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007-Produzentin Barbara Broccoli "Daniel Craig wollte die Rolle nicht"


Sie machte den erfolgreichsten "James Bond" aller Zeiten möglich. Produzentin Barbara Broccoli sprach mit stern.de über ein schwieriges Erbe, "Onkel Sean" und warum wir 007 dringend brauchen.
Von Sophie Albers

Als Sie noch klein waren, haben Sie gedacht, James Bond sei eine reale Person. Wann war das vorbei?
Ich muss so sieben oder acht gewesen sein. Da waren wir in Japan, und ich habe während der Dreharbeiten diese überwältigende Reaktion der Menschen auf Sean (Connery, Anm.d.Red.) gesehen. Da habe ich plötzlich gedacht: "Okay, Onkel Sean spielt nur James Bond! Jetzt habe ich es kapiert".

Waren Sie da nicht enttäuscht von Onkel Sean? In dem Sinne: "Den Weihnachtsmann gibt es gar nicht".
Es war eher: Der Weihnachtsmann ist viel realer als gedacht. Man kann durch diese Filme die Welt erleben. Deshalb hat mein Vater es so geliebt, sie zu machen. Weil er dem Publikum Freude bereiten, die perfekte Flucht aus dem Alltag für ein paar Stunden schenken konnte: unglaubliche Orte, faszinierende Menschen. Die Bond-Filme sind ein Fenster in ein anderes Universum.

Dann sind Sie und ihr Vater also der Weihnachtsmann?
James Bond ist der Weihnachtsmann, weil er ein Geschenk ist! (lacht)

Haben Sie nach all den Jahren eine Ahnung, warum Bond noch immer so stark und wichtig ist? Es gibt viele Helden, die schießen rennen und flirten...
Der Charakter ist im Kern unbestechlich. Das ist es. Er tut die Dinge nicht, um sich selbst zu bereichern, sondern für das Wohl aller. Er opfert sich, denn er kann kein normales Leben führen. Das bewundern wir, so wie wir ganz reale Menschen bewundern, die sich opfern: Eltern, Krankenschwestern, Feuerwehrmänner... Menschen, die täglich Heldenhaftes tun.

Die nicht so tun als ob?
Ganz genau! Daniel Craigs Interpretation des Charakters ist auch so erfolgreich, weil er Menschlichkeit in die Rolle gebracht hat. Du kannst den Schmerz in ihm fühlen.

Was am Anfang für viele ein Problem war.
Ja, aber es ist angemessen.

War Craig der einzig mögliche Bond nach 9/11?
Absolut. Das war ein entscheidender Punkt, warum wir ihn haben wollten. Wir waren mitten im Dreh für "Stirb an einem anderen Tag", als 9/11 passierte. Es hätte sich einfach falsch angefühlt, wenn James Bond auch im nächsten Film frivol gewesen wäre. Die Welt hat sich verändert. Wir haben eine Verantwortung, dass Bond die Zeit reflektiert, in der er lebt. Dass ist ein Grund dafür, warum die Filme seit fünf Jahrzehnten so erfolgreich sind. Bond repräsentiert die jeweilige Popkultur, den Zeitgeist. Und heute, wie "Skyfall" es zeigt, wird die Welt zunehmend undurchsichtig. Wir wissen nicht, wer der Böse ist, und es ist viel schwieriger, das Böse zu bekämpfen, wenn du nicht wirklich weißt, wo es ist. Das spüren die Menschen. Sehen Sie sich die Welt an, wir haben mal an Regierungen geglaubt, an Banken. Und jetzt? An nichts. Wir können nur noch auf Individuen hoffen, die das Richtige tun. Für dieses Ideal steht Bond. Wir hoffen, dass es da draußen Leute wie ihn gibt.

Craig war Ihre Wahl, und es war der erste neue Bond-Darsteller ohne ihren Vater. War es ein harter Kampf?
Es war überhaupt sehr schwierig, die Filme ohne meinen Vater zu machen, weil ich ihn so sehr vermisse. Aber was er mir wirklich eingetrichtert hat, ist, in meinen Entscheidungen souverän zu sein, Risiken einzugehen, meinen Kopf durchzusetzen...

Können Sie das überhaupt in dieser riesigen Bond-Maschine?
Das muss ich! Mein Vater hat meinem Bruder und mir immer gesagt: Trefft eine Entscheidung. Selbst eine falsche Entscheidung ist besser, weil es eure ist. Überlasst es nicht anderen, für euch zu denken. Eine Erfolgsregel war für ihn, immer die besten Leute zu engagieren und ihnen die besten Bedingungen zu bieten. Das ist eine sehr einfache, aber wichtige Regel. Mein Vater meinte: Leute, die Filmstudios leiten, sind vorübergehend da. Und du willst nicht, dass vorrübergehende Leute dauerhafte Entscheidungen treffen.

Der ist gut.
Mein Vater war sehr weise. Ich habe total an Craig geglaubt. Ehrlich gesagt, wollte ich überhaupt niemand anderes sehen. Das Problem war aber, dass Daniel Craig die Rolle nicht wollte.

Und wie haben Sie ihn überzeugt?
Mit Durchhaltevermögen. (lächelt)

Sie haben Ihr gesamtes Leben mit Bond verbracht, ist es da nicht schwierig loszulassen? Der Mann ist ein Gemeingut, ein Nationaleigentum.
Ehrlich gesagt ist genau das das größte Vergnügen für mich: All die Leute, die zu mir kommen und sagen: Als ich klein war, hat mein Vater mich mit in einen Bond-Film genommen, das erste Date mit meiner Frau war ein Bond-Film, meine Oma hat mir Bond gezeigt. Jeder hat eine emotionale oder sogar familiäre Beziehung zu Bond, die weitergegeben wird von Generation zu Generation. Das ist das Bewegendste. Es ist mehr als ein Film, es ist eine Tradition.

War das nie ermüdend?
Nein, es ist berauschend.

Sie hatten nie, auch nicht als rebellierender Teenager genug von 007? Haben Sie zum Beispiel nie gedacht, ich will mit dem sexistischen Machokram nichts zu tun haben?
Doch, solche Auseinandersetzungen gibt es immer wieder. Wie im richtigen Leben eben. Frauen müssen das klarstellen, damit sich etwas ändert. Und langsam ändert es sich ja. Das ist doch das Tolle an der Reihe, dass sie sich immer weiterentwickelt!


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