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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Ansch(r)ein Reggae auf Ibiza

Micky Beisenherz
Seinen Erholungsurlaub auf Ibiza hatte Micky Beisenherz sich anders vorgestellt
© Beisenherz
Micky Beisenherz wollte sich auf Ibiza einfach nur erholen. Doch das ging gehörig nach hinten los, er vergaß sogar sein eigens geführtes jahrzehntelanges Plädoyer für die Party-Insel.

"Eigentlich". Der Türsteher zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Eigentlich wollte ich in diesem Jahr einen Sommerurlaub verbringen wie Alain Delon im "Swimmingpool", ich wollte "La Grande Bellezza", ich sah mich in kurzen Hosen in mediterranen Gefilden wie Armie Hammer in "Call me by your name" (bevor er anfing, sich öffentlich dafür zu interessieren, den dicken Zeh seiner Freundin zu verspeisen.).

Ich bekam, nun ja, etwas anderes.

Diese Verzweiflung in meinem Blick, so etwas hat man zuletzt vermutlich nur bei Renate Wallert gesehen. Die allerdings, das muss man fairerweise sagen, hatte die Geiselhaft auf Jolo nicht aktiv gebucht – dafür lief bei ihr damals nicht pausenlos beschissene Musik. Es muss ein herrliches Bild gewesen sein, das sich der spanischen Rezeptionistin bot, wie das leicht verwitterte Ulrich Matthes-Double mit bandagiertem Hinkebein in seinem floral gemusterten Hemd darum bettelt, einfach nur gehen zu dürfen. Aber der Reihe nach.

In diesem nun wirklich allerletztem Sommer, den man unbeschimpft außerhalb der eigenen regionalen Grenzen urlauben kann, schickte ich mich also an, mir ein schönes Reiseziel zu suchen. Nach Monaten dauerhafter Betriebsamkeit sehnte ich mich danach, in flirrender Hitze nur kurz die Liege meines patinierten Grandhotels zu verlassen, um mit einem beherzten Sprung ins Meer die letzten drei Negroni aus dem Kopf zu baden. Mit nackten Füßen über die kühlenden Marmorfliesen Richtung Fensterläden schreiten, um den Duft von verbanntem Gras im Garten zu riechen. Wundervoll, nicht wahr? Anreise wie in den letzten Jahren bevorzugt mit meinem 35 Jahre alten 500er Mercedes. So wie letztes Jahr, als ich Freunde in Südfrankreich besucht hatte.

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Mit meiner beim Fußball jüngst zerrissenen Wadenmuskulatur platzten allerdings auch diese Pläne und so entschied ich mich, so wenig herausfordernd wie eben möglich zu urlauben. Klar, das hätte auch Scharbeutz sein können, lediglich 70 km von meinem Wohnort Hamburg entfernt. Viele Deutsche machen dort Urlaub. Viele Deutsche allerdings besuchen auch die Konzerte von Andreas Gabalier oder tragen T-Shirts mit Strasssteintotenköpfen. Seitdem der Klimawandel sogar die Ostseeregionen dauerhaft mit dem Temperaturen über 16 Grad verwöhnt, ist es an holsteinischen Stränden so voll wie in Shenzhen, und drumherum ist dann halt eben auch noch sehr viel, naja: Scharbeutz. Die Auswahl am Hamburger Winzflughafen ist kleiner als die Karte in Berliner Szenerestaurants und alles andere als ein Direktflug mit Handgepäck wäre in diesem Sommer des totalen Logistikinfaktes wie Ritzen in Flip Flops. Wo also hin?

Mallorca erschien mir bei meinen mediterranen Terrazoträumereien zu profan und bei Sizilien wiederum beschlich mich die leise Sorge, ich könnte womöglich direkt in der kochenden Landebahn versinken. Ganz bräsig in einem Brei aus Fantasielosigkeit und Phlegma verharrend, erlag ich dem Ruf derselben Freunde, die mich vor zwei Jahren wie Sirenen in das österreichische Promi-Reservat Stanglwirt lotsten: "Komm doch nach Ibiza!".

Ibiza. Warum eigentlich nicht

Diese lässige Insel gilt doch gemeinhin als kleine, coole Schwester des von marodierenden Kegelbrüdern bedrohten Leberschadeneilandes Mallorca, oder? Oder nicht? Sieht man doch ständig bei Instagram oder der "Gala" (so etwas wie das ausgedruckte Instagram) Fotos und Videos junger, schöner Menschen beim Verzehr regionaler Genüsse und dem Ausführen von Bademoden in traumhaft schönen Buchten. Denen fehlt doch noch so ein humpelnder Mittvierziger mit blau angelaufenem linkem Unterschenkel, den er zum Abschwellen in den gemeinschaftlichen Pool taucht. So wurde es Ibiza, dieses sympathische kleine Hippie-Eiland, dessen Topographie und Kultur mir in erster Linie über das Studium des 1983er Filmmeisterwerks "Sunshine Reggae auf Ibiza" bekannt war.

