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Interview

Rainhard Fendrich über Österreich: "Ich glaube nicht, dass Rassismus in den Genen liegt"

Rainhard Fendrich gilt als einer der erfolgreichsten Popstars Österreichs. Sein neues Album ist auffällig politisch. Im Gespräch mit dem stern erklärt er, warum er sich mit Sebastian Kurz anlegt, der wieder Bundeskanzler werden möchte.

Von David Baum

Rainhard Fendrich über Sebastian Kurz

Rainhard Fendrich über Sebastian Kurz: "Es bleibt eine Schande, eine solche rechtspopulistische Partei in eine Regierung zu holen." 

Lieber Herr Fendrich, man hat das Gefühl, in Österreich stellt der Wahlkampf inzwischen den Normallfall dar, der kurzzeitig von Regierungsphasen unterbrochen wird. Sind die Menschen das nicht langsam müde?

Ich war selbst in meinem ganzen Leben bei keiner Wahlkampfveranstaltung, aber soweit ich weiß, gibt’s da Würstel, Freibier, Luftballons. Ich habe nicht den Eindruck, dass man die Leute dort mit Politik belästigt.

Tatsächlich unterscheidet sich eine Kundgebung von Sebastian Kurz nur unwesentlich von einer volkstümlichen Schlagersendung.

Er hat das nicht erfunden, aber ganz sicher perfektioniert. Mich amüsiert am meisten sein Wahlslogan "Er spricht unsere Sprache". Davon abgesehen, dass der eins zu eins von Jörg Haider kopiert ist, frage ich mich: Was soll das bedeuten? Dass er keine andere Sprache spricht als Deutsch? Das hat auf perfide Weise alle möglichen Interpretationsspielräume. 

Ihr neues Album "Starkregen" erscheint unmittelbar vor der Wahl - und ist außergewöhnlich politisch. Zufall?

Der Termin ist reiner Zufall, der stand bereits fest, bevor die Regierung geplatzt ist. Das wichtigste Lied ist "Über den Tellerrand", weil es sich gegen den größten Feind der Demokratie richtet: die Ignoranz, das Desinteresse. Wenn ich höre, dass die Leute Politiker wählen, weil sie so fesch sind.

Können Sie den Begriff "fesch" erklären und wieso er in Österreich so wichtig ist? Bereits Ihr Kollege Falco hat 1992 damit den Erfolg Jörg Haiders erklärt. 

Er ist das wohl nebulöseste und inhaltsloseste Kompliment, das man einem Mann machen kann. "Fesch" - das bedeutet nicht schön, nicht gut, es sagt nichts über seinen Charakter aus. Ein Mann, der sich selbst mit den Mitteln des Marketings darstellt. Das trifft es vielleicht. Es spricht nicht für das Land, dass man damit Wahlkämpfe gewinnen kann. 

Sie sind fast exakt so alt, wie diese Republik.   

Ich bin zwei Monate älter, als der Staatsvertrag. Bitte fragen Sie mich nicht, wem von uns beiden es besser geht! 

Fest steht, dass Sie selbst über ein Talent verfügen, das sich viele Politiker wünschten. Sie haben offenbar ein besonderes Gespür für die Stimmungen in ihrem Land.

Früher wünschte ich mir oft, ein politischer Liedermacher zu sein. Aber anders, als die Protestsänger in den 70ern Teil einer Bewegung waren und konkrete politische Ziele verfolgten, nehme ich die Dinge genauso wahr wie der Rest des Landes. Man spricht von einer schweigenden Mehrheit, von der ich mich frage, wann sie endlich den Mund aufmacht. Ich spreche nicht für diese schweigende Mehrheit, aber vielleicht singe ich für sie.

Warum sind Sie auf dem neuen Album nun doch so politisch geworden.  

Meine Auffassung von Kunst ist, dass sie alles sein darf, außer belanglos. Und man muss einfach, wenn man sich diese Welt anschaut, zu dem Schluss kommen, dass sich die Menschheit in einer Geiselhaft von einigen wenigen profitgierigen und machtgierigen Menschen befindet. Es scheint, dass die Weltgemeinschaft einfach nicht funktioniert. Ich habe den großen Luxus, die Musik machen zu dürfen, nach der mir ist. Es spiegelt meine Gedanken, meine Stimmungslage wieder. 

Wann sind Sie selbst politisiert worden?

In meiner Pubertät. Ich hatte einen Vater, der bei der Waffen-SS war. Das war ein Bruch von Anfang an, wir waren so grundlegend unterschiedlicher Auffassungen. Und haben uns eigentlich nie versöhnt. Dazu kam, dass in der Schule der Holocaust nicht thematisiert wurde. Kein Wunder, dass es bis heute Holocaustleugner gibt. Es blieb meiner Generation nichts anderes übrig, als sich selbst zu politisieren. 

