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"Twilight": Die Generation Anti-Porno

Schluss mit Sprachverrohung, Gewalt und schnellem Sex: Teenager rennen zuhauf in Filme wie "Twilight" und "High School Musical" - sie wollen nicht mehr Rapper 50 Cent in der Bronx, sondern Kinderstar Hannah Montana im Disney-Club. Geht der Trend zur neuen Unschuld?

Von Sophie Albers

Anschmachten, aber nicht anfassen. Im Kopfkino der deutschen Teenager hat offenbar ein radikaler Wandel stattgefunden: Der Generation Porno mit ihrem Brutalo-Rap und dem Glauben an das Recht des Stärkeren folgt eine komplett konträre Strömung, nämlich die Sehnsucht nach der neuen Unschuld. Die ist strahlend rein, sexfrei, voll beschwingter Melodien und großer Erwartungen. Den Soundtrack und die Bilder zur kuscheligen Sicht aufs Leben liefert vor allem Walt Disney. Der Hype um Hannah Montana, die Jonas Brothers und das "High School Musical" ist groß. Auch der romantische "Twilight" versetzt Teenager in Freudentaumel, ein Film, der sogar Vampiren die Zähne zieht. Ein neuer Trend? Wunschdenken? Oder eine gut funktionierende PR-Kampagne?

Die Zahlen: Seit zweieinhalb Jahren ist das "High School Musical" - von seinen Fans liebevoll "HSM" genannt - ein international beliebtes Teenager-Thema. Mehr als 255 Millionen Zuschauer haben den ersten Teil des kantenlosen US-Singspiels über lachende, tanzende Schüler gesehen. In 20 verschiedenen Sprachen, in 100 Ländern. Zehn Prozent davon allein in Deutschland. Und das nicht mal im Kino, sondern im Fernsehen und auf DVD. Die Soundtracks waren die weltweit erfolgreichsten Alben, die DVD der meistverkaufte Film. In den Disney-Parks von Paris bis Orlando laufen eigene Bühnenshows. Nachdem "High School Musical 2" den Rekordlauf fortsetzte, wurde Teil drei gleich als Kinoereignis zelebriert. Teil vier ist in Arbeit, und die "High School Musical"-Stars Zac Efron und Vanessa Hudgens sind das gefeierte Traumpaar der Teenie-Fanmeile.

Vegetarische Vampire

Auch die vegetarischen Vampire aus "Twilight - Biss zum Morgengrauen" (Deutschlandstart 15. Januar/ siehe Kasten) tummeln sich auf dem Schulhof. Die völlig sexlose Highschhool-Liebe eines Untoten und einer Schul-Schönen hat am ersten Kinowochenende in den USA knapp 71 Millionen Dollar eingespielt und damit mal eben fast das Doppelte des Budgets wieder reingeholt. Für einen Film ohne großes Hollywoodstudio im Rücken ein unglaublicher Erfolg. Allerdings nicht völlig überraschend, schließlich war der erste Teil von Stephenie Meyers Bestseller-Reihe die Vorlage. Die nächsten Kuschel-Vampire warten schon. Und auch kreischende Teenager wie zu den besten Zeiten von Tokio Hotel.

Was ist da los? Wieso schaffen Weicheier mit Fangzähnen und zum Erbrechen dauergutgelaunte Teenies, was Roland Koch unter brutalstmöglicher Anwendung des Jugendstrafrechts nicht hinbekommt? Wie konnte die schmalzige Schulhofhymne "You Are The Music In Me" gegen die Hassreime aufs Leben im Großstadtghetto das Rennen machen? "Die Stars von 'High School Musical' spiegeln eine Sehnsucht wider: nach heiler Welt. Eine Welt, in der die Schulen noch sauber sind, in der es tolle Cliquen gibt, in der Gemeinschaftsgefühl noch zählt", erklärt sich einer, der es wissen muss, den Erfolg von Zac Efron und Co. Tom Junkersdorf, Chefredakteur von Deutschlands Jugendzeitschrift "Bravo", sagte im Gespräch mit stern.de, für die Fans sei das "High School Musical" "100 Prozent Lebenswelt - eine Projektionsfläche für Wünsche und Träume. Jeder sieht: Wow, die in Hollywood haben so viel Spaß an der Schule! Alles viel besser und bunter als in Wirklichkeit. Täglich vorgelebtes Happy-End."

Auch für den harten Bruch in der Zuneigungsverteilung der "Bravo"-Klientel - die nun statt über Sido und Bushido alles über Demi Lavato aus Disneys nächstem blütenreinen Streich "Camp Rock" und Vegi-Vampir-Darsteller Robert Pattinson liest - hat er eine Erklärung: "Jugendtrends leben immer vom Gegensatz: Wenn Rumhängen, Rumsexen und Rumsaufen der Mainstream sind, werden auf einmal die Leute interessant, die es genau anders machen."

Keine Schnittmenge

Das sieht der Dortmunder Jugendforscher Ronald Hitzler anders: Die Jugendlichen, die aggressiven Rap hören, und die Jugendlichen, die sich am strahlenden Lächeln der Stars nach dem neuen Reinheitsgebot erfreuen, seien nicht die gleichen, sagte er im Interview mit stern.de. "Das 'High School Musical' ist ein Hype und hat auch sicher etwas aufgenommen, aber bei den Fans gibt es wohl kaum eine Schnittmenge." Denn man könne heute nicht mehr von "der Jugend" sprechen wie noch in den 80er Jahren. "Die Szene ist vielfältig und sehr, sehr bunt", pflichtet ihm der Sozialpädagoge Richard Münchmeier bei. "Es gibt nichts, was es nicht gibt und alles, was man sich denken kann." Bei den Anhängern der "neuen Unschuld" handle es sich um eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen, andere wiederum fänden das "High School Musical" unglaublich langweilig. "Wir leben in einem Flickenteppich von Jugendkulturen", ergänzt Hitzler.

Also doch kein Ende der "Ich fick dich"-Attitüde des Gangsta-Rap? Bleiben uns die stolpernden Hasstiraden und die Debatten darüber erhalten? "Szenen und Kulturen verschwinden nicht, nur weil die öffentliche Aufmerksamkeit abnimmt", sagt Hitzler. Das sei ein verbreiteter Denkfehler. Der aggressive Rap werde seine Anhänger behalten, zumindest einen Teil davon.

Heimlicher Sex

Immerhin: Eine Botschaft vermittle der Erfolg von Heile-Welt-Entwürfen wie "High School Musical" und "Twilight" aber schon: "Im Moment sind die exzentrischsten Sachen möglich. Da wird das Normale wieder interessant", sagt Hitzler. Der Jugend gehe es doch in all ihren Ausformungen vor allem um eines: anders zu sein als ihre Eltern. "Lassen Sie den Jugendlichen das Gefühl, dass sie Sex haben können, den sie noch vor ihren Eltern verbergen müssen. Die zünden ja heute sogar noch die Kerzen an und stellen Kondome hin." Nichts ist schlimmer als das totale Verständnis. Und was schockiert einen Vater und Eminem-Fan mehr als das strahlend-stupide Lächeln von "High School Musical"-Blondine Ashley Tishdale, während sie den völlig bedeutungslosen Song über die Ananas-Prinzessin Tiki trällert.