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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Keine Tracht für niemand. Gabalier - Liebesgrüße aus der Kollegahhose

Sänger Andreas Gabalier wurde mit dem Karl-Valentin-Orden ausgezeichnet. Eine Entscheidung, die für Irritationen sorgt. Auch Micky Beisenherz fragt sich, wieso mündige, aufgeklärte Bürger im Jahr 2019 so eine Selbstverseppelung freiwillig mitmachen.

Andreas Gabalier bei der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens

Andreas Gabalier bei der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens

Nein, Andreas Gabalier ist meines Erachtens kein Fall für den Verfassungsschutz. Er ist allerdings auch kein Kandidat für den Grammy oder einen Preis, der Leute prämiert, die durch besonders hintersinnige oder pfiffige Aussagen aufgefallen sind. Oder überhaupt sinnvoll drei Wörter aneinanderreihen können.

Das war der Narrhalla-Vereinigung (bitte fragen Sie nicht mich) genauso gleich wie dem Geehrten selbst, und so hat der gute Mann in seiner Funktion als "Volksrocker" (seufz) am Wochenende den Karl-Valentin-Orden verliehen bekommen - und dankend angenommen. Die Nominierung allein war ein Aufreger, scheint der megaparkkompatible Eckbank-Elvis doch gänzlich ungeeignet für die Auszeichnung. Immerhin schmückt(e) besagter Feinsinns-Oscar schon so renommierte Humoristen wie Peter Ustinov, Hape Kerkeling oder - ja, natürlich - Philipp Lahm, von dem man spätestens seit der WM 2018 weiß, dass er zu Deutschlands verlässlichsten Pointen-Schleudern gehört.

Nicht nur die entsetzten Erben Valentins fragen sich: Wieso um alles in der Welt Gabalier? Eine Frage, die mir offen gestanden schon häufiger gekommen ist. Zum Beispiel beim Anblick diverser Tourplakate, denen zu entnehmen ist, dass der Mann in Deutschland vor zehntausenden Menschen spielt. Menschen wohlgemerkt, die nicht etwa Helikopter mit Pfeil und Bogen beschießen oder nur mit Keuschheitsgürtel in den Stall dürfen, nein, nein: richtige Städter. Mit Coffee-to-go-Becher, Schokoticket und Instagram-Account. Leute, die völlig unironisch ein Konzert des "Volks Rock'n'rollers" besuchen und die Chuzpe haben, das auch noch in sozialen Netzwerken zu verbreiten.

Nebenbei bemerkt bürgt die Vorsilbe "Volks" von jeher für ein besonders erlesenes Preis-Leistungs-Verhältnis: Volks-Zahnbürste, Volks-Staubsauger, Volkssturm.

Keine Ahnung, welche Assoziation in der Aneinanderreihung dem hier gern Geschmähten besonders unangenehm ist - jedenfalls nicht völlig zu unrecht muss sich Felix Baumgartners musikalischer Zwilling den Vorwurf gefallen lassen, womöglich mehr völkischer als Volksrocker zu sein. Auf dem Cover seiner 2011er CD zumindest verharrt Gabalier in einer derart unnatürlich und letztendlich auch ungesund verkrümmten Pose, dass nicht nur Mediziner sich streiten: "Spastiker oder Swastika?"

Gabalier wirkt, als hätte er es im (Haken-)Kreuz

Leni Riefenstahl zumindest hätte die Inszenierung gefallen, und wenn man bedenkt, dass bei der Auswahl eines CD-Covers dem Künstler circa 500 Motive vorgelegt werden, dann befremdet es schon ein wenig, dass er sich schlussendlich für genau DAS entschieden hat, auf dem er wirkt, als hätte er es im (Haken-)Kreuz.

Man könnte das jetzt Zufall nennen.  Eine unglückliche Wahl. Oder einen gar nicht soooo subtilen Flirt mit denen, die sich von der modernen Welt ein wenig überfordert fühlen (um es mal vorsichtig auszudrücken).

