Cannes-Tagebuch Pinkeln mit "Lawrence von Arabien"


Auf der größten Film-Sause der Welt gibt es Toiletten mit Filmmusik-Untermalung, karnevaleske PR-Kapriolen und lange Filme, bei denen man sich den Hintern wund sitzt. Aber nicht nur: Der neue Thriller von David Fincher ist höchst kurzweilig und es lassen sich kleine, schöne Filme entdecken.
Von Bernd Teichmann

Wer sich schon das eine oder andere Mal auf diesem Festival rumgetrieben hat, kennt das ja, aber man ist trotzdem immer wieder aufs Neue fasziniert von diesem Mix aus karnevalesken PR-Kapriolen, gespreitzter Kino-Kunst und bizarren Momentaufnahmen. Wo sonst, wenn nicht bei der größten und hysterischsten Film-Sause der Welt glotzt dich vor einem mondänen Hotel wie dem Carlton unvermittelt eine übergroße Simpsons-Familie aus Plastik an?

Nur hier macht sich ein amerikanischer Komiker wie Jerry Seinfeld zum Komplett-Affen, indem er werbetreibend für den neuen DreamWorks-Trickspaß "Bee Movie" im Bienenkostüm am Seil vom Carlton-Dach zum gegenüberliegenden Strand hinab saust. Und die Toiletten im Palais du Festival sind wohl die einzigen Kino-Bedürfnisanstalten der Welt, in denen aus Lautsprechern das "Lawrence von Arabien"-Thema träufelt, auf das selbst das Pinkeln zum cineastischen Mini-Event mutiert.

Anschließend hockt man dann schon seit zwei Stunden in einem der Vorführsäle, um sich durch den 150-minütigen, russischen Wettbewerbsbeitrag "Izgnanie" ("Die Verbannung") zu arbeiten und mit wundem Hintern festzustellen, dass man das Ganze auch ohne viel Ausschuss in 100 Minuten hätte erzählen können. Andrej Zvyagintsew, der vor vier Jahren mit dem Heimkehrer-Drama "Die Rückkehr" ein furioses, mehrfach preisgekröntes Debüt hinlegte, erzählt in seinem Zweitling die Geschichte einer vierköpfigen Familie, die durch die Kommunikations-Unfähigkeit des Ehemannes und Vaters in den tödlichen Abgrund stürzt. Ansprechend gefilmt und in einem zeitlosen Niemandsland angesiedelt, schleppt sich die Geschichte ziemlich bleiern und phasenweise redundant dahin, bis die tapferen Zuschauer am Ende mit einer Gruppe singender Landarbeiterinnen ins grelle Sonnenlicht der Cote d'Azur entlassen werden.

David Finchers "Zodiac" ist äußerst kurzweilig

Sechs Minuten länger, aber meilenweit kurzweiliger fällt dagegen David Finchers Konkurrenz-Produkt "Zodiac" aus. In einer Mischung aus Alan J. Pakulas Watergate-Thriller "Die Unbestechlichen" (1976) und der Extended Version einer Folge von "Die Straßen von San Francisco", schildert er akribisch die Jagd nach dem legendären, titelgebenden Serien-Killer, der in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern die Bay Area in Angst und Schrecken versetzte.

Bis heute ist ungeklärt, wer der mysteriöse Unbekannte war, der nachgewiesene fünf Morde beging und Öffentlichkeit, Medien und Polizei mit verschlüsselten Briefen in Atem hielt. Drei Männer versuchten über Jahre bis zur Selbstaufgabe den Täter zu fassen: der zynische San Francisco Chronicle-Reporter Paul Avery (Robert Downey Jr.), Inspektor David Toschi (Mark Ruffalo) und Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal), der damals als politischer Karikaturist beim Chronicle arbeitete und für den die Aufklärung des Falles zum Lebensinhalt werden sollte. Er war es, der nach der offiziellen Schließung des Falles unermüdlich auf eigene Faust weiter recherchierte. Und jene zwei Bestseller schrieb, die die Vorlage bildeten für den wohl atypischsten Fincher-Film. Er verzichtet weitgehend auf seine aufregenden visuellen Experimente, die ihm den Ruf eines der innovativsten Regisseure Hollywoods einbrachten. Stattdessen präsentiert er mit "Zodiac" einen schlichten, dialogmächtigen Doku-Thriller, der trotz seiner Dialog-Mächtigkeit keine Sekunde langweilt.

In Cannes gibt es noch was zu entdecken

Von bestechender Einfachheit ist gleichfalls das Teenager-Psychogramm "Naissance des pieuvres" ("Wasserlilien"), mit dem die Debütantin Celine Sciamma in der Sektion Un Certain Regard auftrumpft. Sie schildert darin das sexuelle Erwachen von Marie, Anne und Floriane, Mädchen, wie sie wohl jeder an seiner Schule gekannt hat. Die eine ist Kapitänin der Synchronschwimm-Mannschaft und wenig beliebter Jungensschwarm, die von der schüchternen zweiten angehimmelt wird, die Dritte der liebenswürdige, wenig attraktive Moppel. Ein kleiner schöner Film, gefühlvoll, klar, ohne Sentimentalitäten in 85 Minuten erzählt. Geht doch.

Stimmt also nicht immer, dass man in Cannes nichts entdecken kann. Und damit sind keine US-Witzbolde in albernen Insektenklamotten gemeint.


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