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"Todeszug nach Yuma": Western von heute

Mit "Todeszug nach Yuma" unternimmt Regisseur James Mangold den Versuch, das vor sich hin dümpelnde Genre des Western wiederzubeleben. Herausgekommen ist ein sehenswerter Film, der vor allem von Russel Crowe in seiner Paraderolle lebt.

Von Annette Stiekele

Der Western ist tot, es lebe der Western. Mit den letzten Ausläufern des psychologischeren Spät- und Italo-Westerns starb das Genre in den 70er einen schleichenden Tod, die Eroberung des wilden Westens taugt schon lange nicht mehr zum Mythos. Die heldenhaften Reiter, diese letzten Naturburschen im Kampf gegen Widersacher und die Auswüchse der Zivilisation, traben nur noch als romantische Vision durch die Prärie, von der Realität längst überholt. Alles Land ist verteilt, der Mythos von einst ist längst dem Katzenjammer der spätmodernen amerikanischen Gesellschaft gewichen.

Wer sich als Regisseur heute an einen Western wagt, muss sich andere Themen suchen. Einzelschicksale, Charakterstudien, Dramen um Freundschaft und moralische Werte. Und alle paar Jahre erhebt sich dann der vom Sand des Vergessens verschüttete Leib des Western, um in eindrucksvollen Filmen wie "Erbarmungslos", "Open Range", "The Missing" oder zuletzt "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" ein kurz aufflackerndes Revival zu erleben.

Auch James Mangold ("Durchgeknallt - Girl Interrupted", "Walk The Line") unternimmt in ,"Todeszug nach Yuma" einen solchen Versuch. Der Film ist eine Neuauflage von Delmer Daves Film "Zähl bis drei und bete" von 1957. Basierend auf der Kurzgeschichte "Three-Ten To Yuma" von Elmore Leonard von 1953. Im Original umkreisten sich Glenn Ford und Van Heflin in den Hauptrollen. Mangold schickt nun Australiens Oberhaudegen Russell Crowe und Christian Bale ins Rennen. Bale spielt den kriegsversehrten Farmer Dan Evans, der seine Frau Alice (Gretchen Mol) und seine Söhne William (Logan Lerman) und Mark (Benjamin Petry) mehr schlecht als recht durchs Leben schaukelt. Längst sind die Schulden erdrückend. Die Lage spitzt sich zu, als erboste Geldeintreiber seine Scheune abfackeln.

Der Reiz des Bösen

In dem Moment kreuzen sich per Zufall seine Wege mit denen von Oberschurke Ben Wade, gespielt von Russell Crowe. Der überfällt unter den Augen von William und Mark mit seiner brutalen Gang mal wieder eine Postkutsche. Doch aus Übermut begeht er einen Fehler und fällt dem Kopfgeldjäger Byron McElroy (Peter Fonda) in die Hände. Der stellt eine Truppe zusammen, die den Gefangenen nach Contention überführen soll. Hier soll Wade in dem Gefangenentransportzug nach Yuma um 3:10 Uhr abgeschoben werden. Auf der mehrere Tage dauernden Reise lauern etliche Gefahren. Indianergebiet ist zu durchqueren und mit einer Befreiungsaktion der Gang unter der Führung von Wades Stellvertreter, des Fieslings Charlie Price (Ben Foster), muss auch gerechnet werden.

Für 200 Dollar schließt sich der abgebrannte Dan dem Trupp an. Nicht ahnend, dass schon ein kurzer Aufenthalt des Gefangenen in seinem Hause genügt hat, um seine Frau nachhaltig zu verstören und seinen 14-jährigen Sohn William zu begeistern. Der hat den Respekt vor seinem rechtschaffenden aber erfolglosen Vater längst verloren, hält ihn für einen Waschlappen und Feigling. Der Unterschied zu dem Gefangenen könnte nicht größer sein. Wade ist demgegenüber ein cleverer, schlauer und obendrein betörend charmanter Fuchs. Und das imponiert dem Heranwachsenden so sehr, dass er der Gruppe heimlich folgt.

Crowe trägt das Schuftsein wie einen gut sitzenden Anzug

Momente des ausgedehnten Erzählens wechseln fortan mit solchen eruptiver Action. Der "Todeszug nach Yuma" lebt von dem heimlichen Duell zweier ungleicher Männer und einem für dieses Milieu fein justierten Spiel seiner Darsteller. Die obligatorischen Schießereien sind niemals überzeichneter Effekt oder Selbstzweck wie in so vielen Actionstreifen. Ein Hauch von Nostalgie weht durch den Wüstensand, die kurz aufblendende Lagerfeuerromantik. Crowes Ben Wade offenbart sich als eine überraschend vielschichtige Figur. Das Schuftsein trägt er wie einen gut sitzenden Anzug mit gepflegter Nonchalance. Gleichzeitig findet er mehr und mehr echtes Mitgefühl für seinen aufrechten Bewacher Dan Evans. Und wird damit für die Zuschauer zum Sympathieträger. Es ist genau die Sorte Rolle, die Russell Crowe im kleinen Finger beherrscht. Ihm gegenüber ringt Evans mit dem Mut der Verzweiflung um seinen letzten Fitzel Würde. Christian Bale hat den undankbaren Part in diesem Männerduett und meistert ihn sehr passabel. Er kämpft ums Überleben. Und hat am Anfang genauso wenig Handlungsgspielraum wie am Ende.

Der Sand des Vergessens

Das Duell dieser beiden Gegenpole dominiert den Film. Dazwischen darf allerdings der zum kalten Racheengel gefrorene Ben Foster als Charlie Price nicht fehlen. Der rückt die Verhältnisse zurecht. Mehr abgeklärte, ja pathologische Bösartigkeit geht nicht, als dieses enorme Talent hier mit eisigem Blick und zum Strich geformten Lippen zur Schau stellt. Die Spannung steigt bis zum furiosen 30 Minuten-Showdown, der den Zuschauer in die goldenen Zeiten von "Rio Grande" zurückversetzt. Im letzten Drittel erlaubt sich der Film einige als überraschend geplante, leider vorhersehbare Wendungen. Würde die Reise nicht in einem klebrig sentimentalen Showdown münden, der Western hätte vielleicht doch wieder eine Zukunft. So aber ist "Todeszug nach Yuma" ein weiteres, durchaus sehenswertes kurzes sich Erheben aus dem Sand des Vergessens.