Mit dem Halbfinaleinzug bei der Handball-EM in Dänemark, Norwegen und Schweden hat das DHB-Team sein selbst gestecktes Ziel erreicht. Das galt vor dem Turnier angesichts der drohenden "Todesgruppe" in der Hauptrunde als ambitioniert – und erst recht, als die Deutschen dort nach durchwachsener Leistung in der Gruppenphase landeten. Doch sie kämpften sich gegen Gegner wie Europameister Frankreich bis in die K.-o.-Runde.
Die Pflicht ist nun also erfüllt und die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason kann im Halbfinale gegen Kroatien (Freitag, 17.45 Uhr, ARD/Dyn) befreit aufspielen. Wer in der Endrunde steht, darf auch vom Titel träumen. "Ist schön, ins Halbfinale zu kommen, aber klar reicht uns das jetzt nicht", gab Gislason die Stoßrichtung vor.
Aber wie realistisch sind die Titelträume des Bundestrainers? Drei Gründe, die für einen Turniersieg der Deutschen sprechen. Und drei Gründe, die ihn unwahrscheinlich machen.
Drei Gründe für deutsches Gold bei der Handball-EM
1. Breite des Kaders
"Ich glaube, dass es die beste Nationalmannschaft ist, in der ich je gespielt habe", schwärmte Torwart-Routinier Andreas Wolff vor der EM in der "Sportschau". "Das Talent, was die jungen Spieler mitbringen, gepaart mit uns älteren Hasen, ist eine interessante Mischung." Das Potenzial sei da, dass es bis ins Finale gehen könnte, sagte Wolff schon zu diesem Zeitpunkt.
Bundestrainer Gislason betonte immer wieder die Qualität des Kaders, auch während des Turniers. "Die Mannschaft ist in diesen Wochen sehr gewachsen. Die Breite ist ohne Frage deutlich größer als sie vor einem Jahr war", sagte er nach dem 38:34-Sieg im letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich. "Jeder hat seinen Platz gefunden und bringt seine Leistung."
Wenn Knorr nicht funktioniert, kommt Lichtlein. Wenn Köster einen schlechten Tag hat, wird Schluroff eingewechselt. Wenn Wolff eine Pause braucht, ist Späth zur Stelle. Die Kaderbreite könnte beim EM-Endspurt zum Trumpf für Deutschland werden.
2. Selbstvertrauen und "hungrige" Generation
Im aktuellen DHB-Kader sind mit Andreas Wolff, 34, Rune Dahmke, 32, und Jannik Kohlbacher, 30, noch drei Akteure dabei, die mit Deutschland im Jahr 2016 Europameister wurden – und wissen, wie es sich anfühlt, einen EM-Titel zu gewinnen.
Der Rest des Teams kennt dieses Gefühl nicht. Spieler wie Renars Uscins, Justus Fischer, David Späth (alle 23 Jahre alt) und Marko Grgic, 22, gehören zwar noch zu den "jungen Wilden", spielen aber in ihren Vereinen und bei der Nationalmannschaft bereits zentrale Rollen. Zudem strotzen sie trotz ihres jungen Alters vor Selbstvertrauen.
Bei den Olympischen Spielen 2024 waren die genannten Spieler bereits dabei und schnupperten am großen Erfolg. Sie holten die Silbermedaille. Entsprechend hungrig dürften sie auf ihren ersten Titel mit dem DHB-Team sein.
3. DHB-Team kann (fast) alle schlagen
Deutschland kommt nach dem Erfolg über Frankreich in der Hauptrunde mit Rückenwind und großer Euphorie ins Halbfinale gegen Kroatien. Die Halle in Herning, wo auch die K.-o.-Runde stattfindet, ist dem DHB-Team aus der Gruppenphase und der Hauptrunde sehr vertraut. Und die dänischen Fans feuerten die deutsche Mannschaft an, wenn diese nicht gerade gegen Dänemark spielte.
In vergangenen Jahren und im Verlauf dieses Turniers hat das DHB-Team gezeigt, dass es jeden Gegner schlagen kann. Zumindest fast jeden.
Drei Gründe gegen einen Turniersieg des DHB-Teams
1. Kein Weg führt an der Handballmacht vorbei
Der Hauptgrund, der gegen einen Titelgewinn der Deutschen spricht, ist Dänemark. Die übermächtige Handballnation will nach dem Olympiasieg 2024 und dem Weltmeistertitel 2025 nun auch Europameister werden und dadurch die bereits ausgeschiedenen Franzosen entthronen.
Der Co-Gastgeber muss noch sein Halbfinale gegen Island (Freitag, 20.30 Uhr, ARD/Dyn) gewinnen, alles andere wäre aber eine faustdicke Überraschung. In der Gruppenphase patzten die Dänen gegen Portugal (29:31) – sie sind also schlagbar. Im Finale im eigenen Land ist es jedoch unwahrscheinlich, dass sie sich noch einmal so einen Ausrutscher erlauben.
Der letzte Sieg des DHB-Teams gegen das skandinavische Nachbarland liegt bereits zehn Jahre zurück. Bei der EM 2016 schlugen Wolff, Dahmke, Kohlbacher und Co die Dänen überraschend. Seither war kein Vorbeikommen an ihnen. In der Gruppenphase dieser EM unterlag Deutschland bereits mit 26:31.
2. Fehler im deutschen Spiel
Das deutsche Spiel ist teilweise noch zu fehlerbehaftet. In manchen Partien führten etwa technische Schnitzer zu leichtfertigen Ballverlusten und die Effektivität im Angriff ließ zu wünschen übrig. In der Gruppenphase ging das gegen Serbien schief (27:30-Niederlage), im Hauptrundenspiel gegen Portugal (32:30-Sieg) bügelte ein überragender Andreas Wolff mit 22 Paraden die deutschen Fehler aus.
Generell muss das DHB-Team konstanter werden. Trotz Talent und Kaderbreite schwanken die Leistungen teilweise. Selbst ein Juri Knorr spielte im letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich seine erste richtig gute Partie bei dieser Handball-EM. "Ich kam mir ziemlich verarscht vor. Drei Spiele funktioniert nichts und auf einmal geht jeder Gurkenwurf rein", haderte der 25-jährige Spielmacher nach der Partie.
Diese Schwankungen muss Knorr, muss das ganze Team am besten sofort abstellen. Sonst wird es im weiteren Turnierverlauf schwierig.
3. Auch Kroatien ist ein Brocken
Nicht zu vergessen: Die Kroaten sind ebenfalls ein starker Gegner. "Wir haben die sogenannte Todesgruppe überstanden, um jetzt gegen die Vizeweltmeister spielen zu dürfen", fasste Torhüter Andreas Wolff die knifflige Aufgabe zusammen. Ihre Niederlagenserie im direkten Duell hatten Deutschlands Handballer unmittelbar vor der EM mit zwei Testspielsiegen beendet (32:29 in Zagreb und 33:27 in Hannover). Aber das Team von Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson ist eine Turniermannschaft.
Das bekam das DHB-Team bei Olympia zu spüren. Mit 26:31 verloren die Deutschen in der Vorrunde deutlich gegen Kroatien. Renars Uscins war bei dem Spiel dabei und weiß daher um die Stärke der Kroaten. "Klar wollen wir den Titel. Es wird entscheidend sein, dass wir den Druck aufrechterhalten und nicht durchatmen. Die Spannung muss ganz oben bleiben. Wir brauchen nicht in große Euphorie zu verfallen", appellierte Uscins vor dem Halbfinale an seine Mitspieler und stellte klar: "Angst haben wir nicht".