Offenbar ist das nicht allen gelungen, selbst nach den Skandalen um die FPÖ hat das Land eine rechte Mehrheit. 

Ich glaube nicht, dass Rassismus in den Genen liegt, oder dass die Österreicher antisemitischer oder fremdenfeindlicher wären als anderen Europäer. 

Das Copyright für den modernen Rechtspopulismus liegt klar bei den Österreichern und Jörg Haider.

Gute Frage, wieso das hier entstanden ist. Ich kann sie leider nicht beantworten. Ich glaube aber nicht daran, dass das Land und seine Bevölkerung grundlegend anders sind. Hier sitzen Leute in Regierungen, die dieses fürchterliche alte Gedankengut weitertragen – und man tut das so ab, als wäre nichts geschehen.

Manche Ihrer Lieder gelten heute als Allgemeingut, als moderne Volkslieder. Leiden Sie darunter? 

Natürlich nicht. Es gibt keinen Künstler, der unter einem Hit leidet. Lassen Sie sich das von keinem erzählen. Das ist reine Koketterie. Es gibt in Wahrheit nichts Schöneres, als dass Menschen ein Lied so verinnerlichen und es von allen möglichen gesungen wird.

Sie haben mit "I am from Austria" regelrecht ein neues Genre erfunden, die selbstkritische Hymne. Wie wichtig ist Ihnen der eigene Heimatbegriff?

Ich bin hier nun mal aufgewachsen, im kleinen Theater im Keller des Cafés Landtmann, in dem wir gerade sitzen, Theater gespielt. In den Kneipen Wiens meine ersten musikalischen Gehversuche unternommen. Ein Heimatbegriff ist für mich etwas Positives, und deshalb werde ich so sauer, wenn der mit obsoleten Wertbegriffen verknüpft wird. Ich sehe mich als Kosmopolit, aber das ist kein Widerspruch dazu, sich zu einer Heimat zu bekennen. Ich bin auch deshalb aus Spanien wieder ganz nach Wien zurückgezogen. 

Dabei ist es eher Zufall, dass Sie Wiener geworden sind. 

Beinahe wäre ich Kölner geworden. Mein Vater war ein aus dem Sudetenland vertriebener Maschinenbauingenieur und wollte eigentlich ins Rheinland. Aber dann bekam er ein Angebot in Wien, meine Mutter war hochschwanger - ich bin wirklich ein Zufalls-Wiener.

Stimmt es, dass Sie auch serbische Vorfahren haben?

Das stimmt, aber ich habe mich nie sonderlich damit beschäftigt. Vielleicht passe ich deshalb so gut nach Wien, die Österreicher sind ein Völkergemisch, weshalb jede Fremdenfeindlichkeit hier per se absurd ist. Die Kinder schreiben arabische Zahlen, eine lateinische Schrift und haben mindestens einen Tschechen im Stammbaum. Sich abzuschotten ist der größte Fehler, den man machen kann. Schauen Sie ins Wiener Telefonbuch, die vielen unterschiedlichen Namen erzählen dort die ganze Geschichte.

Es gibt sogar ein Lied darüber, Georg Kreislers Telefonbuchpolka. Der Refrain lautet "Vondrak, Vortel, Viplaschil, Voytech, Vozzek, Vimladil …"

Eben. Es spricht nicht gerade für ein historisches Bewusstsein, die Flucht- und Migrationsgeschichten der eigenen Vorfahren zu ignorieren. Gleiches gilt für die Leistung vieler Einwanderer, gerade in der Pflegeberufen. Die meisten würden dumm schauen, wenn die morgen einfach mal weggingen.

Viele Ihrer Künstlerkollegen haben ein grundsätzliches Problem mit jeglichem Heimatbegriff. Können Sie das verstehen?

In Österreich wurde nie Vergangenheitsbewältigung betrieben - wie etwa in Deutschland. Dass Heimatduselei in mancher Hinsicht belastet ist, hat man hier schneller verdrängt. Dadurch wurde vielen der sozusagen unschuldige Blick auf das Eigene schlichtweg verdorben. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Ich habe selbst nach wie vor ein Problem damit, einen Trachtenanzug anzuziehen. Ich bin als Kind in der Lederhosen rumgelaufen, aber heute geht das nicht. Es steht mir auch schlichtweg nicht.

"I am from Austria“ wird von vielen Menschen in Trachtenanzügen gesungen. Und zweckentfremdet.

Ich habe den Song in den Achtzigern geschrieben, als Österreich aufgrund der NS-Vergangenheit des Bundespräsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim stark unter internationaler  Beobachtung stand. Ich wohnte damals in den USA und bemerkte, dass meine ganzen österreichischen Freunde dort plötzlich behaupteten, sie wären Schweizer. Ich wollte damit ein Bekenntnis ablegen und zeigen, dass nicht alle Österreicher so sind. Deshalb auch der Text: I kenn die Leut, ich kenn die Ratten, die Dummheit, die zum Himmel schreit. Es dauerte Jahre, bis sich das zu dieser Hymne entwickelte.

