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Berlinale-Direktor Kosslick: Mehr Sound für die Nachtschicht!

5.000 Filme sind beim "Bären"-Rennen dabei, und die Rolling Stones präsentieren den Eröffnungsfilm. Kommt Madonna auch? Welche Filme gibt es zu sehen - und welche Stars? Festival-Chef Dieter Kosslick verrät Details von der Berlinale der Superlative.

Traditionell sind die Eröffnungsfilme in Berlin, Cannes und Venedig kaum gut gelitten. "I Can’t Get No Satisfaction" kann man diesmal kaum sagen - haben Sie mit dem "Rolling Stones"-Film das perfekte Opening gefunden?

Absolut, das ist der perfekte Eröffnungsfilm. Zumal hier nicht nur Musikfans, sondern auch die Freunde des Dokumentarfilms auf ihre Kosten kommen. Schon jetzt bekommen wir viele Anrufe, alle wollen zu den Stones, jeder findet das großartig. Wir können uns im Moment nicht beklagen.

Neben den Stones läuft auch Madonna über Ihren roten Teppich. Gehen der Berlinale die Filmstars aus, oder warum der Griff die Musik-Kiste?

Es wird ganz sicher noch genügend Filmstars bei uns geben.

Staatsgäste bekommen bei Besuchen traditionell Geschenke - was bekommen die Star-Gäste der Berlinale? Einen kleinen Knut als Trostpreis, wenn es mit dem Goldenen Bären nicht klappt?

Knut gibt's bei uns nicht, wir haben unseren Berlinale-Teddy mit braunem Fell. Und wegen der etwas kühlen Temperaturen im Februar bekommen die VIPs unseren kuscheligen Berlinale-Schal von Boss überreicht. Aber auch für das Berlinale-Publikum gibt es Souvenirs: T-Shirts, Tassen, und erstmals auch ein Berlinale-Kissen. Nicht, um damit im Kino zu schlafen, sondern damit die Kinder auch in den hinteren Reihen noch gut auf die Leinwand sehen können - zur Erholung nach einem langen Filmtag.

Sie sind das erste Filmfestival, das komplett rauchfrei sein muss. Wäre die Zigarette danach bei den schweren Themen bisweilen nicht erforderlich?

Die Berlinale ist in diesem Jahr rauchfrei - und das finde ich, obwohl ich selbst Raucher bin, eine sehr gute Sache. Die Themen sind ja auch nicht so, dass man unmittelbar danach erst einmal zwei filterlose Zigaretten inhalieren müsste.

Was sind die Themen anno 2008?

Die beiden großen Themen sind Kinder und Musik. Zum einen reicht das von den Stones zur Eröffnung über Madonna und Patti Smith bis zur Dokumentation über die Berliner Philharmoniker. Zum anderen geht es, quer durch alle Sektionen, um Kinder und ihre Schicksale: Dass viele Kinder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort geboren werden. Das ist auch ein Beitrag zur aktuellen Debatte über Kindheit und Jugend.

Mit "Irina Palm" hatten Sie im Vorjahr die Lacher auf Ihrer Seite. Werden solche Comedy-Leuchttürme zum neuen Wahrzeichen in üblicher Tristesse von A-Festivals? Oder beginnt "Qualität" noch immer eher mit "Qual"?

Festivals sind relativ ernste Veranstaltungen, da ist Lachen nicht unbedingt angesagt. Zudem ist der Markt mit Komödien, bei denen man sich nicht unter seinem Niveau totlacht, doch ziemlich beschränkt. Wir haben aber durchaus auch leichtere Filme. Vor allem bei den zahlreichen Musikfilmen wird man sehr viel Spaß haben.

Sie haben mit "Der freie Wille" oder "300" die Grenzen des konventionellen Programms erweitert. Was kann man in diesem Jahr erwarten?

Die Dokumentation "Standard Operating Procedure" über die Gefängnis-Skandale von Abu Ghraib finde ich ziemlich atemberaubend. Auch das in Amerika bereits bejubelte Drama "There Will Be Blood" mit Daniel Day-Lewis wird das Publikum auch bei uns kaum auf den Sitzen halten.

Wie sieht der typische Berlinale-Besucher aus?

Den typischen Berlinale-Besucher gibt es nicht. Unsere treuesten Zuschauer sind die ganz kleinen: Beim Kinder- und Jugendprogramm "Generation" gibt es keine Vorstellung, die nicht bis zum letzte Platz besetzt ist. Dann gibt es junge Leute, die verstärkt in die "Perspektive Deutsches Kino" gehen. Aber es gibt auch Besucher, für die ist das "Kulinarische Kino" besonders attraktiv.

In diesem Jahr wollten 5.000 Filme bei der Berlinale dabei sein. Ab wann ist die Schallgrenze der Superlative erreicht?

Im vorigen Jahr hatten wir unsere Grenzen eigentlich schon erreicht, diesmal gab es eine weitere Steigerung um 500 Anmeldungen. Aber wir können ja nicht einfach eine Sperre einbauen. Wer weiß, ob wir dann nicht den ganz grandiosen Film verpassen.

Besonders der neue Filmmarkt brummt. Wie viel Geld bringt die Messe in die Berlinale-Kasse?

Beim Filmmarkt sind wir in diesem Jahr an unsere Grenzen gestoßen, die Nachfrage war größer als unsere Kapazitäten. Mehr als 700 Filme können wir auf dem Markt rein technisch gar nicht bewältigen. Der Umzug und die erfolgreiche Neupositionierung des Filmmarkts waren mit erheblichen Investitionen verbunden, aber wir haben eine ausgeglichene Bilanz.

Wie steht es um die digitale Revolution? Wird die Berlinale demnächst auf "You Tube" oder "My Space" zu erleben sein?

Nein, der Klick auf "You Tube" genügt nicht, bei der Berlinale muss man schon noch persönlich vorbeikommen - das gehört zum Wesen eines Filmfestivals dazu.

Mythos Berlinale: Stimmt es, dass Autogrammjäger nachtaktiv werden sollten, weil die Regisseure immer in der Nacht vor der Vorstellung die Filmkopien persönlich prüfen?

Für diese Nachtschichten ist die Berlinale berühmt. Während die Besucher schon feiern oder noch über die Filme nachdenken, zeigen wir in der Nacht bereits das Programm vom nächsten Tag (lacht). Nein, wir prüfen, ob die Filmkopien alle technisch in Ordnung sind. Oft kommt dabei um 3 Uhr früh ein Regisseur in den Saal gerannt und ruft: "Mehr Sound!". Morgens um 6 Uhr ist die Nacht-Berlinale beendet und das normale Festival beginnt wieder.

Interview: Dieter Oßwald