Berlinale-Abschluss Es bleibt in der Familie


Die 60. Berlinale ist mit einem schönen, harmlosen Sieger und dem Bekenntnis zum "Sohn" Roman Polanski zu Ende gegangen. Im Wettbewerb ging es vor allem um die Familie als Kern einer zerfallenden Gesellschaft. Das ist eher konservativ als spannend.
Von Sophie Albers und Carsten Heidböhmer

Sonderlich politisch war sie nicht, die 60. Berlinale. Sie war auch schon mal glamouröser. Und die Filme im Wettbewerb haben für reichlich Enttäuschung gesorgt, so wie es die Bären-Vergabe sowieso immer tut. Schließlich kann man es nie allen recht machen. Rückblickend wirkte das Berliner Filmfestival 2010 etwas hilflos und lieferte so gar keine "Ausrüstung zum Kampf für ein besseres Leben", wie es Regisseur Christoph Schlingensief in seinem Geburtstagsgruß gefordert hatte.

Festmachen lässt sich das an den Gewinnerfilmen: Der Goldene Bär ging an "Bal" (Honig), ein poetisches Märchen vom kindlichen Blick auf das Familienleben und die Natur. Schön, harmlos, kantenlos, für jeden etwas. Ebenfalls um Natur, die Menschen darin und tolle Bilder davon ging es im russischen Beitrag "How I Ended This Summer", dessen Darsteller und Kameramann geehrt wurden. Dass der in der Schweiz auf seine Auslieferung in die USA wartende Roman Polanski für "Der Ghostwriter" mit dem Regie-Bären geehrt wurde, ist auch ein Statement, dass dieser Sohn der Festival-, wenn nicht sogar Kinofamilie, nicht als verloren gilt. Und dann der Drehbuch-Bär für den Eröffnungsfilm "Apart Together": noch so ein netter Film über familiären Zusammenhalt.

"Kalt, aber cool"

Aber vielleicht sehnen wir uns ja nach "nett". Vielleicht ist ausgerechnet Kino-Raufbold und Jury-Präsident Werner Herzog altersmilde geworden. Oder er meinte es tatsächlich ernst, als er im Festival-Vorab-Interview mit der "Vogue" meinte: "Man darf Festivals nicht überschätzen, die haben keine wirkliche Bedeutung."

Die Berlinale sei "kalt, aber cool" gewesen, ließ sich Festivalchef Dieter Kosslick in der Abschluss-Gala von Bürgermeister Wowereits Berlin-Spruch "arm, aber sexy" inspirieren. Kalt war sie wirklich, mit Minusgraden im zweistelligen Bereich. Doch cool im Sinne von "weit vorne" fand eher außerhalb des Wettbewerbs statt. Im Panorama beeindruckte "Die Fremde", ein Drama über eine junge Türkin in Berlin und die Frage, was passiert, wenn Ehre mehr zählt als Liebe. Außer Konkurrenz lief der großartige Banksy-Film "Exit Through The Giftshop", der formvollendet die Kunst beherrscht, Kunst auf den Punkt zu bringen. Und dann, das Beste am Schluss: Dominik Grafs TV-Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens" im Forum macht deutlich, welche Entwicklungen in der deutschen Fernsehunterhaltung doch möglich sind.

300.000 Tickets

Im Wettbewerb hatte das deutsche Kino keine Chance: "Der Räuber", obwohl zunächst als Favorit gehandelt, ging leer aus. Der wunderschöne "Shahada" von Nachwuchsregisseur Burhan Qurbani über junge Muslime in Berlin fiel bei Kritik und Jury einfach durch. Und Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" war einfach nur ein Ärgernis. Immerhin: Das Publikumsfestival hat einen neuen Rekord zu vermelden: Mehr als 300.000 Zuschauer kauften Tickets.

Dagegen fiel ausgerechnet die Jubiläums-Berlinale durch die Abwesenheit von Stars auf. Die Premiere des Musicalfilms "Nine" im Friedrichsstadtpalast war ein Sinnbild dafür. Da hat man schon mal einen Film voller Weltstars (Penelope Cruz, Nicole Kidman, Judi Dench, Sophia Loren, Marion Cotillard, Daniel Day-Lewis), und dann erscheint zur Premierengala: kein einziger Schauspieler, nicht einmal der Regisseur. Eine Frechheit und auch eine Blamage für Dieter Kosslick und sein Team. Selbst B-Promis (Jessica Alba, Casey Affleck, Anette Benning) schwänzten die Premieren ihrer Filme. Nach einem furiosen ersten Wochenende mit Shah Rukh Khan, Leonardo DiCaprio, Pierce Brosnan und Tilda Swinton sackte das Festival im Laufe der folgenden Woche weg und erholte sich davon bis zum Schluss nicht.

Was bleibt nach der Berlinale, sind viele müde Gesichter und die Frage, ob es sich mit einem guten Filmfestival nicht ähnlich verhält wie mit einem guten Film: Es gibt kein Rezept, das immer gelingt und jedem schmeckt. Das ist nicht viel, heißt aber auch, dass man es immer wieder versuchen muss.

Mitarbeit: Matthias Schmidt

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