Als leidenschaftlicher Ignorant verpasste ich es, wie jeder anständige Mensch über mein Reisebüro zu buchen (ich hole dort vornehmlich Pakete ab), sondern entschied, auf eigene Faust die Unterkunft über eine App zu scouten. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellen sollte. Sicherlich, Booking.com oder HRS zeigen dir Fotos vom Pool, der Bar, dem Fitnessraum etc. Sie geben dir aber selten einen tieferen Einblick in die tieferen Wirkungsschichten des gebuchten Hotels, die Binnendynamik des Publikums oder den genauen Charakter der Region, in die man nun seine Stecknadel gesetzt hat. Bereits in der Lobby erstes Unbehangen. Grober Eindruck beim Umschauen: Das russische Volk ist hier zumindest von Sanktionen noch unerschüttert. Das sich noch verstärken sollte in dem Moment, als ich im achten Stock die Balkontür öffnete, um von oben herab auf die tolle Bucht und die zwei einladenden Pools zu schauen. Ein klarer Blick wurde indes zum Zerrbild durch die Vibrationen der wummernden Beats. In der irrigen Annahme, das apokalyptische Pochen stammte von einer Art übergriffiger Nachbardisko, taumelte ich mit meinem eingemullten Unterschenkel runter in die Pool-Area. Wie ein eingeschüchtertes Tier, das versucht, im Schatten der Bäume einen Ort zu erwischen, der ein wenig abgewandt von dieser gleichsam abstoßenden wie brüllend lauten Red-Bull-Polka liegt. Doch, ach, die Palmen, sie waren Kooperateure dieser akustischen Heimtücke, waren an ihren Stämmen doch Lautsprecherboxen angebracht, um hier in jedem Winkel alle ausreichend durchzudavidguetten. Es gab schlicht kein Entkommen.    

Wie ich mich gefühlt habe? Kennen Sie noch die Ziege bei "Jurassic Park"? Wobei die es zumindest schnell hinter sich hatte. Ich bin in eine Art Diskothek mit Schlafgelegenheiten geraten. Der ganze Laden war eine zehn Stockwerke hohe Kirmes mit Pools als Autoscooterersatz für die Triebabfuhr. Der weiße Moët-Kelch als Hotelanlage. Und ich mit meinen drei Büchern und der bandagierten Wade inmitten einer Szenerie, als hätte Philipp Plein ein Gemälde von Hieronimus Bosch nachgemalt. Das ist Amare Beach Ibiza. In San Antoni. Der Teil von Ibiza, in dem, um es mal wohlwollend zu formulieren, britische Lustbegabung sich von Zwängen wie Etikette oder Kleiderordnung nicht einengen lässt. Ein Reisebüro zum Beispiel hätte mich gewiss darüber aufgeklärt, dass "Adults only" nicht etwa bedeutet, dass man als friedliebender Erwachsener zum Stressabbau wegen des Fehlens von schreienden Kimdern am Pool ganz in Ruhe seine Literatur genießen kann.

Hier hingegen ist es ein Code für:

  1. Der Boxendruck der Musik kann bei gerade bei kleinen Kindern die noch weiche Fontanelle irreparabel eindrücken.
  2. Die Kleinen dauerhaft ertauben lassen.
  3. Die sich rund um und in den Pools abspielenden Szenen sind speziell für Minderjährige hochgradig traumatisierend.
  4. Wer nach Stunden des Tanzens und Alkoholisierens plötzlich daran denkt, dass er ja noch einen Säugling auf dem Zimmer liegen hat, ist hier fiestamäßig nicht fokussiert genug bei der Sache.

Ich wollte doch nur sitzen und lesen.

Keine dreißig Minuten später befand ich mich wieder in der Lobby, um vor der Rezeptionistin ein Plädoyer zu halten wie in einem John Grisham-Roman, warum DIESER MANN (ich) HIER (Hotel) unmöglich länger als eine Nacht wird bleiben können. Ob es die grauen Haare, das verhärmte Gesicht oder das verkrüppelte Bein war, ich weiß es nicht. Die junge Frau nickte verständig mitleidend. Vermutlich war man sogar ganz froh, dass mich dieser Disko-Darwinismus mich mit meinen Insignien der Invalidität schnell ausspeihen konnte. Man will einen bandagierten Teutonen ungern sehen, während man im Pool unterhalb der Gürtellinie hektisch in fremden Schleimhäuten herumfuhrwerkt. Gewiss, ich wollte "la Grande Belezza", ich wollte "Montauk" – aber doch nicht ausschließlich die Momente, in denen der Protagonist sich so schonungslos mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert sieht. Als Paria. Als Misfit.

