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"Pirates of the Caribbean": Die große Freiheit Nummer 4

Vor acht Jahren wurde das Kinoabenteuer "Pirates of the Caribbean" geboren. Mittlerweile ist es ein Multi-Milliarden-Dollar-Märchen. Dank Johnny Depp - und Bugs Bunny.

Von Sophie Albers

Im Jahre 2003 erschien ein Mann mit Fusselbärtchen, nuschelnder Stimme, unsicherem Gang und skurrilem Humor auf den Kinoleinwänden der Welt und hauchte dem seit Jahrzehnten toten Piratenfilm-Genre neues, wunderbar wildes Leben ein. Dieser Mann mit geschminktem Blick heißt Jack Sparrow, die dazugehörige Filmreihe "Pirates of the Caribbean", und die hat mit drei Filmen in acht Jahren 2,7 Milliarden Dollar eingespielt. Eine untrügliche Botschaft der Zuschauer, dass die Filme ihnen etwas bedeuten, sagt der zuweilen zum Verzweifeln ausgeglichene Super-Produzent Jerry Bruckheimer. Aber was genau?

Gutes Kino bleibt im Kopf. Und auch wenn für viele Menschen Entertainment und Kopf so gar nicht zusammengehen, ist es ein wahres Entertainment-Schlachtross, das diese Woche beweist, wie nah diese beiden Sachen doch beieinander liegen können. "Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten" ist der vierte Teil der Hollywood-Blockbusterreihe. Obwohl von den berüchtigten Form-vor-Inhalt-Maschinen Bruckheimer und Disney produziert, gehörte tatsächlich Mut dazu, die Filme zu dem zu machen, was sie sind: der große Traum von Freiheit.

Diesen Traum verkörpert mit voller Überzeugungskraft Hauptdarsteller Johnny Depp, dessen Mut gleich am Anfang stand. Sein lallender, wankender, Kajal um die verdrehten Augen tragender Piratenkapitän Jack Sparrow ist in die Filmgeschichte eingegangen, war aber am ersten Drehtag ein Problem. "Er ruiniert uns den Film", soll Michael Eisner, damaliger Chef der Walt Disney Company, gesagt haben, als er erste Aufnahmen von Depps Freibeuter-Interpretation sah. Weder die Goldzähne noch das ganze Getüdel an Federn und Zöpfchen wollten die Disney-Chefs in ihrer 140-Millionen-Dollar-Produktion sehen. Doch Depp blieb hart: "Ich habe gesagt, 'Sie kennen meine Arbeit. Entweder Sie vertrauen mir, oder Sie feuern mich.'", erzählte er damals der "Los Angeles Times".

Anders als Brad Pitt und Tom Cruise

Das sieht Depp auch acht Jahre später so. Er ist zum Filmfest nach Cannes gereist, um Teil vier des Piratenabenteuers zu präsentieren. Als er gefragt wird, was einen guten Schauspieler ausmache, antwortet der 47-Jährige mit dem alterslosen Gesicht: "Man muss bereit sein, rausgeschmissen zu werden." Und auch wenn die Gefahr bei dem Hollywoodstar dieser Tage gegen null geht, glaubt man ihm, dass er seine Rollen noch immer so angeht. Ein bisschen zumindest.

So wird Depp, der abseits vom Hollywoodrummel samt Familie in Südfrankreich lebt, auch jenseits des Kinos zum Piraten. Und diese Ehrlichkeit in der Rolle, die ihn noch authentischer wirken lässt als Kollegen wie Brad Pitt oder Tom Cruise, macht ihn unglaublich sympathisch - und zum Publikumsmagneten.

Wie die Figur Jack Sparrow steht Johnny Depp für die große Lebenssehnsucht, frei zu sein, zu tun, was, wann und wie man will - und das mit Erfolg. "Kannst du dir vorstellen, dass man uns das machen lässt, und wir auch noch dafür bezahlt werden?", haben Depp und Regisseur Gore Verbinski (Teil eins bis drei) sich während der Dreharbeiten immer wieder gefragt.

Keith Richards und Bugs Bunny

Diese private Freiheit hat Depp für seinen Jack Sparrow noch perfektioniert. Während Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards (mit gleichem Lebensmotto) eine große Inspirationsquelle für das Piraten-Äußere war, verrät Depp in Cannes die Inspiration für das Piraten-Innere: Bugs Bunny! "Ich habe vier Jahre lang mit meinen Kindern Trickfilme geguckt. Trickfiguren kommen mit viel mehr durch als wir. Jack Sparrow lässt uns zu Bugs Bunny werden. Bugs Bunny in Menschenform."

Ehrlichkeit und Bugs Bunny sind gute Gründe dafür, dass die Menschen in Massen in die Kinos strömen. Bedeutet beides zusammen vor allem eines: Jack Sparrow lässt seine Zuschauer Kind sein. Das klingt banal, doch braucht es einen begnadeten Mimen wie Johnny Depp, damit das überhaupt funktioniert: Depp ist Bugs Bunny genug, um die Kleinen zum Lachen zu bringen und dabei ernst zu nehmen. Und sein Bugs Bunny ist Johnny Depp genug, um die Coolness der Heranwachsenden und Erwachsenen zu wahren.

Dieser Pirat ist tatsächlich frei - kein Eigentum, das beschwert, einzige Familie ist ein Vater (Keith Richards), der mindestens genauso Bugs Bunny ist wie er, und bisher gab es auch keine emotionalen Bindungen, die mehr waren als flüchtige Ausbrüche aus dem kindlichen Egoismus. Deshalb wird der neue Teil "Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten" auch zum Wendepunkt: Mit der wunderbaren Penélope Cruz als Piratenbraut tritt eine Frau in Jacks Leben, die Bugs Bunny zumindest kurzzeitig zum Schweigen bringt. Wenn es so weitergeht, wie Teil vier andeutet, könnte in Teil fünf, der 2013 in die Kinos kommen soll, Schluss sein mit der Freiheit. Aber bis dahin folgen wir Sparrows Motto: "Nimm jeden Tag wie er kommt. Wie ein richtiger Pirat!" Das bleibt im Kopf, wenn man nach der letzten Szene - die übrigens nach dem langen Abspann kommt! - das Kino verlässt.