Berlinale-Tagebuch Bühne frei für die großen Ladys


Catherine Deneuve, Judi Dench, Sharon Stone, Cate Blanchett, Lauren Bacall, - die Berlinale 2007 ist die Bühne der großen Ladys. Jetzt hat Marianne Faithfull ihren neuen Film vorgestellt.
Von Bernd Teichmann

Kurz vor 21 Uhr 30 im Hotel angekommen, Koffer schnell ausgeräumt, Sachen in den Schrank gepfeffert, eben noch hurtig mit Kollege Schmidt ein Forest Whitaker-Interview vorbereitet und zack... ins Bett? Hallo? wir befinden uns hier bei einem Filmfestival, einem sehr großem Filmfestival. Also nochmal: ...ein Forest Whitaker-Interview vorbereitet und zack... rein ins Taxi zum ersten Empfang. Von: Das kleine Fernsehspiel. Das ist diese nette kleine Probierstube für junge Filmtalente beim Senioren-Kanal ZDF. Austragungsort: Einer von diesen hippen Schuppen in einer angenagten Ex-Fabrik irgendwo in Berlin Mitte. Viel Platz, viele Kissen, Kräuterkäsebretzeln, lecker Rotwein und zum Gucken unter anderem der unverwüstliche Richy Müller, der in dieser Nacht mit seinem voluminösen Zopf aussah wie der Schwippschwager von Abahatschi.

Schon mal ein gelungener Auftakt, der erst so gegen drei Uhr - dann wirklich - im Bett endete. Ließ sich kaum vermeiden, weil die meisten Partys und Empfänge auf Festivals stets erst nach 22 Uhr starten.

Vier Stunden drauf piepste bereits wieder der Wecker und von dieser Sekunde an hieß es: Ich bin Festival. Mit müden Gliedern ins Bad, Blick in den Spiegel - aschfahle Visage, piemontkirschenrote Schlitzaugen: Ja, ich bin drin.

Ein Mann denkt nach

Erstes Stoßgebet auf dem Weg Richtung Berlinale-Palast zur Neun-Uhr-Pressevorführung des argentinischen Wettbewerbers "El otro" (Der Andere): Lass es ein aufregendes, packendes, kurzweiliges Kinoerlebnis werden! 83 Minuten später die Erkenntnis: der Filmgott ist kein Argentinier. Zu beobachten war ein Anwalt namens Juan, dessen Frau schwanger ist und der seinen alten, bettlägerigen Vater pflegt. Neues Leben und baldiges Ableben so nah beieinander - ein bisschen viel für einen Mann in der midlife crisis. Ein beruflicher Termin außerhalb von Buenos Aires hält Ablenkung bereit: Er quartiert sich in einer Kleinstadt unter falschem Namen in einem Hotel ein und spielt mit dem Gedanken, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Macht er natürlich dann doch nicht, aber bis dahin lässt er ungefähr 3493 nachdenkliche Blicke durch Restaurants, Wälder und Straßen schweifen, dass auch dem Letzten klar wird: Der Mann denkt nach.

Nach dem Verzehr einer dazu passenden Mahlzeit (Schinken-Käse-Papp-Brötchen für drei Euro) wartet bereits der nächste Bären-Kandidat, und man wünscht ihm, dass er auf jeden Fall einen Preis bekommt. Oder besser: sie, die großartige Marianne Faithfull, die in Sam Garbarskis "Irina Palm" die Titelrolle spielt. Catherine Deneuve, Judi Dench, Sharon Stone, Cate Blanchett, Lauren Bacall, Mrs. Faithfull - die Berlinale 2007 ist die Bühne der großen Ladys. Die gelernte Sängerin brilliert als verhuschte, graue Vorstadt-Witwe Maggie, deren einziger Lebensinhalt in der Tristesse ihr Enkel Olly ist, der allerdings schwerkrank das Krankenhausbett hütet.

Runterholen für einen guten Zweck

Nachdem sie bereits erfolglos ihr Haus für die Gesundung des Kleinen zu Barem gemacht hatte, ist die letzte Hoffnung eine neue Behandlungsmethode aus Australien. Knackpunkt: Die Therapie ist kostenlos, muss aber vor Ort geschehen - und Flug und Unterkunft sind teuer. Verzweifelt und wie ferngesteuert, gerät Maggie in einen Londoner Sexschuppen, wo sie von dessen gutherzigem Betreiber Miklos nach einigem Zögern einen Job annimmt: Männern durch ein Loch in der Wand einen runterholen. Den anfänglichen Ekel überwindend, avanciert die Neue zum Star gepflegter Handarbeit. Zum anonymen Star: Die Kerle auf der anderen Seite ahnen nicht, dass sie von einer Mittfünfzigerin im Hausfrauenkittel beglückt werden, die zu ihrem Arbeitsplatz eine Thermoskanne und das Mittagessen in der Tupperdose mitbringt.

Auch wenn Regisseur Garbarski in Deutschland geboren wurde und in Belgien lebt: Ihm ist einer jener herzerweichenden, witzigen, traurigen und zutiefst menschlichen Filme geglückt, wie sie eigentlich nur die Engländer hinbekommen. "Grasgeflüster" mit Gleitgel und Penisarm (ja, auch bei dieser Tätigkeit lauern Überlastungssymptome) sozusagen. Eher in die Kategorie Trockenfutter war dann abschließend noch "The Walker" zu verorten, das jüngste Werk von Jury-Chef Paul Schrader, das wohl kaum Chancen auf einen Platz im Programm gehabt hätte, wenn Paul Schrader nicht Jury-Chef gewesen wäre. Seine Geschichte über einen Mann, der sein Geld als Begleiter vermögender Damen der Washingtoner Upper Class verdient und in ein vertracktes, bis in höchste Politkreise gehendes Mord- und Intrigenspiel stolpert, schleppt sich mühsam dahin. Immerhin: Abgesehen von der Titelrolle (Woody Harrelson zitiert "Die Hochzeit des Figaro", hmm...) ist das Ganze mit Lauren Bacall, Lily Tomlin, Kristin Scott Thomas und Moritz Bleibtreu gut besetzt, was aber nur punktuell die Einnick-Gefahr minderte.

Somit geht also der Anpfiff zur zweiten Berlinale-Halbzeit etwas zäh zu Ende. Bleibt eine Frage zu klären: 22 Uhr - duschen und ins Bett oder doch noch ins Taxi und zum Empfang des Senator Verleihs? Sie wissen die Antwort...


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