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Berlinale-Tagebuch: Herrengedeck und alte Lasagne

Ein lahmer Film wird auch nicht frischer durch eine hübsche Darstellerin. Dafür können Laiendarsteller, auf der Cottbuser Straße entdeckt, einem guten Streifen die nötige Erdigkeit geben.

Pst, nicht weitersagen: Er ist in der Stadt. Terrence Malick, Regie-Genie aus Austin, Texas, und notorisch abwesend. Der Mann, für den Interviews und öffentliche Auftritte in etwa den Vergnügungsgrad einer Darmspiegelung haben, war zwar der Präsentation seines neuen Werkes "The New World" fern geblieben (Ehefrau Alexandra übernahm die PR für den Gatten), hält sich aber nach wie vor mit dem Segen seines Freundes Dieter Kosslick auf dem Festivalgelände auf.

"Ich lasse ihm die Freiheit hier zu sein und unerkannt zu bleiben", so der Berlinale-Chef, schließlich brauche seine Veranstaltung den Geist jenes Mannes, der sich 1998 - natürlich nicht persönlich - den Goldenen Bären für sein lyrisches Kriegs-Epos "Der schmale Grat" abholen durfte. Gut informierten Kreisen zufolge gönnte sich Malick vorgestern ein Dinner an der Seite Joschka Fischers, Michael Verhoevens und anderen Auserwählten in der American Academy am Wannsee und wird noch bis Montag in Berlin weilen, weil er in Zusammenarbeit mit der Staatsoper Unter den Linden an einer Inszenierung von Händels "Theodora" arbeitet. Das erfährt doch das Phantom der Oper eine unerwartete Umdeutung!

Ein Bonbon für Gourmets: Heath Ledger in "Candy"

Längst kein Phantom mehr, aber auch erst in den letzten drei Jahren so richtig entdeckt worden ist Heath Ledger. In dem australischen Wettbewerbsbeitrag "Candy" setzt er nach "Monster's Ball" und "Brokeback Mountain" die Beweisführung fort, das er zu den besten seiner Generation gehört. In Neil Armfields zärtlich-drogenbetäubter Romeo und Julia-Geschichte spielt Ledger den Heroin-Abhängigen Dan, der seine Freundin Candy (eine absolute Entdeckung: Abbie Cornish) an den Rand des Abgrunds führt, ohne dabei mit exhaltiertem Junkie-Geruder anzugeben. Ganz souverän und verhalten macht er das, und wenn da nicht Jürgen Vogels außerirdische Leistung als Vergewaltiger in "Der freie Wille" wäre, hätte Ledger durchaus Chancen auf den Darstellerpreis.

Talentierte neue Gesichter in "Sehnsucht"

Aus dem Nichts wiederum sind diese drei aufgetaucht: Andreas Müller, Ilka Welz und Anett Dornbusch. Entdeckt hat sie nach langen Casting-Recherchen die Regisseurin Valeska Grisebach für ihren Wettbewerber "Sehnsucht". Jeder von ihnen hatte zuvor noch nie vor einer Filmkamera gestanden, und genau das ist es auch, was dieses kleine Drama aus Brandenburg so erfrischend macht. Der Plot ist gleichermaßen simpel wie seine Inszenierung: Ein Provinz-Schlosser lebt mit seiner Frau in dem 200-Seelen-Nest Zühren und verliebt sich während einer Dienstreise mit der Freiwilligen Feuerwehr in eine Kellnerin. Nach all den bedeutungsbefrachteten Bären-Beiträgen fühlt sich Griesebachs naturalistische Miniatur an wie ein kurzer Ausflug auf ein Herrengedeck in eine Dorfkneipe: das wahre Leben.

Vom Schlosser zum Schauspieler

Charme geerdeter Natur verströmte das Nachwuchsdarsteller-Trio dann auch in der Pressekonferenz, wobei vor allem Müller mit seiner bollerig-schüchternen Art kollektives Schmunzeln bei den berichtenden Kollegen auslöste. Er hätte es schon kaum glauben können, dass er plötzlich die Hauptrolle in einem Film spielen würde, verriet der Kfz-Schlosser, den Regisseurin Griesebach in Cottbus auf der Straße entdeckte. "Aber dann nahm die Geschichte ihren Lauf - und jetzt sitzen wir hier."

Hübsche Anna Mouglalis kann lahmen Thriller nicht retten

Das taten anschließend auch Regisseur Michele Placido und seine "Romanzo Criminale"-Truppe. Die dreißigminütige Verspätung hatten die Fotografen zu verantworten, die völlig ungebremst auf Anna Mouglalis herumknipsten. Die hübsche Französin ist auch so ziemlich das Einzige, was diese Räuberpistole des einstigen "Allein gegen die Mafia"-Helden erträglich macht. "Romano Criminale" erzählt von drei Jugendfreunden, die in Zeiten des Siebziger-Jahre-Terrors der Roten Brigaden den römischen Heroinhandel unter ihre Kontrolle bringen und am Ende aus Liebe, Rachsucht und Größenwahn scheitern.

Italienischer Film frisch wie drei Tage alte Lasagne

Letzteres muss man auch Placido vorwerfen, der es nicht mal in 146 Minuten fertig bringt, seinem epischen "GoodFellas"-Polit-Thriller-Müsli eine gewisse Tiefenschärfe zu verpassen. So bleiben etwa die Hauptfiguren und ihre Vorgeschichte weitgehend schleierhaft. Wüsste man es nicht besser, könnte man vermuten, dass hier ein TV-Dreiteiler aus den Achtzigern mit der Gartenschere auf Kino-Format zurecht gestutzt wurde. Der bereits bei den Filmfestspielen in Venedig gewonnene Eindruck bestätigt sich somit: der italienische Film wirkt derzeit so frisch wie eine drei Tage alte Lasagne.

Gute Nachrichten zum Schluss

Gehen wir also gleich zum doppelten Espresso plus gutem Grappa über und vermelden die guten Nachrichten: die Berlinale boomt (die Verantwortlichen rechnen mit insgesamt 450 000 Besuchern, über zehn Prozent mehr zum Vorjahr) und dank streitbarer ("Der freie Wille") und politisch engagierter Ware ("Syriana", "The Road to Guantanamo") kommt im Gegensatz zum letzten Jahr auch keine fundamentale Langeweile auf.

Und aufgepasst, wenn Sie im Kino ein großer Herr mit Halbglatze in ein Gespräch verwickelt. Es könnte sich bei dem Mann um Terrence Malick handeln. Wenn ja, behalten Sie's für sich.

Bernd Teichmann