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"The Expendables" in Berlin: Der unglaubliche Mister Stallone

Sylvester Stallone hat in Berlin seinen neuen Film "The Expendables" vorgestellt. Es ist Alt-Herrenkino mit Actionlegenden geworden. Doch unterschätzen Sie den alten Sly nicht: Der Mann steckt immer noch ganz Hollywood in die Tasche.

Von Sophie Albers

Seien wir mal ehrlich: Mit ein bisschen Lidschatten, Lippenstift und Flitterflatter könnte Sylvester "Rocky-Rambo" Stallone ohne weiteres als seine eigene Mutter durchgehen. Also macht man den Anfängerfehler und beurteilt das Buch nach seinem Umschlag. Tütet den Mann mit der blau getönten Sonnenbrille, den gefärbten, gefönten Haaren und der ewigen, beidseitigen Billy-Idol-Lippe als Hollywood-Opfer ein, während der 64-Jährige neben dem fast 30 Jahre jüngeren Jason Statham und seinem ehemaligen "Rocky"-Gegner Dolph Lundgren, 52, Platz nimmt, um für sein neues Werk "The Expendables" zu werben. Ein Film über Söldner, oder sagen wir ruhig Höllenhunde, die für Geld Massaker anrichten. Einer davon (natürlich Stallone) entdeckt plötzlich sein Herz und will eine junge Frau und ihre kleine Stadt vor der grausamen Diktatur eines Drogenkartells retten. Ein Film, der direkt auf DVD landen würde, wäre er nicht von Stallone (Drehbuch, Regie, Schauspiel).

Da sitzt man also selbstzufrieden und wartet darauf, dass Stallone sich zum Affen macht, als man plötzlich diese Stimme hört. Ein Superbass, ganz tief aus dem Bauch, ein scheinbar ewig lachendes Reibeisen. Und auch wenn die Stimme gerade noch von den wahren Helden aus Fleisch und Blut redet, die die junge Generation des Actionkinos gar nicht mehr kenne, hat sie diesen Oberton. Wenn man ganz genau hinhört, sagt sie "Du wirst dich noch wundern!".

"Let's get physical"

Er hat die Brille abgesetzt, sieht zwar immer noch aus wie ein trauriges Grillhähnchen, das den Hals nicht richtig bewegen kann, aber dann legt er los. Mit Ehrlichkeit und Begeisterung nimmt sich Stallone des ganzen Saales an und vollbringt das Wunder, von dem Menschen nach Treffen mit echten Stars immer wieder berichten, das die meisten Hollywoodgroßverdiener aber leider viel zu selten tatsächlich zustande bringen: Man hat das Gefühl, er meint einen persönlich. Das ist bei einer Pressekonferenz eine ziemliche Leistung.

Jason Statham und Dolph Lundgren hätten sich den weiten Weg nach Berlin angesichts dieser One-Man-Show eigentlich sparen können. Gerade erklärt Stallone mit ernsthafter Bestimmtheit, wie das damals war, als "Arnie" Schwarzenegger das Männerbild sprichwörtlich aufpumpte. Als aus den realistischen Muskeln eines Burt Lancaster die Luftballons von Conan dem Barbar wurden. "Es wurde ein Stil, ein Wettkampf", sagt Stallone, der bei aller Leidenschaft für seinen Job allerdings nicht in die Falle tappt, sich zu ernst zu nehmen: "In den 80ern war der Körper sehr wichtig. Olivia Newton-John hat es doch gesungen: 'Let's get physical'". Der Saal stutzt, während Stallone schunkelt und singt. Dann brechen alle in Lachen aus.

40 Jahre Actionkino

Sie haben angebissen, und Stallone bewegt sich auf seiner kleinen Bühne wie der Biker im Tattoostudio. Er ist zu Hause. Das Grillhähnchen ist vergessen. Stallone macht Witze über den jungen Statham, der in Zeiten von Spezialeffekten Actionstar geworden ist. "Hey, wir mussten noch ins Fitnessstudio gehen. Wir haben unsere Haut getragen, die Jungs heute tragen Anzüge." Dann sagt er aber auch, dass "jede Generation ihre eigenen Helden entwickeln" müsse. Und das meint er ganz ernst.

40 Jahre amerikanisches Actionkino trägt Stallone auf seinem breiten Kreuz mit sich herum, wo immer er hingeht. Deshalb ist die Schulklasse vor ihm mucksmäuschenstill, als er erklärt, dass am Actionfilm nicht Explosionen, sondern die Emotionen das Schwierige seien. "Action ist teuer, aber einfach. Gefühle sind riskant. Man hat immer Angst, das Publikum zu langweilen." Dann kommt ein wahrer Lehrbuchsatz: "Die Emotionen geben den Explosionen erst Bedeutung." Am härtesten zu schreiben sei, was der Held macht, wenn er gerade nicht kämpft. Klingt einfach, aber natürlich lässt Stallone sich den Seitenhieb auf das moderne Actionkino nicht entgehen, dem er vorwirft, das mit den Emotionen nicht kapiert zu haben. Moderne Action sei oft so, "als würdest du den Kopf in einen Lautsprecher stecken", sagt Stallone und hält sich die Ohren zu.

Sylvester Stallone MC

Es geht um Stunts (angeblich alle selbst gemacht und ohne große Sicherung), um Tattoos (angeblich hat er das Porträt seiner Frau auf der rechten Brust). Als es passt, erwähnt Stallone Machiavelli und nennt Arnold Schwarzenegger (der auch einen kurzen Auftritt in "The Expendables" hat) "ein ganz besonderes Ungeheuer". Er selbst wolle auf keinen Fall in die Politik, sondern so lange Actionfilme machen, bis ihn niemand mehr sehen will. Komödien würden ihn langweilen. Und dann fängt Sylvester Stallone auch noch an zu rappen.

Eigentlich war Jason Statham darum gebeten worden, doch als der sich ziert, wird Stallone offensichtlich langweilig, und diese tiefe Reibeisenstimme jagt ein "Rap, rap, rap so fine/ miss a word/ and your little ass is mine" (Rap' so gut du kannst/ wenn du ein Wort verfehlst/ gehört dein kleiner Arsch mir) in den schockstillen Saal.

"The Expendables" heißt so viel wie "Die Entbehrlichen". Mal ganz ehrlich: Auch wenn der Film definitiv kein Highlight ist und ein Männer- und Frauenbild propagiert, das glücklicherweise im neuen Jahrtausend nichts zu suchen hat, was wären wir ohne diese Kinogiganten, die mit 64 immer noch um Erlösung kämpfen?

"The Expendables" kommt am 26. August in die Kinos

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