Die zumindest kriegen von Gabalier regelmäßig Texte serviert, als hätte Peter Gauweiler die CSU als Musical inszeniert: Egal, ob "man fühlt sich als Heterosexueller inzwischen diskriminiert", "Homosexuelle sollten sich aus Respekt vor Kindern in der Öffentlichkeit zurückhalten" oder lustige Kopftuchmädchen-Parodien mit Schweinebraten und Schnaps auf die gute, alte nicht "genderverseuchte" (Zitat) Zeit - der Shakin' Stammtisch von der Alm liefert zuverlässig. Ab und zu wird dann halt mal vom "eisernen Kreuz" geträllert oder der heterosexuelle Mann zum indigenen Volk, gejagt vom Homobesatzer verklärt: "Man hat's nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht". Jau, is richtich.

Warum um alles in der Welt dieser Preis?

Wie eingangs erwähnt: Auch, wenn man ihn im Prenzlauer Berg für all das wohl lynchen wollen würde, gehört Gabalier nicht auf die Fahndungsliste. Stichwort "Meinungs- und Geschmacksfreiheit". Und man darf ja schon froh sein, wenn ein Österreicher mal die Chance erhält, sich künstlerisch ausdrücken zu können. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, wieso mündige, aufgeklärte Bürger im Jahr 2019 so eine Selbstverseppelung freiwillig mitmachen. Und warum um alles in der Welt dieser Preis?

Andererseits: Wenn ich das richtig verstehe, dann war es immer auch Karl Valentins Verdienst, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, welchen Grad von Degeneration sie gerade erreicht hat. Das tut der in Deutschland ja wirklich sehr erfolgreiche Schunkelhöcke mit seinen ausverkauften Hallen irgendwie auch.

Und eingedenk ebenfalls ausgezeichneter Reformationsgrößen wie Helmut Kohl, Joseph Ratzinger oder Heino ist der Orden geradezu Pflicht! (Wann ist eigentlich Kramp-Karrenbauer dran?)

Denen, die sich immer schon gefragt haben, was der verehrte Satiriker Valentin mit dem krachledernen Humor einer Narrhalla-Gesellschaft zu schaffen hat, sei gesagt: Der Komiker selbst hat sich auf seine Art gegen den Karneval gewehrt - und ist an einem Rosenmontag gestorben.

Andreas Gabalier - der Trachten-Tupac für Frei.Wild-Fans

Gabalier wiederum ist das Gesicht des allgemeinen kulturellen Rollbacks, in dem wir kurz davor sind, "Pepe, der Paukerschreck" neu zu verfilmen und ungeimpft über Abtreibung zu diskutieren. Der Trachten-Tupac für Frei.Wild-Fans, die Greta Thunberg für die vom Genderwahn und Muselmanenkuscheln gebeutelte Generation "und was ist mit links?". Womöglich auch nur für Leute mit einem echt beschissenen Musikgeschmack und Hang zu Kirmesbrillen. Mitwippster, die mit dem Summen seiner Lieder künftig jedes Recht verwirkt haben, sich auch nur ansatzweise über Florian Silbereisen, die Kastelruther Spatzen oder das Stammpersonal von "Bauer sucht Frau" zu erheben.

Bei all dem Ärger allerdings sollte man nie vergessen, dass Preisverleihungen im Allgemeinen eh ziemlich überflüssige Veranstaltungen sind (der Fernsehpreis zum Beispiel will sich noch nicht einmal mehr selbst im TV übertragen) und die meisten Statuen nur dazu dienen, Onkel und Tanten auf Familienfeiern von der Richtigkeit des eigenen Tuns zu überzeugen. Sie können den Valentin-Preis also wie den Medienpreis des Bundestages oder den Dinkelsbühler Gockel getrost vergessen und sich jetzt darüber ärgern, diesen ebenfalls obsoleten Text so intensiv studiert zu haben. Ihr Hulapaloser.

Andreas Gabalier