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Filmkritik "Er ist wieder da": Er war nie weg

Timur Vermes' Bestseller "Er ist wieder da" wurde verfilmt. Und Adolf Hitler geht es besser denn je. Schließlich wurde der Diktator und Massenmörder sehnsüchtig erwartet.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Oliver Masucci in "Er ist wieder da"

"Dem Hitler können die Leute einfach nicht lange böse sein."

Da ist er also. Liegt im angesengten Herbstlaub, mit verschrecktem Blick, und wundert sich über das Berlin 2014. Wähnte Adolf Hitler sich doch gerade noch im Jahr 1945, am Ende seines tausendjährigen Reiches nach zwölf Jahren. Aber es geht ihm gut, stellt er fest, mit knallendem "t", und rappelt sich auf: um sich die Stadt zurückzuholen, das Land, ach was, die ganze Welt.

Oliver Masucci in "Er ist wieder da"


Hitler gibt es jetzt im Kino. Und Sie dürfen ihn ganz offen cool finden, ja, fasziniert von ihm sein. Das tun schließlich auch die Youtube-Stars im Film. Oder die Frau im Imbiss, die dem Mann mit der lustigen Schnodderbremse ihr fremdenfeindliches Herz ausschüttet. Oder die Leute am Straßenrand, die ihm zuwinken, als er in der Karosse vorbeikutschiert wird. Die Jugendlichen, die Selfies mit ihm wollen. Oder die alten Männer in der Kneipe, die meinen, endlich jemanden gefunden zu haben, der sie versteht. Fiktion und Realität verschwimmen in David Wnendts Verfilmung des Bestsellers "Er ist wieder da". Mit Absicht. Das macht die Kinoversion besser als das Buch. Und noch schwerer erträglich.

Borat-Anwendung

Die britische Zeitung "The Telegraph" nannte es die "Borat-Anwendung": Neben inszenierten Szenen schickt Regisseur Wnendt den Theaterschauspieler Oliver Masucci in voller Hitler-Maske auf die Straße - vors Brandenburger Tor, zur NPD-Demo in Brandenburg, zur Frittenbude in sonstwo. Er redet mit den Leuten, gibt Hitler-Antworten. Und die Deutschen lieben es. Der Bodyguard, der "dem Führer" zur Seite gestellt wurde, kann nach Hause gehen. "Viele Leute haben sich richtig gefreut, Hitler zu sehen", sagt Wnendt. Und schluckt.

Offensichtlich war Hitler nie weg aus den Herzen der Menschen. Der gerade verstorbene Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte schon in der Plasberg-Talkshow, die es anlässlich der Buch-Veröffentlichung gab: "Dieses Buch zeigt, wie die Deutschen - um viele Ecken herum - auf Hitler warten." Und Wnendt lässt ihn nun endlich kommen.

Quotenkanone Hitler

Ein stoffeliger Redakteur eines Privatsenders (Fabian Busch) entdeckt Hitler, und die quotengeilen Produzenten (Christoph Maria Herbst und Katja Riemann) kriegen angesichts des Widergängers sofort Eurozeichen in den Augen. "Sie machen mir wirklich Angst - wie viele Klicks hatte das Video, sagen Sie?", fasst es gut zusammen. Hitler verkauft sich besser als Sex. "25 Prozent mehr als andere Titel", sagte "Titanic"-Chef Leo Fischer in der besagten Plasberg-Sendung.


Im Film wird Hitler nicht ernst genommen, so ähnlich wie damals vor 1933. Die Aufmerksamkeitsverwerter halten ihn für einen Satiriker, der knallhart in der Rolle bleibt. Und sie bieten ihm bereitwillig und begeistert die Plattform, um sich erneut als Volksdompteur zu versuchen. Masucci gibt, trotz null Ähnlichkeit und 1,88 Meter Größe, einen beängstigend intensiven Diktator auf der Suche nach Untertanen. Und dem kommt übrigens nicht in die Quere, dass er einst Weltkrieg und Millionen den Tod gebracht hat, dass in seinem Namen Kinder in brennende Gruben geschmissen und Experimente an Menschen vorgenommen wurden. Nein, Hitlers Sympathie-Krise ist einem Video-Clip geschuldet, in dem zu sehen ist, wie er einen kleinen Hund erschießt, weil der ihn in den Führerfinger gebissen hat. Aber wie sagt ein Mitarbeiter des Privatsenders: "Dem Hitler können die Leute einfach nicht lange böse sein".