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Cannes 2015 - Tag 9: Außer Porno nichts gewesen

Schock und Skandal um Gaspard Noés "Love" sind ausgeblieben. Stattdessen wird immer noch über High Heels geredet. Und langsam leert sich die Croisette.

Von Sophie Albers Ben Chamo, Cannes

Ein Mann, der wortwörtlich zwischen zwei Frauen liegt, macht noch keinen guten Film.

Ein Mann, der wortwörtlich zwischen zwei Frauen liegt, macht noch keinen guten Film.

Der Skandal ist ausgeblieben. Gaspard Noés 3D-Kunst-Porno "Love" war nicht annäherend so schockierend wie vollmundig versprochen und gespannt erwartet. Sogar Noé-Fans waren enttäuscht. Denn die Geschichte über einen jungen Mann, der sich verliebt, entliebt und die Trauer in Ablenkungssex zu ersäufen sucht, hat außer besagten Hardcore-Szenen nicht viel zu bieten. Menschen, die Noés Werk ("Irreversible", "Enter the Void") nicht kennen, würden es wohl einfach für einen Porno halten.

Stattdessen versteige ich mich jetzt zu der Annahme, dass der Donnerstagmorgenfilm "Dheepan" der Gewinner des Festivals sein wird. Jacques Audiards brillantes Drama über eine in der Not zusammengewürfelte Flüchtlingsfamilie aus Sri Lanka, die in der Pariser Banlieue um ein neues Leben kämpft, war der lang ersehnte frische Wind im Kino am Meer. Denn vor allem Titelheld Dheepan verwehrt sich der gängigen Erzählweise vom Opfer, auf die sich das satte Europa geeinigt hat. Dheepan hat in seiner Heimat im Bürgerkrieg gekämpft, alles verloren, nimmt aber wieder Pistole und Machete in die Hand, wenn er seine neue Familie verteidigen muss. Das ist unsentimental, zutiefst menschlich, kraft- und würdevoll.

Auftritt des Tages:

Neben Antonythasan Jesuthasan als "Dheepan" ist Michael Fassbender zu erwähnen, der zwar eigentlich erst am Samstag dran ist - als "Macbeth" -, der aber jetzt schon das Nachtleben in Cannes genießt, wo er gerade mit fünf langbeinigen Schönheiten in Abendkleidern vom Restaurant ins Hotel schlenderte. Auf dem roten Teppich war er wohl nicht, er trug Turnschuhe zum Anzug.

Ein Schuhproblem hat immer noch Festivalchef Thierry Fremaux. Während er in einer weiteren Diskussionsrunde zum Thema Gleichberechtigung eigentlich eine gute Figur machte, das Problem des Sexismus im Filmgeschäft benannte und mit den schönen Satz zusammenfasste: Gleichberechtigung ist erst dann erreicht, wenn eine untalentierte Frau den Job bekommt anstelle eines Mannes, war auch das Flatgate wieder Thema. Aber Fremaux wiederholte, was er gleich zu Beginn der Aufregung über die angebliche Rote-Teppich-Regel, dass nur Frauen mit hohen Absätzen zugelassen seien, gesagt hat: Das es nicht stimme. "Niemand ist verpflichtet, auf dem roten Tepich Absätze zu tragen. Einer unserer Mitarbeiter hat Mist gebaut, und wir haben uns sofort entschuldigt."

Kurz-News

- Dass das Festival sich seinem Ende nähert, erkennt man vor allem an den Preisen: Der für Croissant und Kaffee am Morgen auf dem Weg zum Kino ist soeben von 4,50 auf 3,50 Euro gefallen. Es ist tatsächlich leerer geworden, vor allem aber ist der Markt offenbar abgewickelt. Entspannung ist möglich.

- "Mad Max: Fury Road" wird fortgesetzt! Allerdings nicht als "Furiosa", sondern mit dem Titel "Wasteland". Darf Tom Hardy jetzt mehr sagen?

- Worauf wir uns 2016 defintiv freuen können, ist Disneys "Zootopia". Die Clipvorschau von John Lasseter ließ das Publikum brüllen vor Lachen über eine Welt, in der es zwar keine Menschen gibt, dafür aber sehr menschliche Tiere.

- Morgen kommt der Film, dem ich überhaupt nicht traue: Eine animierte Neuauflage von "Der kleine Prinz". Ich rechne mit dem Schlimmsten. Aber man sieht ja nur mit dem Herzen gut.

Ein Gesicht in der Menge:

Fanny ist 46 Jahre alt und betreibt seit 20 Jahren einen Hundesalon. Seit sechs Jahren gehört ihr der in Weiß und Pink gehaltene "For VIP dogs" in Cannes.

Erstes Mal Cannes: "Jedes Jahr, seitdem ich hier bin.

Cannes-Erlebnis: "Einmal kam ein Russe mit drei Leibwächtern und zwei Autos. Er hat für 2400 Euro Hunde-Accessoires gekauft. Und er hatte nicht einmal einen Hund dabei."