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"Wall Street 2" von Oliver Stone Gordon Gekko ist zurück


"Wall Street - Geld schläft nicht" sollte der große Film zur Krise werden. Aber kann ein Film all die Fragen überhaupt beantworten? stern.de hat Oliver Stones zweiten Ausflug in die Welt von Gordon Gekko auf dem Filmfest von Cannes gesehen.
Von Sophie Albers

Es ist Michael Douglas' beste Szene im lang erwarteten "Wall Street - Geld schläft nicht": Gordon Gekko hält einen Vortrag vor Betriebwirtschaftsstudenten: "Genau genommen seid ihr am Arsch!", haut er seinen Zuhörern um die Ohren. "Ihr seid die Ninja-Generation: kein Einkommen, keine Arbeit, keine Ersparnisse (no income, no job, no assets, Anm.d.Red.). Ihr könnt euch echt auf euer Leben freuen." Sieben Jahre sind vergangen, seitdem Mister "Gier ist gut" aus der Haft entlassen wurde. 2008 wohnt er schon wieder in einem Luxusapartment mitten in der Skyline von New York City. Er schreibt Bücher, um nicht auf die Aussicht und die Wildlederslipper verzichten zu müssen.

Die Studenten starren ihn ehrfürchtig an, den Mann, der mit Betrug Millionen verdient hat. Er ist ein Star. Und dann verspricht er auch noch Erlösung: "Und was ist der Ausweg?", ruft Gekko begeistert in den Hörsaal, um sich dann an der erwartungsvollen Stille zu laben. Der folgt der perfekte dramatische Bogenschlag: "Ich habe drei Worte für euch: Kauft mein Buch!" Erlösendes Lachen, Kopfschütteln. Was für ein Alleinunterhalter. Und das Buch heißt natürlich "Ist Gier gut?"

Ganz ähnlich wie Gekkos Zuhörern ergeht es auch den Zuschauern von Stones Film: Die Erwartungen waren verdammt hoch, aber es ist eben doch nur wieder ein Film geworden, der Kassen füllen soll. Auch mit der Krise lässt sich Geld verdienen. Unterhaltung geht schließlich immer. Deshalb durfte es wohl auch nicht zu düster werden.

Film zur Krise?

23 Jahre ist es her, dass Oliver Stone mit "Wall Street" eine 80er-Jahre-Ikone geschaffen hat - mit Gel im Haar, Zigarre im Mund und Hosenträgern an der Anzughose. Der gewissenlose Börsenhai Gordon Gekko war ein Bösewicht, der zum popkulturellen Helden wurde. Angeblich sehr zum Erstaunen von Darsteller Michael Douglas und Regisseur Stone. Aber Gekko war eben einfach zu cool.

Vielleicht deshalb wandelt der Held der Fortsetzung so betont gutmenschlich durchs Bild: Der milchgesichtige Shia LaBoeuf ("Transformers", "Indiana Jones") ist zwar auch ein Broker, aber ein guter. Sein Jacob verkauft Investitionen in Umwelttechnologien. Er ist verlobt mit Gekkos Tochter Winnie (Carey Mulligan), die als Herausgeberin einer investigativen News-Website der Wahrheit dienen will. Winnie hat ihren Vater seit zwölf Jahren nicht gesehen und will es auch nicht. Sie gibt ihm die Schuld daran, dass ihre Familie auseinandergebrochen und ihr Bruder tot ist.

Dann kommt der große Test für die moralische Integrität: Jacob ist live dabei, als die Börse zusammenbricht. Sein Mentor, der alte Zabel (großartig: Frank Langella), begeht Selbstmord, und Jacob glaubt, die Verantwortlichen zu kennen. Er will den alten Mann rächen, und dabei könnte ihm Gekko behilflich sein. Der will als Gegenleistung die Versöhnung mit seiner Tochter.

"Wall Street - Geld schläft nicht" ist ein Familienfilm geworden. Es geht mal wieder um die so beliebte Suche nach dem Vater, um Liebe und ihre Krisen, um Vertrauen, um Loyalität. Börse und Krise sind nur Hintergrund. Sie stehen für das Materielle an sich, das immer wieder ganz real Familien zerstört - wobei die im wahren Leben kaum so luxuriös leben wie die Figuren im Film. In dem wimmelt es nur so von Klischees - vom Flachbildschirm über das Motorrad bis zum vielsagenden Kunstwerk an der Wand.

Dominosteine und Seifenblasen

Wirklich subtil war Oliver Stone noch nie, aber diesmal hat er sich geradezu die Kreativität abgespart. Da fallen Dominosteine, um die Kettenreaktion der Finanzkrise zu verbildlichen, fliegen Seifenblasen in den Himmel als Zeichen für die platzenden Investitionsblasen an der Börse. Und im entscheidenden Augenblick hat Gekko auch wieder Gel im Haar.

Gegen alle Erwartungen hat "Wall Street 2" erstaunlich wenig zu bieten. Es ist kein Film zur Krise geworden. Das war dann schon eher Michael Moores "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" (2009), der die Dinge grundlegend in Frage gestellt hat. Er wisse nicht, ob der Kapitalismus gescheitert sei, sagte Stone auf dem Filmfest in Cannes, wo die "Wall Street"-Fortsetzung im Mai erstmals zu sehen war. "Er ist auf jeden Fall zu unreguliert und exzessiv." Danke, so weit waren wir auch schon.

Aber zurück zur Szene vom Anfang und einem Gedanken, der Stone ruhig ein bisschen umtreiben dürfte: Die ganzen Wirtschaftsstudenten der realen Welt, die den Gordon Gekko des ersten Films zu ihrem Helden erklärt haben und unbedingt so werden wollten wie er, sind das nicht möglicherweise die, die sich derzeit trotz Krise als Vorstände mit dicken Boni bedenken?


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