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"Rubljovka - Straße zur Glückseligkeit": Protzallee im Putinstaat

Die "Rublijovka" ist die Prachtstraße Russlands. Reiche Staatsmänner und Showstars. Nirgends ist der Kontrast zwischen arm und reich stärker zu spüren. Die Filmdokumentation ist ein schillerndes Porträt einer im Kern aggressiven Gesellschaft.

Die Rubljovka ist die wohl am stärksten bewachte Landstraße der Welt. An der schmalen zweispurigen Chaussee, die in westlicher Richtung von Moskau aus in die Provinz-Idylle verläuft, reihen sich die Prachthäuser der Macht und der Herrlichkeit Russlands: Hier wohnen, von Verkehrspolizei, dem Inlandsabwehr- und Sicherheitsdienst FSB sowie bewaffneten Wachleuten abgeschirmt, Staatspräsidenten und Showstars, Wirtschaftsbosse und erfolgreiche Kreative. Grundstückspreise betragen bis zu mehr als 20 Millionen Dollar - arme Alteingesessene werden da schon mal durch Brandschatz aus ihren Holzhütten vertrieben.

Das alles erzählt der faszinierende, preisgekrönte Dokumentarfilm "Rubljovka - Straße zur Glückseligkeit" der 1959 in Sibirien geborenen Irene Langemann (TV-Doku "Russlands Wunderkinder 2000"), der derzeit in den deutschen Kinos läuft. Der renommierte Fernseh-Korrespondent Gerd Ruge übernahm dafür die Schirmherrschaft.

"Zobel kann man nie genug haben"

In impressionistischen Szenen, bei teilweise dämonischer Musik und unter Verzicht auf direkte eigene Kommentare lässt die Autorin und Regisseurin den bizarren Mikrokosmos der Straße aufleben. Wie unter einem Brennglas scheinen dort die Kontraste zwischen enthemmtem Neureichtum und darbenden Arbeitern und Rentnern im Putin-Staat zu kulminieren. Auch der derzeitige Präsident hat sein Heim an der Rubljovka.

Ob Geschäftsfrau, die mit Millionen dealt oder Pelzhändlerin ("Zobel kann man nie genug haben"), Karriere-Girl auf der Suche nach reichem Mann oder Großmutter, die sich kein Gebiss leisten kann, reicher Makler oder schlecht bezahlter Bauarbeiter, aufgeweckter Zwölfjähriger oder der inzwischen verstorbene Cellist Mstislaw Rostropowitsch - sie alle formen bei Langemann das schillernde Porträt einer im Kern aggressiven Gesellschaft, die sich der Korruption kaum erwehren kann.

Resümee der aktuellen Lage in Russland

Die Dreharbeiten seien mühsam erkämpft worden, heißt es vonseiten der deutschen Film-Verantwortlichen. Trotz Tarnung als russische Produktion und letztendlicher Genehmigung habe es immer wieder massive Störungen durch Polizei, FSB und Leibwächter gegeben. Manches sei mit versteckter Kamera aufgenommen.

Am Ende bildet "Rubljovka" dann doch Langemanns persönliches, wehmütiges Resümee der aktuellen Lage in Russland. Die Filmemacherin hatte ihre Heimat 1990 nach eigener Aussage aus politischer Unzufriedenheit verlassen. Heute sei dort "die Staatsentwicklung undemokratischer als in den letzten Jahrzehnten der Sowjet-Ära". Die Rubljovka verkörpere die verschärften Tendenzen seit den 90er Jahren. Bereits lange zuvor beherbergte ihre intakte Landschaft vor den Toren der Metropole die Landgüter der Zaren-Angehörigen. Später bauten dort Stalin und andere Sowjet-Granden ihre Datschas.

Ulrike Cordes, DPA / DPA
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