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Interview

Saudisch-israelische Annäherung: "Israel spielt als Feind keine Rolle mehr, sondern wird zum Verbündeten"

Von den jungen Saudis wird Kronprinz Mohammed bin Salman gefeiert. Nach außen gibt er sich hart gegenüber dem Iran und freundlich gegenüber Israel. Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons über den rätselhaften Wüstenstaat.

donald trump - mohammed bin salman

Waffendeals, über die sich beide Seiten freuen: Donald Trump mit Kronprinz Mohammed bin Salman Ende März im Weißen Haus

DPA

Herr Sons, der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman gesteht den Israelis ihren eigenen Staat zu. Wie außergewöhnlich ist diese Aussage?

Eigentlich nicht besonders. Außergewöhnlich ist lediglich die Klarheit. Bin Salman ist gerade auf USA-Reise und natürlich weiß er, dass sich sein Image und das seines Landes bessert, wenn er positiv von Israel spricht.

Das Existenzrecht Israels ist für uns im Westen selbstverständlich, für viele Vertreter arabischer Staaten eher nicht.

In diesem Fall ist es der Höhepunkt einer Entwicklung, die auf saudischer Seite schon seit sehr vielen Jahren zu beobachten ist. 2002 wurde unter dem damaligen König Abdullah eine Nahost-Friedensinitiative ins Leben gerufen, die die Zwei-Staaten-Lösung zum Thema hatte und damit auch Existenzrecht Israels. Das, was der Kronprinz jetzt sagt, ist die Fortsetzung saudischer Politik.

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Den Führern der meisten arabischen Länder dient der Staat Israel als Feindbild, ihren Bevölkerungen aber sind Israel und seine Bürger meist egal. Gilt das auch für Saudi-Arabien?

Ja. Israel spielt auch bei den Saudis keine große Rolle mehr. Der Hass auf das Land wird zwar gerne als Folklore benutzt und auch instrumentalisiert, aber momentan ist der Iran der große Feind - und den haben Saudis wie Israelis gemeinsam. Deshalb betrachtet die Herrscher in Riad Israel als Verbündeten.

Ist denn der Iran tatsächlich das "ultimative Böse", wie er oft dargestellt wird?

In Saudi-Arabien jedenfalls wird das Land so gesehen. Das hat zum Teil schon paranoide Züge. Mohammed bin Salman zum Beispiel nennt den Ayatollah Chamenei, Irans obersten Führer, den "Adolf Hitler des Nahen Ostens". Damit trifft er den Nerv seiner Landsleute.

Sebastian Sons

Sebastian Sons ist Islamwissenschaftler und beschäftigt sich bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin vor allem mit Saudi-Arabien.

Aber zu Unrecht?

Grundsätzlich destabilisieren beide Parteien die Region. Beide Seiten haben kein Interesse daran, sich einander anzunähern und beide ziehen innenpolitisch Profit daraus, den anderen schlecht zu machen. Aber: Der Iran hat zuletzt seinen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einfluss in der arabischen Welt drastisch ausgeweitet. Wie im Jemen. Und das ist für die Saudis ein Problem. Denn sie sehen das Land als ihren Hinterhof, den sie sauber halten wollen. Und wenn sich der Erzrivale dort breit macht, dann fühlen sie sich eben aufgefordert, darauf zu reagieren.

Welche Rolle spielen die USA?

Die Vereinigten Staaten sind für den Kronprinz ungemein wichtig. In jeder seiner Entscheidungen schwingt mit, dass er die Unterstützung von Donald Trump haben möchte. Man darf nicht vergessen, dass das Verhältnis zu den USA unter Barack Obama katastrophal schlecht war. Vor allem wegen des Nukleardeals mit dem Iran. Doch Trump ergreift sehr deutlich Partei für die Saudis, was die als historische Chance betrachten. Deswegen verkauft sich Bin Salman als aufgeklärter Reformer, der das Land gesellschaftlich öffnet, aber gleichzeitig ein Hardliner gegenüber dem Iran ist.

