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62. Filmfestspiele Cannes: Sex, Horror und die Aussicht auf Hölle

Kino, Stars und Palmen. Das bedeutendste Filmfestival der Welt rollt seinen roten Teppich aus. In Zeiten der Krise vielleicht zum letzten Mal mit diesem Glitz und Glamour. Auch auf der Leinwand werden die Messer gewetzt. stern.de hält für Sie die Augen offen.

Von Sophie Albers, Cannes

Ganz harmlos fängt das 62. Filmfest von Cannes an: Eröffnungsfilm ist am Mittwochabend Disneys 3D-Animation "Oben". Die Geschichte über einen Griesgramgreis, der in einem Haus an einem Bündel Luftballons durch die Welt fliegt, wird in Vorab-Kritiken bereits als lustigstes Werk aller Zeiten aus dem Haus mit der Maus gefeiert. Doch schon ab dem zweiten Tag des Festivals beginnt der Abstieg: Dann wird in die zum Lachen aufgesperrten Augen und Herzen böses, verstörendes Kino geschoben.

Angefangen mit Park-Chan Wooks Vampir-Horror "Durst" über Lars von Triers Sex-und-Gewalt-Orgie "Antichrist" bis zu Quentin Tarantinos Nazi-Splatterfilm "Inglourious Basterds". Nach "Oben" geht es steil nach unten - wenn man will bis in die Hölle mit Sam Raimis "Drag Me To Hell".

Michael Hanekes Menschenhasserkino wird dabei kaum Halt bieten. Die neuen Filme der altbekannten Regie-Schwergewichte Ang Lee (Woodstock und der Sommer der Liebe), Pedro Almódovar (Penelope Cruz und die Liebe) und Alain Resnais (Ein alter Mann und die Liebe) sind in dem düsteren Reigen eher ablenkend-schmückendes Beiwerk. Einen erleichternden Lacher im Dunkeln verspricht ausgerechnet der Mann, der sonst immer schwer entschlossen in die Düsternis des menschlichen Daseins zeigt: Der britische Sozialfilmer Ken Loach präsentiert mit "Looking For Eric" ein Fußballfan-Märchen, ein kurzes Aufatmen inmitten von Blutrache und Horror-Sex.

Aus der Furcht gewachsen

Bleibt die Frage, was die Schlachtplatte soll, gegen die das Wettbewerbsprogramm des vergangenen Jahres mit seinen sozialen Dramen ("Die Klasse") und Polit-Puzzlen ("Che") geradezu harmlos wirkte. "Auch wenn das Filmfest von der Vorstellungskraft seiner Künstler genährt wird, lebt es nicht in einer Blase", begrüßt Festival-Chef Thierry Frémaux die Festivalbesucher im Vorwort zum Festivalkatalog. Ja, auch Cannes hat die Krise.

Diese dunkle Wolke, die für viele Menschen in Europa noch immer in der Ferne dräut, ist auch für das Kino bisher aus Furcht gewachsen. Die Kinokassen sind weiterhin einigermaßen voll, die Filmförderung läuft wie geschmiert, es werden gerade mal weniger DVDs verkauft. Trotzdem hat die Krise den Filmmarkt in Cannes - der größte der Welt - im Griff. Unter den Händlern geht die Angst um. In den USA müssen sich Produktionsfirmen wegen der Banken- und Finanzkrise bereits neu aufstellen. Passenderweise dümpeln gleich neben dem Festival-Palast im alten Hafen von Cannes ein paar Yachten mit "zu verkaufen"-Schildern an der Reling.

Ein ähnlich passendes Bild bietet das offizielle Festival-Plakat: Eine schwarz-weiße 50er-Jahre Blondine steht in einer Terrassentür, zwischen drinnen und draußen, zwischen dunkel und hell. Will sie wegrennen, doch etwas hält sie noch zurück, wie die Hand an der Tür vermuten lässt? Oder will sie einen letzten Blick auf die schöne Aussicht werfen, um die Tür dann für immer zu schließen? Die kommenden zehn Tage könnten zumindest klären, welche Wege beim Filmemachen künstlerisch eingeschlagen werden sollen.

Immerhin kommen die Stars weiterhin in Scharen: Von Brad Pitt über Penelope Cruz bis Sophie Marceau sind alle mit dabei. Und die Filmauswahl lässt hoffen, dass es dem Kino beim diesjährigen Festival vielleicht gelingt, nicht nur Spiegel der Gesellschaft zu sein, sondern auch der lange vermisste Impuls, in diesem Fall der Tritt in den Hintern gegen den Stillstand. Höllenbilder zum Aufrütteln aus dem "Alles wird gut"-Trott. Denn vielleicht wird es das nicht. Aber Nostalgiker können wir dann sowieso nicht brauchen.

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