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Berlinale-Chef Kosslick im Interview "Hier geht es um Abgründe"


Er feiert in diesem Jahr Jubiläum: Dieter Kosslick ist seit zehn Jahren Chef der Berlinale. Ein Interview über das Zittern am Morgen, Heimweh, die Macht des Kinos - und den Charakter des Filmfestes.
Von Sophie Albers, Berlin

Die Hälfte der 61. Berlinale ist um. Wie geht es Ihnen heute Morgen, Herr Kosslick?
Ich habe noch so einen kleinen Zitter, aber das legt sich in einer Stunde, wenn ich wieder ganz hochgefahren bin. So lange dauert es, wenn man nur vier Stunden schläft. Außerdem stand heute Morgen plötzlich Sarkozys Film-Beauftragter in meinem Zimmer, und ich war noch nicht mal richtig angezogen. Es geht mir gut!

Was ist das Erste, was Ihnen zu Ihrem zehnjährigen Jubiläum als Berlinale-Chef einfällt?
Dass die Zeit so schnell vergangen ist. Obwohl wir doch sehr viel verändert haben. Und dass die neuen Initiativen so gut angenommen worden sind. Damals gab es keinen Talent-Campus und kein Kulinarisches Kino. Aber heute scheint es, als seien sie immer da gewesen.

Sind Sie eigentlich nachtragend?
Ja, aber nicht lange.

Wie bleibt man neugierig?
Ich bin ein neugieriger Mensch. Unter anderem erfährt man in den Hotellisten, wer mit wem angereist ist.

Mehr sagen Sie dazu aber wohl nicht?
Nein, das war's. Aber ernsthaft: Neugierig bleibt man, indem man mit offenen Augen durch die Welt geht und sich ansieht, was um einen herum passiert. Das kann einen glücklich stimmen oder depressiv machen. Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob ich wirklich glaube, dass unser Einsatz für den im Iran inhaftierten Regisseur Jafar Panahi irgendetwas ändern wird. Dem kann ich nur entgegnen: Wenn man nichts macht, würde sich sicher nichts verändern.

Glauben Sie, dass Kino und Kunst die Welt zu einem besseren Ort machen können?
Ja. Warum sonst sollten Tausende Menschen Kinotickets kaufen und sich ansehen, was wir auf dem Festival zeigen? Hier laufen keine Filme, in denen Mann und Frau und glückliche Kinder eng umschlungen beineinandersitzen. Hier geht es um Abgründe und die dunklen Seiten des Lebens. Die Leute sehen sich an, wie es anderen Menschen ergeht. Vor vier Jahren hat "Grbavica" den Goldenen Bären gewonnen, Jasmila Zbanics Film über die Massenvergewaltigung von Frauen durch die Serben im Jugoslawienkrieg. Auch auf Grund der Aufmerksamkeit, die der Film erregt hat, bekommen diese Frauen heute eine kleine Rente. Es hat etwas geändert!

Was erhoffen Sie sich von der Aufmerksamkeit, die der leere Jury-Stuhl von Panahi erregt?
Ich werde bis zum Ende des Festivals die Hoffnung nicht aufgeben, dass Jafar Panahi doch noch anreisen wird!

Was ist die größte Hürde, die Sie je genommen haben?
Es jedes Mal wieder zu schaffen, die ganzen Anstrengungen und Katastrophen zu vergessen und mit Leichtigkeit durchs Festival zu gehen.

Und was ist das größte Glück?
Wenn am roten Teppich alle da sind und die Bürgersteige nicht vereist sind. Und am letzten Abend: Wenn alles geklappt hat, die Berlinale vorbei ist und ich nach Hause fahren kann zu meinem kleinen Sohn.

Der Sie dann fragt, wer Sie eigentlich sind?
Nein, aber etwas durcheinander ist er schon. Als er die Eröffnung im Fernsehen gesehen hat, hat er den Fernseher umarmt und geküsst. Da habe ich ihn schnell hergeholt und mal eine Träne weggedrückt.


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