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"Von Löwen und Lämmern": Großer Film und schlechte Politik

Tom Cruise und Robert Redford waren gemeinsam in Berlin und haben den Antikriegsfilm "Von Löwen und Lämmern" vorgestellt. In einer anschließenden Diskussion mit Politikern wie Joschka Fischer konnte sich Robert Redford in seiner Wut auf die Bush-Regierung kaum zügeln.

Von Ulrike Schäfer

Was haben Tom Cruise und Robert Redford gemeinsam? Die beiden Superstars produzierten den Film "Von Löwen und Lämmern", der am 8. November in den deutschen Kinos anläuft - und sie spielen darin neben Meryl Streep die Hauptrollen.

Was unterscheidet Tom Cruise und Robert Redford? Auch das wurde gestern Abend auf einer Preview des Films im Berliner Kino International überdeutlich. Cruise ließ sich vor der Veranstaltung mehr als eine Stunde lang auf dem Roten Teppich feiern und mit seinen Fans ablichten - erst mit, dann ohne seine Ehefrau Katie Holmes. Redford dagegen zeigte sich den Kinozuschauern erst, nachdem diese den Film gesehen hatten: Bescheiden und zurückhaltend betrat er das Podium, wo schon der Außenminister a.D. Joschka Fischer sowie der Historiker Heinrich August Winkler zu einer Diskussionsrunde auf ihn warteten. Das Publikum begrüßte den Filmemacher mit Applaus und Standing Ovations.

Denn trotz anfänglicher Vorbehalte - immerhin handelt es sich bei "Lions for Lambs" (so der treffendere Originaltitel) um einen amerikanischen Afghanistan-Film - konnte das Werk überzeugen. Redford greift darin auf ein derzeit offenbar sehr beliebtes Strickmuster zurück: Drei Erzählstränge werden getrennt behandelt, greifen aber immer mehr ineinander. Mit dieser Technik hatten zuletzt auch Fatih Akin in "Auf der anderen Seite" und Alejandro González Iñárritu in seiner Todes-Trilogie gearbeitet.

Charismatischer Senator contra desillusionierte TV-Reporterin

In Redfords Antikriegsfilm versucht der charismatische Senator Jasper Irving (Tom Cruise), die ehrgeizige TV-Journalistin Janine Roth (Meryl Streep) mit einer brisanten Story zu manipulieren: Im Afghanistan-Krieg soll eine neue Strategie eingeschlagen werden, um die seit sechs Jahren andauernden Kämpfe endlich zu beenden. Die Army will nun die Hochebenen besetzen, um diese vorteilhaften Spähpositionen für sich nutzen zu können. So könne man endlich den Sieg davontragen, um anschließend die Demokratie in Afghanistan einzuführen, behauptet Irving. "Um Menschen zu helfen, werden Menschen umgebracht", provoziert ihn Roth. Die Journalistin arbeitet seit 40 Jahren in dem Job und musste sich zuletzt der Tatsache beugen, dass der Inhalt einer Nachricht weniger zählt als die Quote, die sie bringt. Doch ihre Ideale hat sie noch nicht ganz verloren: Sie will sich den Propaganda-Methoden des Senators entgegen stellen.

Gleichzeitig versucht der frustrierte Politikprofessor Dr. Malley (Robert Redford) Todd, einen begabten Studenten aus wohlhabendem Elternhaus (Andrew Garfield) aus seiner Resignation zu reißen. Er beschwört ihn, sein Potenzial zu nutzen und endlich Engagement zu zeigen. Um ihn zu überzeugen, erzählt er von seinen ehemaligen Studenten Arian (Derek Luke) und Ernest (Michael Pena). Die beiden waren in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen und hatten es bis zur Uni geschafft. Doch aufgerüttelt durch den idealistischen Professor meldeten sie sich freiwillig für den Einsatz in Afghanistan - ganz gegen dessen Willen.

Unerträgliche intensive Kriegsszenen

Die Szenen im verschneiten Hindukusch schließlich sind in ihrer Intensität für den Zuschauer kaum erträglich. Arian und Ernest, schwer verletzt und umzingelt von Talibankämpfern, werden ihrem unausweichlichen Schicksal nicht entgehen - die Sinnlosigkeit ihres Todes wird einem umso drastischer bewusst, als unmittelbar nach den finalen Schüssen die rettenden Hubschrauber der Amerikaner zu hören sind. Hier driftet der Film stellenweise zu stark in ein Heldenepos ab.

Letztendlich wirkt der Film fast wie ein Abschied von dem freien und unbeschwerten Leben, das die Amerikaner nach dem 11. September 2001 im Kampf gegen den Terror eingebüßt haben: Die Strategie des Senators scheitet bereits im Ansatz und macht die Hilflosigkeit Amerikas überdeutlich. Die Journalistin verrät ihre Ideale und beugt sich dem Druck ihres Arbeitgebers. Nur wie sich Todd entscheiden wird -für den bequemen Weg oder dafür, sich der politischen Situation zu stellen und Einsatz zu zeigen - das bleibt offen. Der Film endet so abrupt, dass mancher das Gefühl hatte, jetzt müsse es erst richtig losgehen.

Mit bedrücktem Gefühl nach Hause gehen

Es ist ein Szenario totaler Ausweglosigkeit, das Redford hier zeichnet. In der anschließenden Diskussionsrunde widersetzte sich Joschka Fischer trotzdem der Bitte des Moderators, den Zuschauern doch einen kleinen Hoffnungsschimmer mit auf den Weg zu geben: "Vielleicht ist es ganz gut, wenn man nach so einem Film mit einem bedrückten Gefühl nach Hause geht", sagte der ehemalige Außenminister, der gerade nach einem Jahr in den USA nach Deutschland zurückgekehrt ist. Die Trennung zwischen den Soldaten und dem Land, das sich nicht im Krieg befindlich fühle, sowie einer Politik, die nur auf militärische Stärke setze und dadurch immer mehr in den Treibsand gerate, fand Fischer im Film präzise dargestellt.

Redfords Werk bezeichnete er als "großen Film", von denen er sich weitere wünsche. Denn auch mit einer Abwahl der Republikaner im kommenden Jahr sei das Problem im Nahen Osten nicht gelöst, betonte Fischer. Angesichts der Situation müsse auch Deutschland in den nächsten Jahren "erwachsen werden". Ohne politische Antworten zu finden, werde der Krieg gegen den Terror tragisch enden - und Europa zahle den Preis mit.

Redford selbst konnte sich in seiner Wut auf die Bush-Regierung kaum zügeln. "Nach dem 11. September wussten wir nicht, was wir tun sollten. Wir wurden aufgefordert, hinter unserer Regierung zu stehen und ihr zu vertrauen. Es ist fast unerträglich für mich mit anzusehen, was seitdem passiert ist", sagte der 71-jährige. "Macht und Kontrolle um jeden Preis - das ist es, wofür diese Partei steht." Immerhin hat er eine Botschaft zu überbringen: "Die Zukunft gehört den jungen Leuten. Sie können ihre Zukunft jetzt formen." So gab Redford den Zuschauern wenigstens eine kleine Hoffnung mit auf den Weg.