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"Sucker Punch" im Kino: Tanz, Mädchen, tanz!

Subtilität ist nicht gerade Zack Snyders Sache. Doch mit "Sucker Punch" ist dem "300"-Regisseur ein actiongeladener Psycho-Schocker mit Kampf-Lolitas gelungen. Und der ist vor allem eins: verstörend.

Von Sophie Albers

Eines ist sicher: "Sucker Punch" verspricht keinen entspannten Kinoabend! Die Urteile rangieren von: "Das ist der größte Mist, den ich je gesehen habe" über "Man muss wohl 13 sein, um das zu verstehen" bis zu "Wie kann man zugleich Frauen so verherrlichen und so sehr hassen?". Letzteres ist das Spannende an dieser Spezialeffekte-schweren Psycho-Action-Computerspiel-Geschichte, die unter ihrer explosionszerhackten Burlesque-Oberfläche grundlegende Fragen zum Realitätsverständnis stellt. Aber zurück auf Level eins, bevor Sie den Überblick verlieren.

Zu Beginn erzählt "Sucker Punch" ganz ohne Sprache die Geschichte von Baby Doll (Emily Browning), einer jungen Frau, die in einem düsteren Haus mitansehen muss, wie ihr schmieriger Stiefvater ihre kleine Schwester umbringt. Und damit dem Erbe des Reichtums der Mutter auch wirklich gar nichts mehr im Wege steht, liefert er Baby Doll in einem Gefängnis für Geisteskranke ab. Für ein paar Scheine soll die zierliche Blondine dort lobotomiert werden.

Vom Irrenhaus ins Bordell

Als der Arzt den Pickel ansetzt, findet sich Baby Doll plötzlich in einer ganz anderen Welt wieder. Aus der düsteren Horroranstalt ist ein nicht minder düsteres Burlesque-Bordell geworden, in dem Mädchen als Sexsklavinnen gehalten werden. Doch gleich zu Beginn verkündet Baby Doll ihren Mitgefangenen, dass sie fliehen werde.

Zur Aufgabe einer jeden Sklavin gehört der Tanz, mit dem sich die Mädchen ihren Freiern vorstellen. Männer sind in "Sucker Punch" allesamt schmierig, gewalttätig, fett oder auch alt. Die Frauen sind jung, schön und durchtrainiert. Im Ballettsaal entdeckt Baby Doll ihr besonderes Talent, das bei der geplanten Flucht hilfreich sein wird: Wenn sie tanzt, vergessen Männer alles um sich herum.

Manga und Steam Punk

Um die Freiheit zu erlangen, die das große Ziel der ganzen Geschichte ist, brauchen Baby Doll und ihre Gefährtinnen, die das Sklavenleben ebenfalls satt haben, fünf Dinge, und die sammeln sie - ganz computerspielmäßig - in Schlachten ein. Deren Beginn markiert Baby Dolls Tanz - und dann müssen die Mädchen mal riesige Samuraimonster ausschalten, sich einer Armee von Nazizombies stellen oder auch einen wütenden Drachen töten.

So weit so verwirrend, aber hier kommt der Regisseur seinem Publikum freundlicherweise entgegen: Die Computerspiel-Ästhetik funktioniert genauso wie die aus dem Manga geklaute Sexiness der Heldinnen, die in drei Nummern zu kleinen Schuluniformen oder auch Steam-Punk-Leibchen ihre Gegner zusammenschießen. Wer mehr will, kann sich auch - ganz "Inception"-mäßig - von Erzählebene zu Erzählebene schwingen, und rätseln, welche Perspektive denn nun gerade dran ist.

Wem das nicht reicht, der kann sich schließlich fragen, wo die Grenzen der Realität verlaufen, welchen Zweck sie erfüllen und was sie mit der Identität eines Menschen machen. Und jetzt wird es bitter.

Flucht aus dem Albtraum

Mal abgesehen von all den Explosionen, Spielebenenwechseln und ansehnlichen Kampf-Lolitas erlebt Baby Doll einen unfassbaren Albtraum: Gewalt, Mord, Entmündigung, Freiheitsberaubung, Verstümmelung. Und was tut sie? Sie flüchtet in eine andere Welt, eine Welt, in der der nächste Fluchtweg gleich miteingebaut ist. Der macht sie, sobald sie ihn durchschreitet, zu einer unbesiegbaren Kämpferin, die sich nimmt, was sie braucht, die völlig ohne Angst in jeden Kampf zieht.

Diese Flucht ist ein Klassiker in der Psychologie, der Menschen größtes Leid überhaupt ertragen lässt: die komplette Ausblendung der Realität. Das erinnert an einen anderen großartigen Film zum Thema, der es allerdings völlig anders angepackt hat: "Precious" von Lee Daniels. In dem überlebt das Teenagermädchen Claireece lebenslangen Missbrauch durch den eigenen Vater durch die Flucht in eine Fantasiewelt, in der sie der Star ist - in glitzernden Kleidern unter Diskokugeln.

Anders als Claireece ist Baby Doll bis an die weißen Zähnchen bewaffnet. Und der weise Alte, der regelmäßig auftaucht, die Mädchen mit Lebensweisheiten versorgt und es als einziger Mann im Film gut mit ihnen meint, sagt: "Hier sind eure Waffen. Nehmt sie, und euer Weg in die Freiheit beginnt." Die Emanzipation im Netz hat gerade erst begonnen. Dass ausgerechnet Zack Snyder etwas dazu zu sagen hat, ist tatsächlich ein unerwarteter Schlag mitten ins Gesicht - ein "Sucker Punch" eben.

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