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Bollywood Liebesfilme ohne Küsse


Indische Kinofilme erobern langsam auch die deutsche Leinwand: In Melodramen mit Happyend können die Besucher im "Bollywood"-Stil mitlieben und mitleiden - und sich richtig gehen lassen.

Die Haare der jungen Frau wehen im Wind. Langsam nähert sich ihr der Held. "Ich bin immer für dich da", säuselt er ihr ins Ohr, fast berühren sich ihre Lippen - und dann küssen sie sich nicht. Denn das hier ist nicht Hollywood, sondern "Bollywood". Die Filme kommen aus Indien, vornehmlich aus Bombay, und das dortige Publikum findet es nicht schicklich, wenn sich Unverheiratete auf der Leinwand küssen.

Trotzdem schmilzt Sabine Jonsdotter bei diesen Szenen dahin. Besonders wenn der Held des Films vom indischen Superstar Shah Rukh Khan verkörpert wird. "Er ist einfach so niedlich", sagt die 45-jährige Bürokauffrau aus Stuttgart. "Einer Frau läuft er stundenlang nach und am Ende wird immer alles gut." Mit ihrer Fanliebe steht Sabine Jonsdotter nicht alleine da. Rund 50 Briefe an den 40-jährigen Schauspieler aus Neu Delhi kommen jede Woche bei dem auf Bollywood-Filme spezialisierten Kölner DVD-Label Rapid Eye Movies an. "Zum Teil sind das einfach nur Autogrammwünsche", sagt Nina Lobinger von Rapid Eye Movies, "oft aber auch heißblütige Liebesbriefe mit selbst gebastelten Geschenken."

Bollywood ist in Deutschland angekommen. Seit 2003 mit "Kabhi Kushi Kabhi Gam" (In guten wie in schweren Tagen) der erste indische Film in den deutschen Kinos lief, hat ein regelrechter Boom eingesetzt. Alle sechs Titel, die Rapid Eye Movies seitdem auf DVD herausgebracht hat, schafften es in die deutschen DVD-Charts. Ende September stieg "Kuch Kuch Hota Hai" (Und ganz plötzlich ist es Liebe) von null auf Platz eins und lag damit vor zahlreichen Hollywood-Produktionen. "Diesen Erfolg haben wir selbst nicht kalkuliert", sagt Hendrik Seither von Rapid Eye Movies, "wir sind sehr überrascht."

"Im Rest der Welt ist Bollywood Standard"

Matthias Uhl ist nicht überrascht. Er ist Wissenschaftler an der Universität Siegen und beschäftigt sich schon seit Jahren mit indischem Film. "Nur in Westeuropa sind wir so von amerikanischen Filmen aus Hollywood geprägt. Fast im ganzen Rest der Welt ist Bollywood der Standard." Die indische Filmindustrie ist die größte der Welt, rund 800 Filme werden jedes Jahr produziert. Sie flimmern nicht nur in Indien, sondern auch in ganz Asien, Afrika und Südamerika über die Leinwände. "Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Bollywood auch nach Deutschland kommt."

Dass es gerade jetzt passiert, wundert Uhl auch nicht. "In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Qualität der Filme auf westlichen Standard hochbewegt. Auch an westliche Schönheitsvorstellungen hat man sich angepasst, beispielsweise sind die Akteure schlanker geworden." Davon abgesehen unterscheiden sich die Filme allerdings deutlich. Sie dauern bis zu vier Stunden und enthalten zahlreiche Musik- und Tanzeinlagen. Oft erinnern sie an ein Musical, die Schauspieler singen und alles ist voller bunter Kostüme, Pathos und Herzschmerz. Den Inhalt beschreiben die Inder gerne mit dem Wort "Masala". "Das ist eigentlich eine indische Gewürzmischung", sagt Uhl, "aber das Wort steht auch für all die verschiedenen Zutaten in einem Bollywood-Film: Liebe, Drama, Komik, Action und vieles mehr."

Von allem etwas

Nina Lobinger von Rapid Eye Movies sieht genau darin den Erfolg der Bollywood-Filme begründet. "Es gibt von allem etwas und es ist einerseits vertraut, aber andererseits auch sehr exotisch und neu." Auch die Liebesgeschichten seien von großer Bedeutung. "Die Menschen in Deutschland scheinen sich danach zu sehnen, sich bei gut ausgehenden Melodramen im Kino richtig gehen lassen zu können."

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Christina Horsten/DPA DPA

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