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Berlinale-Tagebuch: Cate Blanchett verzaubert die Berlinale

Sie kam, lächelte - und alle lagen ihr zu Füßen. Cate Blanchett setzte die Glanzpunkte am siebten Tag. Die Filme konnten hingegen nicht restlos begeistern.

"Ich glaube, es wird im positiven Sinne anstrengend", vedichtete Franka Potente unlängst in einem Interview ihre Erwartungen als Jurorin. Ihr Chef Roland Emmerich beschrieb sein Schicksal an anderer Stelle so: "Jeden Tag drei Filme anzuschauen, ist schon ziemlich anstrengend. Wenn darunter dann ein Film ist, der vielleicht nicht so gut ist, kämpft man schon mal mit dem Schlaf. Als Jury darf man einen Film nicht verlassen."

Gut möglich, dass sie sich heute ein ums andere Mal verkrümelt hätten, wenn sie denn gedurft hätten. Vorausgesetzt, sie wären nicht vorher eingenickt. Der heutige Wettbewerbstag war irgendwie repräsentativ für das diesjährige Rennen um die Bären. Keine richtigen Knaller bisher, keine richtigen Stinker, keine Ausschläge nach oben, keine Ausschläge nach unten: Die Berlinale ist ein langer ruhiger Fluss. Paradebeispiel dafür war der französische Beitrag "Les mots bleus" des französischen Altmeisters Alain Corneau ("Wahl der Waffen"). Die Geschichte um eine traumatisierte, alleinerziehende Mutter, die nicht schreiben kann (toll gespielt von Sylvie "Jenseits der Stille" Testud), deren Tochter sich partout weigert zu sprechen, und die beide durch den hypereinfühlsamen Lehrer einer Taubstummenschule Erlösung finden, plätschert fast zwei Stunden gemütlich vor sich hin. Eigentlich eher etwas für die TV-Premiere, 22.15 Uhr im ZDF denn für den Wettbewerb eines A-Festivals.

Die Story ging in den Tiefen des Ozeans verloren

Besonders nervig ist dabei, dass auch ein Routinier wie Corneau auf das cinematografisch weitgehend überflüssige Stilmittel des Off-Kommentars zurückgreift. Warum muss die Heldin uns nochmal mit dem vollquatschen, was wir ohnehin gerade auf der Leinwand sehen? Ist das hier das Festival des Sehbuches, oder was? Apropos Seh: - Achtung, jetzt kommt der Gerhard-Delling-Gedächtnis-Übergang - Der zweite Bären-Film des Tages entführte die Jury und das Rest-Publikum auf hohe See. "Die Tiefseetaucher" heißt das neue Werk von Wes Anderson, nach 2002 (mit "The Royal Tennenbaums") zum zweiten Mal im Wettbewerb vertreten. Bill Murray spielt darin einen Jacques-Cousteau-artigen Meeresforscher und Filmemacher, der mit seiner verschrobenen Crew ein letztes Mal die Leinen seines Dampfers "Belafonte" los macht, um einen Jaguar-Hai zu jagen, der bei der letzten Expedition seinen alten Kumpel verspeist hat.

Was nun folgt ist - wie auch schon in "Tennenbaums" - eine phantasievolle, detailverliebte, trockenhumorige Sketch- und Nummernrevue im Retro-Look, ein Originalitäts-Overkill, bei dem die Story irgendwo in den Tiefen des Ozeans verschollen geht. Die meisten Figuren bleiben farblos im Dekor stecken, wobei Murray und seine Filmgattin, die wunderbare Anjelica Huston, die festgefrorene Mimik zur Kunstform erheben. Das kann funktionieren (siehe "Lost in Translation"). Hier nicht. Ein Film wie ein Fotoalbum mit mal mehr, mal weniger witzigen Schnappschüssen von Menschen, die man nicht kennt. Immerhin bot die Pressekonferenz im Anschluss ein wenig mehr menschliche Nähe. Von der klasse Besetzung - neben Bill Murray und Anjelica Huston noch Owen Wilson, Willem Dafoe, Cate Blanchett und ein junger Mann namens Seu Jorge, der im Film mit hübschen Bossa-Nova-Interpretationen von David Bowie-Songs glänzt - hatte außer der warmherzigen Huston auch die umwerfende Cate Blanchett den Weg nach Berlin gefunden.

Physik-Referendar und Tattoos

Ja, sie war tatsächlich doch noch gekommen. Und da saß sie nun. Im silbergrauen Anzug. Blonde Haare. Dunkel geschminkte Augen. Was für ein Gesicht. Etwas reserviert wirkte sie. Schüchtern. Egal. Süß. Sie war da. Ganz nah. Stundenlang hätte ich sie ansehen... Ähm, sorry. Zwischen den Damen auf dem Podium: Wes Anderson, der wohl auch noch in zehn Jahren den Charme eines leicht linkischen, aber netten Physik-Referendars verströmen wird. Alle drei hatten sie eins gemeinsam: Auch nach mehrmaliger Nachfrage konnten sie nicht so richtig einkreisen, worum es in ihrem Film eigentlich geht. Immerhin: Wir erfuhren auf Nachfrage einer Kollegin des US-Magazins "People", dass Wilson ein Kleeblatt-Tattoo hat und Cate ein D und ein A, die Initialen ihres Mannes bzw. Kindes, auf ihrer Haut trägt. Auch schön.

Zurück zur Arbeit: Für den dritten und letzten Wettbewerbsbeitrag des Tages mussten sich Franka, Roland & Co. schließlich vom Berlinale Palast ins CinemaxX Nummer 7 begeben, wo sie dann, bereits leicht ermattet, in den Genuss von Tsai Ming-Liangs "The Wayward Cloud" kamen. Wie's ihnen dabei ergangen ist, war nicht zu erkennen, aber ein großer Teil des Publikums hatte spürbar Probleme, zu dem Drama des in Malaysia geborenen Taiwanesen vorzudringen. Mal verstörend, mal enervierend lang in seinen Einstellungen, mal richtig komisch, aber immer rätselhaft ist die in einem anonymen, kasernenartigen Wohnblock angesiedelte Geschichte eines scheinbaren Liebespaares - so ganz genau weiß man das nicht -, von dem das Mädchen einsam vor sich hinlebt und der Junge nur ein paar Etagen höher als Porno-Darsteller arbeitet.

Schwül-verschwitzte Tristesse

Sollte bislang noch jemand behauptet haben, der angekündigte Festival-Schwerpunkt Sex wäre bisher unterrepräsentiert gewesen, bitte: Tsai hält munter drauf, um dann die schwül-verschwitzte Tristesse auch noch mit quietschbunten Musical-Sequenzen zu durchbrechen. Alles in allem eine merkwürdige Angelegenheit, die garantiert auch in der Jury für heiße Kontroversen sorgen wird.

Nach etwas mehr als der Hälfte der gezeigten Filme ist es leichter die Ergebnisse des kommenden Bundesliga-Spieltages zu tippen, als einen potenziellen Bären-Gewinner. Das zeigt auch ein Blick auf die Kritiker-Charts. Während im Tagesspiegel die Haute Volée der deutschen Filmjournalisten Christian Petzolds "Gespenster" klar favorisiert, liegt dieser bei den internationalen Kollegen im Festival-Bulletin Screen at the Berlinale ganz hinten. Die Top 3 hier: "Sophie Scholl - Die letzten Tage", "The Hidden Blade" und "The Late Mitterand". Na, wenigstens da kommt ein bisschen Spannung auf...

Bernd Teichmann