HOME

Stern Logo Berlinale

58. Berlinale: Die göttliche Tilda

Spätestens mit dem neuen Jahrtausend ist die Königin des Independent-Kinos im Mainstream angekommen. Doch selbst nach der Berührung mit Hollywood bleibt die schottische Schauspielerin Tilda Swinton ein Phänomen - ob sie nun Alkoholikerinnen oder Eisköniginnen spielt. Ein Erklärungsversuch.

Von Sophie Albers

Ist es das Gesicht, dieses kleine, fragile Dreieck mit den grünen Murmelaugen über den ausgeprägten Wangenknochen? Oder ist es die Statur, schmal und hoch gewachsen, dennoch trainiert, ohne jungenhaft zu wirken? Dabei ist sie nicht einmal im klassischen Sinne schön, fast androgyn ist diese Erscheinung, von der man doch den Blick nicht abwenden kann.

Freitagnacht in einer kleinen, in einem Berliner Hinterhof versteckten Galerie, sitzt Tilda Swinton an einem Tisch und betrachtet sich selbst. Hundert Mal starrt ihr eigenes Porträt zurück vom Cover eines kleinen, feinen Buches, das nach Jahren langer Arbeit endlich fertig wurde. "Sorry to make you throw up!" (Entschuldigen Sie, dass Sie wegen mir kotzen müssen) heißt der Buchklotz, der die Karriere der schottischen Schauspielerin vornehmlich in Bildern zusammenfasst. Sie sitzt da und strahlt, wobei Swinton zu den Menschen gehört, die dazu nicht einmal lächeln müssen.

Auf der 58. Berlinale ist sie mit zwei Filmen vertreten: In der kommenden Woche wird im Panorama "Derek" vorgestellt, ein Film über Swintons 1994 verstorbenen Mentor, den Filmemacher Derek Jarman. Und auch im Wettbewerb ist sie zu sehen: Sie spielt die Hauptrolle in Erick Zoncas "Julia", ein kompromissloses, wenn auch zuweilen etwas langatmiges Porträt einer Alkoholikerin, die aus Geldgier ein Verbrechen begeht, doch am Ende feststellen muss, dass sie nicht hart genug ist für den Job.

Schönheit kann man spielen

Natürlich ist Julia eine schöne Frau, doch zeigt Zonca, wie der Alkohol die innere und äußere Schönheit zerstört. Allerdings hat die von Modedesignern und Fotografen gefeierte Swinton bekanntermaßen kein Problem mit der Hässlichkeit. Alles spielbar, genauso wie die Schönheit, um mit Meryl Streep eine andere große Schauspielerin zu zitieren.

Swinton spielt nicht nur mit dem ganzen Kopf, sondern auch mit dem ganzen Körper. Vielleicht deshalb strahlt sie eine fast unheimliche Disziplin aus. Am Samstag sitzt sie in der Pressekonferenz für "Julia" in einem petrolgrünen Trenchcoat auf der Bühne und lächelt seltsam unberührt. Als gebe es eine Wand zwischen ihr und der Welt betrachtet sie ihr Publikum, kehrt die Situation um. Mit der Aufmerksamkeit eines Raubvogels hört sie sich die Fragen an. Und wie um der Show zu genügen, lässt sie einmal eine Augenbraue nach oben schnellen. Doch auch nur um dann von ihrem kristallklaren Verstand ein paar Worte abzuschöpfen, deren Beständigkeit die Zuhörer fast ein bisschen erschreckt.

Nein, das Schauspielern sei für sie keine tiefenpsychologische Übung, stellt sie klar. Und man erinnert sich an ihr Zitat, dass "Rollen wie ein Prisma sind, durch das wir unsere Erfahrungen schleudern können". Keine Tricks, keine Illusion. Tilda ist alles, was man kriegt. "Sind wir nicht alle das gleiche Tier? Kennen wir nicht alle Menschen wie Julia?"

Die italienische Frau

Swintons Erscheinung hat bei öffentlichen Auftritten tatsächlich etwas Abweisendes, doch begegnet man ihr im kleineren Kreis, verblüfft sie mit einer Herzlichkeit, die Regisseur Zonca italienisch nennt. Die Mutter von Zwillingen öffnet sich den Menschen, geht vom Guten aus und lacht so laut, dass das Gesichtchen etwas Kindliches bekommt. Die ätherische Sphinx ist also ein Missverständnis?

Vielleicht rührt sie da her, dass Swinton seit ihrem ersten Film "Caravaggio" 1986 verdammt hart gearbeitet hat. Die studierte Soziologin und Politologin hat nicht nur mehr als 50 Filme gedreht, sie hat auch eine Vorstellung von einer idealen Welt und keinerlei Verständnis, wenn Menschen den Kampf dafür, dass sich etwas ändert, aufgeben. Die Frau hat nicht nur eine Meinung, sie vertritt sie auch.

Know your enemy

Und so gibt es kaum ein Filmfestival, auf dem Swinton nicht für den unabhängigen Film wirbt, den künstlerischen Nachwuchs unterstützt und flammende Reden hält, wenn es darum geht, sein Hirn nicht vom Mainstream verkleben zu lassen.

Um so erstaunlicher ist es, dass die gerade für den Oscar als beste Nebendarstellerin in "Michael Clayton" nominierte Schauspielerin immer wieder in Hollywood arbeitet. Aber vielleicht ist es ja eine subversive Methode. Schließlich muss man seinen Feind kennen, um ihn effektiv bekämpfen zu können.

Dazu passt, dass Swinton, die sagt, sie sei bereits als Kind eine Linke gewesen, in einem Schloss aufgewachsen ist, das seit dem neunten Jahrhundert im Besitz ihrer altadligen Familie ist. Nur zu gut kann man sich vorstellen, wie ein blasses, rothaariges Mädchen ihre Mitschüler mit ihrer Ehrlichkeit fast zum Kotzen gebracht hat, um auf den Buchtitel zurück zu kommen. Eine davon war übrigens die spätere Lady Di.

Themen in diesem Artikel