Cannes-Tagebuch Cannes, für Anfänger


Heute: die Pressekonferenz. Nach jeder Pressevorstellung eines Films, der um die Goldene Palme konkurriert, findet etwas später am Tag eine Pressekonferenz statt. Ein Abgrund der Peinlichkeiten.
Von Matthias Schmidt

Ort des Geschehens: Ein recht kleiner Saal im dritten Stock einer der hintersten Ecken des Festival-Bunkers, die Einlassgewalt ausgeübt von besonders ruppigen Ordnungskräften, die kein Überredungskünstler, Vorbeischleicher und Dauerdrängler mehr aus der Ruhe bringen kann. Es sei denn er ist weiblich, jung und beherrscht die Sprache der Grande Nation. Dann wird eine Weile Süßholz geraspelt, gezwinkert, abgewunken und schließlich doch durchgewunken.

Schafft man es als mittelalter Mann hinein, fällt der Blick auf ein leicht erhöhtes Podium mit mehreren Mikrofonen. Ein paar Mädchen verteilen Übersetzungsgeräte, obwohl sie selbst kaum mehr als die Sprache der Grande…, aber das hatten wir schon. Unterhalb des Podiums stehen dicht gedrängt mehrere Stuhlreihen. Winzige Sitzfläche, dafür mit auf die Seite klappbarem Minitisch, eine Art Mischung aus Holzklasse einer Billigfluglinie und Schulklasse für Achtjährige also.

Kommt doch nach Kroatien!

Die Atmosphäre: Deogesättigte Aufmerksamkeit und Nervosität (an guten Tagen). Die üblichen Anwesenden: Übermüdete Filmschreiber (an normalen Tagen) und irgendein Idiot aus Kroatien, der alle, wirklich alle Stars fragt, wann sie denn mal sein zauberhaftes Heimatland beehren würden. Dazu rustikale Fotographen, die erst die Fragerunden verzögern, weil sie hoffen, der vierhundertelfte Gesichtsausdruck von Brad Pitt wäre vielleicht doch besser als der vierhundertzehnte, dann während der Konferenz am Rande stehen bleiben und weiter schießen. Woraufhin die außen kauernden Journalisten lautstark auf ihre aufklappbaren Minitische klopfen, sie würden ja so nicht mal den vierhundertzwölften Gesichtsausdruck von Brad Pitt erkennen, was die Konferenz weiter verzögert. Bis schließlich ein selbstverliebter weißhaariger Franzose, der sich Moderator nennt (an schlechten Tagen), friedensstiftende Maßnahmen einleitet und die ersten Fragen lieber gleich selbst stellt.

Die schönsten Fragen sind die dümmsten Fragen

Apropos Fragen. Es gibt da so eine Art ungeschriebenes Gesetz, das lautet: Nichts ist zu dämlich. Fast schon legendär ist die Frage an Woody Allen: "Sex, what do you think?" Natürlich in radebrechendem Englisch vorgetragen (Grande Nation?). Oder der mehr als Feststellung als als Frage formulierte Beitrag eines anderen Kollegen (Kroatien?), der auf der Berlinale George Clooney anschnauzte mit: "I think your movie is boring!" Clooney, außer sich, schnauzte zurück: "Was für ein Idiot. Mach du doch erst mal einen Film!“

Üblicherweise lassen sich die Fragen jedoch in drei Hauptkategorien aufteilen:

1. Ehrliches cineastisches Interesse, gerne gepaart mit Klugscheißerei: Sie meinten gerade ihr Filme wäre von Visconti inspiriert, ich sehe darin aber total viel John Ford. Was sagen Sie dazu?

2. Floskelfragen, die jeder Filmschaffende schon unzählige Mal beantworten musste und die bei den anderen Journalisten Stöhnen und Augenrollen auslösen: War es schwierig, diesen Film zu finanzieren? Wie war es für Sie mit Schauspieler X und Regisseur Y zusammenzuarbeiten? Was für ein Gefühl ist es, mit Ihrem Film in Cannes zu sein? Und wann kommen Sie endlich mal nach Kroatien?

3. Und die Jagd nach klatschpressetauglichen Anekdoten. Gerne verpackt in Zweideutigkeiten, meist aber nur mit Mut zur Peinlichkeit: Werden Sie bald heiraten, Mr. Clooney? Würden Sie mich heiraten, Mr. Clooney?

In letztere Kategorie fällt auch eindeutig eine der ersten Fragen der Pressekonferenz zu "We Own The Night" von James Gray. Der in Queens aufgewachsene Amerikaner hat vor geraumer Zeit mit "Little Odessa" (Bruderpaar, Russenmafia) für internationale Aufmerksamkeit gesorgt. Im Wettbewerb erzählt er diesmal vom Kampf einer New Yorker Polizistenfamilie (Bruderpaar) gegen Drogenhändler (Russenmafia), exzellent besetzt mit Robert Duvall als strenger Vater und Oberbulle, Joaquin Phoenix und Mark Wahlberg als verkrachte Söhne und Eva Mendes als Phoenix-Freundin.

Schnell wird es schwül und schwülstig

Die Frage an die gut gelaunte Latino-Schönheit konnte also nur lauten: Frau Mendes, gleich am Anfang des Films haben sie eine heiße Sexszene mit Joaquin. Wie hat sich das angefühlt? Stöhnen, Lachen, Erröten. Antwort: "Sehr unangenehm. Das war wirklich meine erste Sexszene fürs Kino. Ich musste erst einen Wodka-Orange trinken, damit es leichter wurde. Klar, ich spiele nur eine Figur, aber trotzdem: Meine Brust ist meine Brust. Das klingt jetzt zwar doof, aber Sie wissen schon, wie ich das meine." Alles verstanden, Eva. Heiraten? In Dubrovnik?

Der Film ist leider nur ein solides Stück Arbeit aus dem gut abgehangenen Genre des Polizeifilms, nicht mehr, nicht weniger. Dass nach der ersten Vorstellung dennoch viele buhten, hängt vielleicht damit zusammen, dass der Wettbewerb zum Ende hin doch ziemlich abgebaut hat. Neben "We Own The Night" oder dem koreanischen "Secret Sunshine", konnten weder Tarantinos "Death Proof" noch "Une Vieille Maitresse" überzeugen. Das neue Werk der Französin Catherine Breillat ("Romance") versetzt tatsächlich die italienische Trash-Queen Asia Argento ins Frankreich des Jahres 1835. In teilweise extrem albernen Kleidern raucht sie Zigarre und guckt verführerisch, nicht mal ihr Arschgeweih hat man überschminkt. Dabei wäre der männliche Hauptdarsteller mit dem hübschen Namen Fu’ad Aït Aattou eine echte Entdeckung. Vielleicht könnten wir ja auf der Pressekonferenz…


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