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"Stirb an einem anderen Tag": Angenehm, ganz der Alte

Macho-Witzchen. High-Tech-Spielzeug. Und eine herrlich simple Weltsicht. 007 ist wieder da: "Stirb an einem anderen Tag". Die Botschaft: Werd auch an einem anderen erwachsen.

Es dauert eine halbe Stunde, bis die erste Kirsche auf der Torte in Sicht ist. James Bond steht an einem Strand in Kuba und schaut durchs Fernglas auf eine Felseninsel. Eine Klinik soll dort sein, gut versteckt für ganz spezielle Patienten. Bond späht die Küste ab, und dann passiert es. Plötzlich scheint die Zeit langsamer zu fließen. Das Meer schmatzt in Zeitlupe, Musik setzt ein, und wie auf Botticellis berühmtem Gemälde »Geburt der Venus« entsteigt sie ganz langsam dem Meer. Sie, Jinx, ein orangefarbener Bikini an einem, uff, Jahrhundertkörper.

Sie lacht, schüttelt Wasser aus dem Haar, der Busen wippt in aufreizender Zeitlupe, und von da an hat der Film seinen Mittel-, kurz darauf auch einen ersten Höhepunkt: Bond und Jinx, Pierce Brosnan und Oscar-Preisträgerin Halle Berry, mit mehr als vier Millionen Dollar Gage das teuerste Bond-Girl der Kinogeschichte. Dass Berry Sekunden später wundersam trocken vor Brosnan steht, verzeiht man gern. Schließlich wurde nicht auf Kuba, sondern in Spanien gedreht, und der Atlantik ist nun mal nicht karibikwarm, sondern lausig kalt.

Der 20. »offizielle« Bond, ein Geburtstagsfilm also. Sehr laut ist er, sehr krachend, sehr schnell, mit manchmal gutem, manchmal kalauerndem Macho-Witz, dazu viel High Tech, alles wie gehabt. Aber im Unterschied zu den vorangegangenen Agentenabenteuern mit Brosnan als berühmtestem Spion der Welt, »Goldeneye«, »Der Morgen stirbt nie« und »Die Welt ist nicht genug«, hat »Stirb an einem anderen Tag« endlich wieder die erfrischende Klarheit der alten Geschichten.

Mehr noch, zum 40. Geburtstag von 007 taucht zum ersten Mal ein Titelheld auf, der seiner Romanvorlage von Ian Fleming ähnlicher ist als alle Bonds zuvor. Ganz so, als ob die Produzenten Barbara Broccoli und Stiefbruder Michael Wilson ihr Eigentum davor bewahren wollten, zum gut angezogenen Stuntman zu verkommen, sieht man den bisher unverwundbaren Supermann in den ersten zehn Minuten als geschundenen Häftling mit Bart und langen Haaren - zottelig wie der Graf von Monte Christo.

007 steckt in nordkoreanischer Kerkerhaft, »zum ersten Mal fühlt er den Schmerz, der eigentlich den Bösen vorbehalten war«, so das US-Magazin »Time« in einer Titelgeschichte über diese »speziell britische Institution«. Erst nach 14 Monaten wird Bond auf einer Brücke gegen seinen Gegenspieler, den Killer Zao, ausgetauscht.

Nordkorea - und auch damit bewegen sich Broccoli und Wilson wieder ins alte Gut-Böse-Muster zurück - ist Stützpunkt korrupter Generalssöhne, die für Diamanten illegal Waffen verkaufen. Einer von ihnen heißt Gustav Graves, hat sich das Gesicht umoperieren lassen und bastelt aus den Diamanten eine im All schwebende Superwaffe, mit der die Welt eingeschmolzen werden kann - herrlich böse, herrlich simpel. Nur manchmal wünscht man sich, der neuseeländische Regisseur Lee Tamahori hätte die Bilder mit noch mehr Spaß getränkt.

So aber steht ein grandios choreografiertes Fechtduell zwischen Bond und Graves (mit Kurzauftritt von Madonna als Degen-Domina in schwarzer Korsage) gegen eine armselig getrickste Surf-Szene, in der Bond auf einem Blechstück durch arktische Wellen reitet. So erinnern manche Scherze an die besten Connery-Sätze - und dann wieder geben die schnellen Schnitte und hastigen Dialoge Brosnan kaum Chancen zu ironischem Mienenspiel.

Vieles, wie eine Autojagd zwischen Aston Martin und Jaguar auf dem Eis - ein Ford-Werksrennen sozusagen -, sieht gut aus, wird aber dem autowerbungsverwöhnten Zuschauer nicht den Atem stocken lassen. Und es wirkt sogar in der Welt des Super-Playboys etwas überstürzt, wenn sich Bond und Jinx gerade eben die Namen gesagt haben und, Schnitt, sich schon im Bett winden - Connery hätte wenigstens noch Champagner bestellt und »Mich interessiert Ihr Innenleben« geflüstert.

Doch trotz kleiner Hänger spürt man in jeder Sekunde das Bestreben der Macher, sich mit klaren Bildern ihren Platz in jenem Genre zurückzuerobern, das ihr erster Film 1962 begründet hat. Geschätzte 110 Millionen Dollar wurden in den Jubiläumsfilm gesteckt, doppelt so viel wie 1995 in »Goldeneye«.

Dass sich das Erfolgsmodell »Agent mit schöner Frau jagt Verbrecher um die Welt« längst in anderen Geheimdienstwerken wie »The Bourne Identity«, »Triple X« oder »Austin Powers« vervielfältigt und karikiert hat, sehen die Bond-Eigentümer mit Zufriedenheit: »Alle weisen auf das Original hin, den größten und besten«, hofft Chris McGurk, Chef des Bond-produzierenden Studios MGM.

Insgeheim jedoch quält die 007-Besitzer die Frage, wie lange es ihr Held noch macht. Brosnan, 49, hat sich für einen weiteren Film verpflichtet, Kinostart Winter 2004. Schon davor, so ist zu hören, wird die Suche nach seinem Nachfolger eröffnet, erstmals ohne den Segen des alten Connery- und Roger-Moore-Entdeckers Albert Broccoli, der 1996 starb. Erbin und Tochter Barbara wehrte bisher alle Fragen nach Brosnans Erben ab: »Das ist, als ob man auf dem Weg zum Altar gefragt würde, wen man als Nächstes heiratet.«

Jochen Siemens