Wo war der Zauber, das Grandiose, die Schönheit?

Spoiler: Nicht in der Bucht nahe meinem Hotel.

Während des vier Kilometer langen Spaziergangs vom Hotel (mein erster und letzte Abend in diesem Ort) begegnete mir ein bunter Reigen aus wandelnder Alkoholvergiftung und dem Betteln um ungewollte Schwangerschaft. Die toten Augen von San Antoni. Mit dem Umzug nach Ibiza-Stadt sollte sich ein wenig mehr Ruhe einstellen. Der Meereszugang war hinfällig und der Pool war lediglich ein kleiner auf der Dachterrasse, wo ich fortan meine Tage verbringen sollte. Über die Beschallung erklangen sanfte Lounge-Töne. In Ermangelung eines Mietwagens blieb ich die meiste Zeit in Eivissa. Zeit, die Biodiversität der Leute hier zu studieren, die entweder aussehen wie Robert Geiss spielsüchtiger Bruder, die Kaulitz-Brüder nach zwei Wochen philippinischem Knast oder der sehr späten Jana Pallaske mit Traumfängerzerrung. Und irgendwo dazwischen ich, Jochen Schropps verwittertes Stunt-Double mit dem Thromboseschenkel.

Ab und zu nehme ich ein Taxi, um mich in eine Bucht fahren zu lassen. Die allerdings sind so rar, dass man annehmen muss, der Fahrer sei gerade erst in Barcelona losgefahren. Manch eine Bucht ist ganz schön, in anderen wiederum liegt so viel weiße Leinenhose in der Luft, so dass man jeden Moment mit der nächsten größeren Partyeskalation rechnen muss. Was muss ich Idiot auch ausgerechnet dorthin reisen, wo bekanntermaßen alle größeren DJs ihre Sommer verbringen, um die Menschen "nach Corona" zurück ins Leben zu utzutzutzen? Ich habe zwanzig Jahre lang Witze über die Bumsmusikmetropole Ibiza gemacht, nur um sie im entscheidenden Moment komplett zu vergessen.

Umpfen statt Impfen ist jetzt angesagt

Ich bin jetzt einer dieser Idioten, die in erste Geschoss mitten auf der Reeperbahn ziehen und sich über den Krach mokieren. Völlig unterwältigt von den nun doch gar nicht so zahlreichen Möglichkeiten, zu denen ich ohne Mietwagen oder ein dann doch nicht kommendes Taxi nicht einmal gelange, trotte ich abends zum immergleichen Restaurant. Dieses hat in schicker Hafenlage einen derartigen Standortvorteil, dass sich in der Küche für die Touristen nun wirklich niemand verausgaben muss. Mit Verbeamtungsroutiniertheit bestelle ich immer wieder das Tuna Tataki, welches als Tataki bestenfalls eine drei minus wäre, dafür aber eine sensationelle Frikadelle abgibt. Ich träumte von Triest, Antibes, Porto. Grand Hotels, Sonnenterassen, weiß-gelben runden Sonnenschirmen. Und jetzt saß ich hier bei meiner Fake-Bulette und dachte darüber nach, was da eigentlich schief gelaufen war. Wie konnte ich nach Ibiza gelangen? Dieses schwimmende Käferzelt.

Vielleicht war das alles auch nur der traurige Höhe(nsonnen)punkt der schleichenden Promifizierung, die bislang nicht diagnostiziert wurde. Bin ich womöglich schon eine Art Celebrity, angelockt von anderen Öffentlichkeitsarbeitern? Sie sind ja alle hier! Die Models, die Moderatoren, die Schauspielerinnen. Da, wo man aus der Bel Etage des Affenfelsens winkt, da zieht man andere Affen magisch an. Der knallrote Hintern als Leuchtturm. Pamela Reif und Thomas Anders haben hier jetzt endlich ihre Traumhäuser gefunden, Lilly Becker prostet Boris aus der Ferne vom Boot aus zu. Ist Ibiza nicht schon längst eine Art Stanglwirt am Mittelmeer? Haben wir womöglich ein bisschen zu oft über die Layla-Résistance und brennende Puffs am Ballermann geredet und darüber vergessen, dass Mallorca natürlich die viel bessere Insel ist? Größer, vielfältiger, relaxter. Man darf sich halt nur nicht am Gate umschauen, wenn man hinwill.

Und Ibiza? Eine Pointe, über die man gerne lacht, obwohl man den Witz gar nicht verstanden hat. Aber es gibt auch Schönes: Zum Beispiel die Fähre rüber nach Formentera. Vermutlich bin ich aber auch nur sauer, weil Ibiza mir so deutlich wie nie gezeigt hat: Ich bin alt.

P.S. : Ich könnte eigentlich mal wieder in den Stanglwirt.


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