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Mohammed bin Salman: Traumprinz oder Tyrann? Das steckt hinter dem Reformeifer des saudischen Shootingstars

Reformeifer auf der einen Seite, Machterhalt - ohne Rücksicht auf Verluste - auf der anderen Seite: Kronprinz Mohammed bin Salman wird gefeiert und gefürchtet. Wer ist Saudi-Arabiens starker Mann?

Was treibt Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman an?

Was treibt Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman an?

AFP

Ein Hardliner, aber mit Herz. Ein Traumprinz. Ein Tyrann. Wer oder was ist Mohammed bin Salman denn nun? Nach seiner vermeintlich epochemachenden Äußerung im US-Magazin "The Atlantic", dass "die Israelis ein Recht auf ihr eigenes Land haben", versucht die westliche Welt den 32-Jährigen (in Worte) zu fassen. Das Statement des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman schlug im Öl- und Wüstenstaat, aber auch im Ausland hohe Wellen. Immerhin: Noch nie zuvor hatte ein derart hoher Vertreter des konservativsten Landes der Welt sich auf diese Weise geäußert.

Einerseits scheint er also den Aufbruch zu verkörpern. Andererseits: Saudi-Arabiens starker Mann duldet keinen Widerspruch. Gegen Kritiker der Monarchie und der verbreiteten Praxis der Todesstrafe greift das Königshaus unterdessen weiterhin mit aller Härte durch. Und bei allem Lob für den Reformeifer des Kronprinzen: Der Blogger Raif Badawi sitzt immer noch in einem Gefängnis am Stadtrand von Dschidda – verurteilt zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben wegen "Beleidigung des Islam".

Ist MBS, wie Mohammed bin Salman gern genannt wird, ein liberaler Brutalo? Ein Modernisierer mit eiserner Hand?

"Momentan ist der Iran der große Feind"

Es scheint, als sei MBS ein Mann der Widersprüche. Auf der einen Seite stößt er eine Reihe gesellschaftlicher Reformen an, die das Land tiefgreifend verändern werden. Frauen sollen Autofahren dürfen, die Schleierpflicht soll fallen, erstmals seit 35 Jahren sollen wieder Kinos öffnen dürfen.

Auf der anderen Seite führt Saudi-Arabien seit März 2015 an der Spitze einer arabischen Militärkoalition - mit modernen Rüstungsgütern auch aus Deutschland - Krieg im Jemen, um die dortigen schiitischen Huthi-Rebellen auszuschalten. Bei Riads Versuch, eine proiranische Regierung in seinem Hinterhof zu verhindern, wurden nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef bereits mehr als 5000 Kinder getötet oder schwer verletzt. Tausende Schulen und Gesundheitszentren wurden beschädigt oder vollständig zerstört.

Dabei verfolgt MBS einen Plan, zu dem auch das Existenzrecht Israels gehört: Er will die Deutungshoheit im Nahen Osten behalten. Der Schulterschluss mit Israel ist dabei der Höhepunkt einer Entwicklung, die in Saudi-Arabien schon seit Jahren zu beobachten ist. 2002 wurde unter dem damaligen König Abdullah eine Nahost-Friedensinitiative ins Leben gerufen, die die Zwei-Staaten-Lösung zum Thema hatte und damit auch Existenzrecht Israels. "Das, was der Kronprinz jetzt sagt, ist die Fortsetzung saudischer Politik", sagt der Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons dem stern. Das Kalkül: "Der Hass auf das Land (Israel, Anm. d. Red.) wird zwar gerne als Folklore benutzt und auch instrumentalisiert, aber momentan ist der Iran der große Feind - und den haben Saudis wie Israelis gemeinsam. Deshalb betrachten die Herrscher in Riad Israel als Verbündeten."

Wenn Israel und Saudi-Arabien also eines eint, ist es momentan der gemeinsame Feind: Iran. Ein Bündnis, das obendrein von der US-Regierung unterstützt wird. Donald Trump will das Iran-Abkommen platzen lassen, mit Außenminister Mike Pompeo und dem Nationalen Sicherheitsberater John Bolton gehören zwei ausgewiesene Iran-Gegner zum engsten Machtzirkel des US-Präsidenten. "Die Vereinigten Staaten sind für den Kronprinzen ungemein wichtig", sagt Experte Sebastian Sons dem stern. "In jeder seiner Entscheidungen schwingt mit, dass er die Unterstützung von Donald Trump haben möchte. Man darf nicht vergessen, dass das Verhältnis zu den USA unter Barack Obama katastrophal schlecht war. Vor allem wegen des Nukleardeals mit dem Iran."

Saudi-Arabien im Wandel der Zeit

Aber was hat der Reformeifer von MBS damit zu tun? "Trump ergreift sehr deutlich Partei für die Saudis, was die als historische Chance betrachten", so Sons weiter. "Deswegen verkauft sich Bin Salman als aufgeklärter Reformer, der das Land gesellschaftlich öffnet, aber gleichzeitig ein Hardliner gegenüber dem Iran ist." Und so fährt MBS gegen den schiitischen Erzfeind Iran außenpolitisch einen harten Kurs, der große Risiken für die Region birgt. In seinem jüngsten in den USA geführten Interview beschuldigte der Kronprinz Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei, aggressiver zu sein als Adolf Hitler. Letzterer habe "Europa erobern" wollen, der Ayatollah habe es "auf die Welt" abgesehen. Sollte der Iran eine Atombombe entwickeln, werde Saudi-Arabien umgehend nachziehen, drohte der Thronfolger in einem anderen Fernsehinterview.

Aber MBS weiß auch, dass der Ölreichtum langsam versiegen wird und die Wirtschaft modernisiert und liberalisiert werden muss. Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, die ohne Frauen oder ausländische Investoren oder neue Wirtschaftszweige kaum zu schaffen sind. Er will das Land für das 21. Jahrhundert fit machen. Grundlage dafür ist die "Vision 2030", die eine Abkehr der Wirtschaft vom Erdöl vorsieht.

Vor diesem Hintergrund sind die Äußerungen von MBS nicht mehr ganz so besonders. "Außergewöhnlich ist lediglich die Klarheit", findet Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons. Bin Salman ist zurzeit auf USA-Reise und natürlich weiß er, dass sich sein Image und das seines Landes bessert, wenn er über Israel spricht. Mohammed bin Salman mag ein Modernisierer mit eiserner Hand sein. Aber er macht auch gute PR für sein Land.

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fs/feh/Mit Material der AFP