Schon Interessant, wie man solche Zeilen als Identitärer mögen kann.

Ich denke mir immer, so lange sie meinen Text singen und eine Chance darauf besteht, dass ihn einer versteht, sollen sie es singen. Wobei, wenn es Identitäre singen, dann hab ich schon ein Problem damit. 

Das Tragen von Tracht erlebt seit Jahren einen Boom - auch bei Rocksängern. Ab wann hört es für Sie auf, unschuldig zu sein.

Schwer zu beantworten. In meiner Kindheit waren Dirndl oder Lederhosen reine Arbeitskleidung. Heute ist es eine Geschäftsidee, ein Marketinggag. Und natürlich eignet es sich auch, um es politisch zu missbrauchen. Da Sie sicher auf Andreas Gabalier anspielen - ich finde manchen Vorwurf gegen ihn übertrieben. Der ist ein fleißiger Bursch und es funktioniert als gigantische Unterhaltungssparte. Da gibt es dieses Coverbild, wo er sich so seltsam verrenkt und viele ein angedeutetes Hakenkreuz zu erkennen glauben. Ich kann das nicht sehen. Natürlich sagt er aber manche Dinge, mit denen ich überhaupt nicht konform gehe.

Ist Andreas Gabalier auch "fesch"?

Fescher als er geht kaum.

Kann man Sebastian Kurz und Andreas Gabalier als Symptome des gleichen Phänomens sehen? 

Beide erspüren eine gewisse Grundstimmung in der Bevölkerung und es gelingt ihnen, diese in einen Erfolg umzuwandeln. Und sie sind beide Meister des Marketings. Aber Kurz ist vorzuwerfen, wie sehr er mit der Wirtschaft verbandelt ist. Wenn ein Industrieller eine Spende tätigt, dann erwartet er sich davon etwas. Er macht sich völlig abhängig. 

Welche Talente hat Sebastian Kurz?

Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, es muss irgendeinen Grund geben, wieso der mit Mitte dreißig soweit gekommen ist. Er hat ganz sicher Charisma, ist ehrgeizig, kann frei sprechen, was ganz wenige können. Dann bin ich aber schon fertig.  

War er aus Ihrer Sicht erfolgreich, die FPÖ einzubinden und damit zu marginalisieren?

Was für eine Frage, das war er ganz offensichtlich nicht. Und es bleibt eine Schande, eine solche rechtspopulistische Partei in eine Regierung zu holen. Ich habe ihm das auch persönlich gesagt, als er damals mit den Freiheitlichen gerade in Koalitionsverhandlungen stand. 

Wie ist es dazu gekommen?

Ich bin bei einer Geburtstagfeier aufgetreten und plötzlich sehe ich von der Bühne aus, dass da alle möglichen Politiker zu Gast waren - auch Sebastian Kurz und Vertreter der FPÖ. Dass da Leute, die sich am Vorabend im Fernsehen noch gestritten hatten, mit Sektgläsern rumstehen und sich gegenseitig abzubusseln, war mir einfach zu viel. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich habe ins Mikrophon gesagt, dass er sich schämen soll. Eine Tage später rief er mich an.

Wie verlief das Gespräch?

Er erzählte mir das übliche - wieso es mit den Sozialdemokraten nicht gehen würde und so weiter. Ich unterstelle ihm gar nicht, dass er Böses will. Ich glaube, dass ihm die politische Erfahrung fehlt. Ich bin gespannt, ob Sebastian Kurz in 30 Jahren seine Entscheidungen vielleicht anders sehen wird, als er es heute tut.

Interessanterweise spielt das Migrationsthema im Wahlkampf eine größere Rolle, als das aktuelle Menschheitsthema Kilmawandel. Wie beurteilen Sie das als Vater eines siebenjährigen Sohnes?

Ich sehe das auch kritisch, weil ich selbst vorhabe, noch lange zu leben. Die gigantischen Probleme, die auf uns zukommen, werden schneller da sein, als wir ahnen. Wir sind längst darüber hinaus, uns um das Überleben der Bienen zu sorgen. Es geht längst darum, ob wir selbst es schaffen. Der Mensch nimmt sich seine eigene Lebensgrundlage. Das ist schon sagenhaft dumm.

Wenn Sie heute noch einmal Sebastian Kurz an die Strippe bekämen, was würden Sie ihm sagen?

Ich glaube nicht, dass er mich noch einmal anruft.


+++ Lesen Sie mehr über Österreich und den Wahlkampf von Sebastian Kurz im neuen stern +++

tis