"The Day after Tomorrow" Eiskalte Kinovision des Hollywood-Schwaben


Mit seinem Katastrophen-Spektakel "The Day after Tomorrow" ist Roland Emmerich eine rundum gelungene Mischung von spektakulären Schaueffekten und menschlichen Dramen gelungen.

Am Ende des Wonnemonats Mai wird es eiskalt auf den Leinwänden der Welt. Doch es könnte einen warmen Euro-Regen in die Kassen der deutschen Kinobesitzer geben, wenn Roland Emmerichs Katastrophenstreifen "The Day after Tomorrow" anläuft. Dem in Hollywood arbeitenden Schwaben ist erstmals ein Film gelungen, der eine rundum gelungene Mischung von spektakulären Schaueffekten und menschlichen Dramen ist. Und erstmals schlägt Emmerich, dessen frühere Amerika-Begeisterung am Abklingen ist, auch kritische Töne an.

Im Mittelpunkt der Handlung des über zweistündigen Films steht der Klimaforscher Jack Hall. Dessen Forschungen im antarktischen Eis haben ergeben, dass die globale Erwärmung einen plötzlichen Klimaumschwung des Planeten auslösen könnte: Eine neue Eiszeit droht! Doch Halls Warnungen werden von ignoranten Politikern an der Spitze der USA als Panikmache abgetan. Doch Naturgewalten lassen sich spätestens dann nicht mehr leugnen, wenn sie losbrechen.

Es geht ums nackte Überleben

Und das ist im Film bald der Fall: Gewaltige Stürme suchen die Erde heim, verheerende Tornados ziehen eine Spur der Verwüstung und des Todes durch Los Angeles. In Neu-Delhi schneit es, Tokio gerät unter Beschuss straußeneigroßer Hagelkörner. Die das Klima stabilisierenden Meeresströmungen werden durch schmelzende Polarkappen unterbrochen und lösen in kurzer Zeit den Beginn einer neuen Eiszeit aus, die die nördliche Erdhalbkugel weitgehend unter einem weißen Kältemantel begräbt. Für die Menschen und Staaten dort geht es nur noch ums nackte Überleben. Die US-Regierung muss nach Mexiko evakuiert werden, der bis zuletzt im Weißen Haus ausharrende Präsident fällt den Wirren zum Opfer.

Manhattan wird von Flutwellen überrollt

Hall, der auf schreckliche Weise Recht behalten hat, sorgt sich weniger um sich als um seinen Sohn Sam in New York. Der hat sich zwar mit Freunden vor einer ganz Manhattan überrollenden Flutwelle noch in den oberen Bereich der dortigen Bibliothek gerettet. Doch schon kommt der nächste Schock: Eine nie gekannte Kältewelle lässt das Wasser gefrieren und verwandelt die Weltmetropole zu einem Eisschrank, in dem alles Leben erstarrt. Verzweifelt verfeuern die Überlebenden in der Bibliothek auch die kostbarsten Bücher, um nicht zu erfrieren. Sam ahnt nicht, dass sein Vater mit zwei Begleitern unterwegs ist, um ihn und auch die anderen zu retten. Ob ihnen das gelingt, ist im Kino zu sehen.

Menschlicher Frevel kann Katastrophen auslösen

Roland Emmerich hat aus wissenschaftlicher Sicht gewiss kein realistisches Szenario im Kino entworfen. Klimatische Veränderungen mit solchen Folgen laufen nicht im Zeitraffer ab. Doch darauf kommt es in zwei Kinostunden wahrlich nicht an. Viel wichtiger ist die unzweideutige Botschaft des Films: Menschlicher Umweltfrevel könnte eine katastrophale Entwicklung auslösen, deren Dimension der Film in grandios-apokalyptischen Bildern illustriert. Nicht Außerirdische oder das Monster "Godzilla" lässt der Hollywood-Schwabe auf die westliche Zivilisation los, sondern Naturgewalten. Genau das macht das Geschehen trotz aller Unwahrscheinlichkeiten so erschreckend.

Amerikaner fliehen massenhaft ins arme Mexiko

Eine der besten Szenen des Films zeigt die massenhafte Fluchtbewegung von US-Amerikanern über die berüchtigte Grenze zum viel ärmeren Mexiko am Rio Grande. Der Nord-Süd-Konflikt paradox, das ergibt starke Bilder und erzeugt Nachdenklichkeit darüber, wie schnell sich das Blatt einmal wenden könnte. Auch die Wendung des US-Vizepräsidenten, der nicht unabsichtlich an den derzeitigen Amtsinhaber erinnert, vom Umweltfeind zum Politiker, der seinen Irrtum öffentlich eingesteht, macht den Film sehenswert.

Bei der Zeichnung der Hauptpersonen menschelt Emmerich nicht allzu sehr. Mit Dennis Quaid als Jack Hall, Jake Gyllenhaal als sein Sohn Sam, die sanfte Emmy Rossum als Sams Freundin Laura und dem hintergründigen britischen Charakterdarsteller Ian Holm als Leiter einer Beobachtungsstation im schottischen Norden agieren Schauspieler, die sich nicht in den Vordergrund spielen. Das Ereignis des Films sind ohnehin die tricktechnisch perfekten Bilder einer Katastrophe, die der Menschheit schon deshalb hoffentlich erspart bleibt, weil uns das Kino zeigt, was dann droht.

Wolfgang Hübner, AP AP

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