Trumps Schwiegersohn Jared Kushner soll einen Friedensplan für den Nahen Osten entwickeln. Sind die Äußerungen von Mohammed bin Salman die ersten Vorboten eines neuen Friedensprozesses?

Kushner und Bin Salman verbindet ein sehr gutes persönliches Verhältnis. Beide sind ähnlich alt, beide vertreten ähnliche Positionen. Die Wiederannäherung Saudi-Arabiens an die USA und die ausgestreckte Hand in Richtung Israel hat sicher auch etwas damit zu tun, dass sich die beiden gut leiden können.

In den vergangenen Monaten hat Mohammed bin Salman Schlagzeilen mit zahlreichen Reformen gemacht, die wie Kulturrevolutionen wirken: Kinos werden wieder erlaubt, Frauen dürfen Autofahren und Fußballspiele anschauen. Rennt der Kronprinz damit offene Türen ein oder wird er auf Widerstände stoßen?

Die jungen Leute in Saudi-Arabien feiern Bin Salman für seine Reformen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die sich diese Dinge nicht getraut haben, versteht er die Zeichen der Zeit. Hinter der Öffnung steht die Erkenntnis, dass der Ölreichtum langsam aber sicher versiegen wird und die Wirtschaft modernisiert und liberalisiert werden muss. Damit geht auch eine gewisse gesellschaftliche Öffnung einher. Ohne Frauen, ohne ausländische Investoren, ohne neue Wirtschaftszweige wie den Tourismus wird er keine Arbeitsplätze schaffen können. Aber: Wenn ihm das nicht gelingt, wird auch die junge Bevölkerungen unruhig werden.

Bleibt bei solchen tiefgreifenden Änderungen der Widerstand nicht aus?

 Auffällig ist, dass von Seiten des orthodoxen Klerus kaum Gegenwind kommt. Die gesellschaftliche Öffnung trifft eben auf sehr breiten Konsens. Als Mann macht man sich mittlerweile lächerlich, wenn man gegen mehr Rechte für Frauen eintritt. Viele junge Menschen haben im Ausland studiert, sind kosmopolitisch und wollen Veränderung. Aber Bin Salman muss auch liefern. Wenn er das nicht tut, können ihm seine Reformen schnell auf die Füße fallen. Zudem hat er sehr klare Grenzen gezogen: Der Islam darf nicht kritisiert werden. Maßnahmen für die nationale Sicherheit sind tabu, ebenso die politische Autorität. Wir sehen also eine schrittweise gesellschaftliche Öffnung aber keine politische Liberalisierung.

Dann ist Mohammed bin Salmans Satz: "Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist" also mehr PR als Programm?

Hierbei sehe ich drei Aspekte: Bin Salman will in eine Zeit von vor 1979 zurück. Also in eine Zeit vor der islamischen Revolution im Iran, die er offenbar als Auslöser für die Radikalisierung der islamischen Welt betrachtet. Dadurch gibt er dem Iran die Hauptschuld am Extremismus in der arabisch-islamischen Welt.

Die zweite Dimension ist in der Tat PR. Der Kronprinz präsentiert sich als derjenige, der den verknöcherten Wüstenstaat in die Moderne führt.

Drittens: Selbstkritik. Auch in Saudi-Arabien gibt es Menschen, die darüber nachdenken, wie man die konservative Sichtweise auf den Islam modernisieren kann. Da trifft der Kronprinz schon einen Ton, auch wenn er ihn noch nicht mit Inhalt füllt. Denn die nötige Diskussion darüber, was denn ein moderater Islam im saudischen Kontext ist, die hat er noch nicht angestoßen.

Glauben sie, dass er Erfolg haben wird?

Für die Menschen, die dort Leben, wünsche ich mir, dass sein innenpolitischer Kurs erfolgreich sein wird. Außenpolitisch jedoch droht er mit seinem Konfrontationskurs zu scheitern. Auf Dauer wird der ihm mehr Feinde machen als Freunde. Bin Salman könnte die nächsten 50 Jahre regieren, er muss also langfristig planen und da hoffe ich, dass er zur traditionellen saudi-arabischen Politik des Ausgleichs zurückkehren wird.

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