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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Bär jeder Vernunft – das war die Berlinale 2019

Es war die 69ste Berlinale, und gleich zu Beginn des Festivals waren alle mehr als dankbar, dass der Innenminister zur Feier des Tages nicht 69 Afghanen hat abschieben lassen. Eine Kolumne von Micky Beisenherz


Micky Beisenherz über die 69. Berlinale

Micky Beisenherz über die 69. Berlinale

DPA

Die Berlinale ist vorbei.

Ein Fest, das die Massen aus aller Welt angezogen hat. Wir sind wieder wer. Oder noch. Deutschland, und das bestätigen alle, ist der beste Ort, um sich in Kinosälen ungestört und ohne Ablenkung durch das Smartphone auf den Film einlassen zu können. Ein Hoch auf den Breitbandausbau und die Edge-Verbindung.

Es war die 69ste Berlinale, und gleich zu Beginn des Festivals waren alle mehr als dankbar, dass der Innenminister zur Feier des Tages nicht 69 Afghanen hat abschieben lassen. Und ist Berlin nicht bekanntermaßen der Ort anrührender Gedanken, entfesselter Phantasie, hemmungsloser Träumerei? Nur hier konnte Andrea Nahles auf den Gedanken kommen, Kanzlerin zu werden.

Berlinale: Vergleich mit den Oscars

In einem Land, in dem Heino Ferch seit dreißig Jahren ungeprüft als der deutsche Bruce Willis durchgewinkt wird, liegt der Vergleich mit den Oscars nahe. Was natürlich Unsinn ist, da bei der Berlinale wichtige Preisträger nicht in der Werbepause versteckt werden und es seit Jahren nie einen offenen Posten auf der Moderatorenstelle gab. (Was auch Unsinn wäre, da Anke Engelke diese Position mit Charme, Grandezza, Witz und internationaler Klasse ausfüllt.) Man fragt sich: Wieso finden die in den USA eigentlich niemanden für den Job? In Amerika scheint man doch sonst nicht so wählerisch, wenn es um verantwortungsvolle Posten geht.

Die Berlinale ist ein Filmfest. Das kann man guten Gewissens noch einmal betonen. Verfolgt man Medien wie die GALA oder diverse Social Media-Profile deutscher Schauspielerinnen, entsteht schnell der Eindruck, das Ganze sei eine elftägige Messe für Sponsorenwände. Oder eine perfide Erfindung der Roteteppichindustrie. Filme stören da eigentlich nur.

#metoo scheint abgehakt zu sein

Nebenbei bemerkt: Gemessen an den zurückgenommen mahnenden Outfits des letzten Jahres scheint das Thema #metoo bereits abgehakt. Ernsthaft betrachtet aber war es ein Festival der starken Weiblichkeit: aufsässige Kinder, rebellierende Mädchen, Frauen, die sich nichts gefallen lassen. Also eher nichts für R.Kelly und Co.

Auf Filme, in denen eine nackte Mongolin hundertachtundvierzig Minuten lang versucht, in der Einöde ein Feuer zu machen musste natürlich dennoch niemand verzichten. Die anwesenden Stars hatten Glück. Im Allgemeinen, aber auch im Besonderen. Die meisten wurden in den letzten Tagen mit Limousinen geshuttlet. Was praktisch war, da zwischenzeitlich die Berliner Verkehrsgesellschaft gestreikt hat – was vermutlich nur den wenigsten Berlinern aufgefallen sein dürfte.

"Der goldene Handschuh": Ein Film, der gespalten hat

Aber wie war es denn? Es waren elf Tage, die ein Publikum hinterlassen haben, das gelacht hat, gejubelt, gefeiert…

…die anderen haben "Der goldene Handschuh" geguckt.

Ein Film, der gespalten hat wie, tja, eigentlich nur der Hauptdarsteller in der Dachkammer die….aber lassen wir das. Die Resonanz war erstaunlich. Der Film hat bewiesen zu welchem Exzess, welcher Brutalität und Verachtung der Mensch fähig ist. Und damit meine ich nur die Kritiker.

Allen voran der "Spiegel". Was nachvollziehbar ist – reagiert man dort im Hause gerade sehr empfindlich auf alles, wo Tatsachen und Fiktionales vermengt werden. Ein Film über Missbrauch, unmotivierte Gewalt, schockierende Tabuverletzungen. Lars von Trier hat sich dem Vernehmen nach direkt noch ne zweite Tüte Popcorn geholt.

Einige waren entsetzt. Viele in Berlin haben gesagt: Wenn ich Spaß an Blut, Kotze und Gewalt habe, dann geh ich nicht ins Kino - dann nehm' ich die U-Bahn. Aber ein bisschen Aufmerksamkeit hilft, wo in Berlin unter der Woche fast mehr über den Wolf als über den Bären gesprochen wird.

In diesem Jahr lernen wir auch: Es gibt viele neue Player im Filmgeschäft, so wie Netflix. Oder Amazon. Amazon produziert Stoffe, in denen es um Macht, Eitelkeit und sexuelle Ausschweifungen geht, und wir fragen uns: Wie kommen die auf ihre Inspiration? Im Zweifel direkt vom Handy des Chefs.

Dieter Kosslick, der Zampano des Zelluloids

Einen schönen Abgang durfte Dieter Kosslick feiern. Wie alle Schwaben in der Hauptstadt war er bei einigen so beliebt wie Gluten oder Impfen. Dieser Zampano des Zelluloids, der den Laden 18 Jahre zusammen gehalten hat. Seit 2002. Damals war Berlin noch eine absolut chaotische Edel-Favela, in der nix geklappt hat. Kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Mit ihm wird ein glühender Cineast gegangen, gegen den selbst der Dalai Lama wie ein übellauniger Misanthrop wirkt. Kosslick war vor allem für die internationalen Stars so etwas wie ein Terrence-Malick-Film: Kaum einer hat ihn verstanden, aber alle fanden ihn gut.

Zum Abschied gab es Bären in jeder erdenklichen Form: Schlüsselanhänger, Patenschaften, riesige Stoffbären. Man war ein wenig froh, dass das Wappentier kein Reptil, Insekt oder so war, oder um es mit dem Gepriesenen selbst zu sagen: "I can't bear it anymore".

Mit 18 Jahren hat er sich zumindest deutlich länger gehalten als jeder Bär in der Hauptstadt. Hoffentlich erleben wir ihn an anderer Stelle wieder. Für alle "aus dem Biz" war speziell das Preisverleihungswochenende ein voller Erfolg: Man konnte ohne zu frieren oben auf dem Balkon vom Borchardt rauchen und musste über das kurze Kleid keinen Mantel hängen.

Da freut man sich doch schon auf nächstes Jahr. Vielleicht ist dann ja auch der chinesische Beitrag fertig.

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