popmusik gab es - wie im Film gezeigt - gerade mal zwei Stunden in der Woche zu hören. Radio Luxemburg und der US-Militär-Sender AFN sendeten zwar Popmusik, waren häufig aber nur verrauscht zu empfangen. So machten sich Musikliebhaber eines Tages auf, das zu ändern. Auf einem Boot im Ärmelkanal, außerhalb der Drei-Meilen-Zone und so jenseits des Gesetzes, stand der Sendemast von Radio Caroline. Rund um die Uhr wurde Pop und Rock gesendet. Millionen Menschen schalteten ein. Und das nicht nur in Großbritannien. Auch in Deutschland konnten Musikfans so dem drögen Programm des öffentlichen Rundfunks entgehen.

Anti-Piraten-Gesetze

Vor der niederländischen Küste gingen Radio Veronica und Radio Nordsee International auf Sendung. Später sendete vor England auch Wonderful Radio London die von der Regierung so unverstandene Musik. Weitere Schiffe folgten. Mehr als zehn sollen es gewesen sein. Die DJs, darunter auch Radiolegende John Peel, trotzten der Seekrankheit und entwickelten ihre ganz eigene Stile, die bis heute prägend sind. Es waren "Piraten", die das Popradio in Europa etablierten.

Zäsur war der Marine Broadcasting Offences Act, ein Gesetz, das die finanzielle Unterstützung der sogenannten Offshore-Sender unter Strafe stellte, also auch die Werbung, mit der sich die Sender finanzierten. Bis Mitte August 1967 gaben alle britischen Piratensender-Schiffe auf. Nur Radio Caroline sendete weiter, bis im Jahr darauf auch ihnen das Geld ausging. Die Piratensender vor der niederländischen Küste erledigte 1974 das "Anti-Veronica-Gesetz".

Pop und Politik

In Deutschland waren Piratensender eher eine politische Angelegenheit: 1980 sendete Radio Freies Wendland für Atomkraftgegner, bis die Polizei den Sender stürmte. Anläßlich der Castor-Transporte wurde wieder gefunkt. In Frankfurt/ Main sendeten 1981 Aktivisten gegen die Startbahn West. Nach der Wende wurde Berlin mit seinem musikalisch-anarchischen Untergrund zur Piratensenderstadt. Ende der 90er zog der illegale Sender TwenFM mit eigenem DJ-Programm von Frankfurt/Main nach Berlin. Das Equipment wurde jedoch mehrfach beschlagnahmt.

Viel braucht es nicht für einen Piratensender: ein Mikrofon, einen Sender, eine Antenne, eine Batterie und Abspielgeräte. "Piratenradio ist handgemachtes Radio", sagt Björn Quäck, Piratenradio-Experte und Betreiber der Website "Vogelfreies Radio". Online könne man sich für ein paar hundert Euro die Basics für eine eigene UKW-Station besorgen, verrät er im Interview mit "jetzt.de". Aber wozu das Geld ausgeben, wenn man eh schon im Internet ist, wo jeder sendet, was man will? Radio Caroline ist übrigens Mitte der 80er wieder aufgetaucht und sendet seit Mitte der 90er ganz legal. Auch online und mit Moderatoren-Blogs.