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Christopher Nolans neuer Film startet: Warum Sie "Inception" unbedingt sehen müssen

Ja, man sollte bei allzu lauten Lobpreisungen misstrauisch sein. Doch Christopher Nolans "Traum"-Film "Inception" hat sie alle verdient. Aberwitzige Bilder erzählen eine intelligente Geschichte, nach der Sie möglicherweise Probleme mit dem Aufwachen haben werden.

Von Sophie Albers

Das Kino schafft es dieser Tage viel zu selten, uns tatsächlich aus dem Alltag und in neue Welten mitzureißen. Zuletzt geschehen bei "Avatar". Ganz anders als James Camerons Spezialeffektespektakel, aber ebenso unwirklich schön ist "Inception". Christopher Nolans Thriller über Traum-Diebe ist so elegant fantastisch, dass selbst hartgesottene Frühaufsteher am Ende des Films staunend im Kinosessel kleben bleiben.

Und dabei macht Christopher Nolan, der bereits mit seiner Batman-Neuerfindung "The Dark Knight" 2008 Publikum und Kritiker beglückte, nie das ganz große optische Fass auf wie Cameron mit seiner Welt auf Pandora. Der Brite folgt der Devise, dass die besten Filme immer noch im Kopf entstehen. Und damit sind wir mitten drin in der "Inception".

Gefangen im Bewusstseinsstrom

Das Wort bedeutet so viel wie Anfang. Im Film beschreibt es das Entstehen einer Idee im Kopf eines Menschen und die Möglichkeit, eben diesen Vorgang zu manipulieren.

Leonardo DiCaprio spielt Cobb, ein aalglatter Spion. In einer unbestimmten Zeit, die der unseren ähnelt, in der es jedoch möglich ist, in die Träume anderer Menschen einzusteigen, ist es sein Job, schlafend Geheimnisse zu stehlen. Das nennt man "Extraction", und vor allem in der Industriespionage ist damit ein Haufen Geld zu machen. Die Opfer werden in Tiefschlaf versetzt, die Spione docken über ein Plastikkabel und eine nicht näher beschriebene Maschine an und gehen auf Geheimnisjagd.

Als solch ein Auftrag schief geht, kann sich der Schlaf-Spion nur retten, indem er einen neuen Auftrag annimmt. Der soll allerdings besonders riskant sein, denn diesmal geht es nicht darum, ein Geheimnis zu entwenden, sondern eine Idee zu pflanzen, ohne dass das Opfer es merkt.

Cobb nimmt an und stellt sein "Dream Team" zusammen. Dazu gehören eine junge Architektin (Ellen Page), die aberwitzige Traumwelten baut, ein Fälscher (Tom Hardy), der in diesen Welten verschiedene Personen verkörpert und auch ein Chemiker (Dileep Rao), der die Betäubungsmittel unter Kontrolle hält.

Dem Erfolg der Mission scheint nichts im Wege zu stehen, doch Cobb ist nicht allein in seinem Kopf.

Die drei Geniestreiche des Christopher Nolan

Genau genommen ist "Inception" ein klassischer Raubzug-Thriller wie schon "Ocean's Eleven" oder "The Italian Job" - der Plan, das Team, die Ausführung. Doch hier kommt der erste Geniestreich Nolans: Eine völlig neue Geschichte zu erfinden, scheint heute fast unmöglich. Also hat er für das Bekannte völlig neue Bedingungen geschaffen und es so zu etwas Neuem gemacht: nicht stehlen, sondern etwas dalassen. Kein supergesicherter Tresor, sondern das Unterbewusstsein, in dem alles möglich ist.

Ja, der Vergleich mit "Matrix" liegt auf der Hand. Der Film der Wachowski-Brüder hat 1999 nicht nur die Actionkinowelt verändert, weil er mit der "Bullet-Time" die dreidimensionale Zeitlupe einführte. Die postapokalyptische Geschichte des Erlösers Neo steht in der Popkultur vor allem exemplarisch für die Frage nach den Grenzen von Realität und Vorstellung. Aber hier kommt der zweite Geniestreich Nolans. Der 39-jährige Brite hat die andere Richtung eingeschlagen und ist damit ganz nah dran am Zuschauer: Nolan braucht keine neue Welt und keine neuen Wesen. Er nimmt, was wir kennen, und bohrt es auf.

Jeder Mensch träumt, und wohl jeder Mensch hat sich schon einmal gefragt, woher wir eigentlich wissen, was Traum und was Wirklichkeit ist. Zu diesem Thema einen mainstreamtauglichen Blockbuster zu drehen, ist Nolans dritter Geniestreich: Wer möchte, kann "Inception" nämlich als Actionfilm sehen, dessen Helden sich wie in einem Computerspiel durch verschiedene Ebenen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden kämpfen.

Doch kann der Zuschauer es dem Regisseur auch gleichtun und tiefer bohren: sich fragen, warum Cobbs immer wieder auftauchende französische Frau Mal heißt, was das Böse und den Schmerz bezeichnet. Sich wundern, wann im Film eigentlich das Träumen anfängt und wann es aufhört. Und das alles ohne den weiten Weg in eine andere Welt, in der Menschen in Lackanzügen stecken und Killerroboter unterwegs sind. Seinen Kopf trägt schließlich jeder mit sich herum. Und deshalb muss man am Ende von "Inception" länger sitzenbleiben, weil der Film im eigenen Kopf weitergeht - und das noch eine ganze Weile.