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Interview

Unterdrückung in Saudi-Arabien: Kholoud Bariedah: "Einer schlug und drei schauten zu.“

Kholoud Bariedah hat die Unterdrückung in ihrer Heimat am eigenen Leibe erfahren. Sie erhielt 600 Stockhiebe und Gefängnis für einen Partybesuch. Jetzt kämpft sie aus dem Exil für mehr Frauenrechte.

Kholoud Bariedah: "Während der Prügel durfte ich nicht schreien!“

Kholoud Bariedah, 32, lebt heute in Berlin

Frau Bariedah, Sie haben den gesamten Koran auswendig gelernt, 600 Seiten. Allerdings nicht freiwillig. Dadurch wurde eine gegen Sie verhängte Haftstrafe von vier Jahren und 2000 Stockhieben auf weniger als die Hälfte reduziert. Warum saßen Sie in Saudi-Arabien im Gefängnis?

Ich habe vor zwölf Jahren in Dschidda eine Party besucht, auf der junge Männer und Frauen gemeinsam gefeiert haben. Das war mein sogenanntes Verbrechen. Die Religionspolizei stürmte die Party und hat alle verhaftet.

War Ihnen in dem Moment klar, dass Sie etwas Verbotenes taten?

Ja, das war mir bewusst, aber ich wollte es einfach nicht einsehen, dass man so etwas Harmloses und Selbstverständliches verbietet. Ich konnte das nicht akzeptieren und meine Freunde auch nicht.

Gab es viele solcher gemischtgeschlechtlichen Partys?

Ja. Saudi-Arabien war damals ein sehr widersprüchliches Land. Das ist es noch heute. In den ausländischen Botschaften und Konsulaten wurde immer schon wild gefeiert, und die saudische Oberschicht um das Königshaus macht es genauso. Aber normale Leute sperrte man dafür ein. Vielleicht waren wir zu laut. Ich weiß bis heute nicht, wie die Religionspolizei auf uns kam. Aber dann stürmten sie herein. Ich dachte, das wären Terroristen. Leute mit wilden Bärten und fanatischen Augen.

Deshalb haben Sie sich auch gegen Ihre Verhaftung gewehrt.

Ich dachte, wir sollten entführt werden oder so etwas.

Wie alt waren Sie damals?

19 Jahre.

Wissen Sie, was mit den anderen passiert ist, die verhaftet wurden?

Nein. Wir wurden in verschiedene Gefängnisse gebracht.

Vater, Bruder, Ehemann: Jede Frau in Saudi-Arabien braucht die Erlaubnis eines männlichen Vormunds, um das Haus zu verlassen

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Das Urteil gegen Sie war extrem hart. Es hätte zwischen der Verhaftung und dem Prozess allerdings die Möglichkeit gegeben, das Land zu verlassen. Warum haben Sie das nicht getan?

Ich wollte nicht weg aus Dschidda. Das war und ist meine Heimat. Ich wusste, dass eine Rückkehr dann praktisch unmöglich gewesen wäre. Außerdem hatte ich nie mit einer so hohen Strafe gerechnet. Ich dachte, ich bekomme ein halbes oder maximal ein Jahr. Das Strafmaß war dann ein totaler Schock für mich.

Wie erklären Sie sich die auch für damalige Verhältnisse hohe Strafe?

Zum einen, weil ich mich gegen die Verhaftung gewehrt habe. Zum anderen, weil ich mich gegenüber dem geistlichen Richter nicht reumütig zeigte. Ich habe mich nicht entschuldigt. Ich war zu stolz. Das hat ihn wütend gemacht. Er wollte mich mit diesem Urteil brechen.

Sie wurden ins "Mädchenheim der heiligen Stadt Mekka" eingewiesen, eine Art Umerziehungsanstalt, und kamen zunächst in Einzelhaft. Was haben Sie gefühlt?

Ich war verzweifelt. Ich dachte, dass nur politische Gefangene in Einzelhaft kommen. Ich verstand es nicht. Ich weigerte mich zu essen, aber niemand sprach mit mir oder erklärte mir etwas. Es war der Albtraum. Ich dachte zunächst, ich müsse vier Jahre in Einzelhaft bleiben. Aber dann wurde ich glücklicherweise nach ein paar Tagen mit anderen Mädchen zusammengelegt.

Wie haben Sie die Prügelstrafe empfunden?

Es ist die totale Erniedrigung. Es geht dabei nur um Demütigung. Man wird beleidigt, herabgesetzt. Natürlich tut es auch körperlich weh. Aber die seelischen Schmerzen sind weitaus schlimmer. Als ich es das erste Mal über mich ergehen lassen musste, kroch eine ungeheure Wut in mir hoch. Nach den Stockhieben war meine Seele wie ein gefesseltes und gebrochenes Wesen. Einer schlug – und drei andere alte Männer mit Bärten schauten zu. Während der Prügel durfte ich nicht schreien, sonst hätten sie von vorn angefangen.

Das Tragen eines Schleiers, auch in der Schule, ist Pflicht

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Wie haben Sie das ausgehalten?

Ich habe den Thronvers aus dem Koran rezitiert: "Gott, außer ihm kein Gott! Er, der Lebendige, Beständige, Ihn fasset weder Schlaf noch Schlummer, Sein ist, was da im Himmel ist und was auf Erden." Es war eine Art Schutz für mich. Jeden zweiten Freitag war Prügeltag, immer 50 Schläge, 600 insgesamt. Als ich den Koran auswendig kannte, haben sie damit aufgehört.

Sie beschreiben in Ihrem Buch "Keine Tränen für Allah" den Alltag im Gefängnis als monoton, den Umgang einiger Wärterinnen mit Ihnen als sehr schlimm, ihre "Sozialarbeiterin" als ungerecht – ein Martyrium. Was war das Härteste?

Das totale Ausgeliefertsein. Der Verlust aller Rechte und jeder Würde. Die Gewalt. Dabei ging es mir im Vergleich zu anderen Mädchen noch relativ gut. Andere waren dort viele Jahre eingesperrt, ohne Aussicht, jemals wieder nach Hause zu kommen. Sie wurden einfach von ihrem männlichen Vormund nicht abgeholt. Und solange das nicht passierte, würden sie einfach weiter in Haft bleiben. Womöglich Jahrzehnte. Eine hat während meiner Haftzeit sogar versucht, sich umzubringen. Das ist die Hölle!

Sie bleiben in Haft, weil sie nicht von ihren Familien abgeholt wurden?

Genau. Der männliche Vormund ist in Saudi-Arabien entscheidend. Das ist das, wogegen ich als Aktivistin am allermeisten kämpfe: die männliche Vormundschaft für jede Frau in meiner Heimat. Es ist ein Relikt aus dem Mittelalter. Wir studieren, wir arbeiten, wir dürfen jetzt sogar Auto fahren und ins Fußballstadion. Aber jede saudische Frau hat noch einen männlichen Vormund, der für sie bestimmen kann. Wir werden wie Kinder behandelt. Nicht jeder tut das. Es gibt gute Männer, die ein partnerschaftliches Verhältnis wollen. Aber der Willkür sind Tür und Tor geöffnet. Die Frau gehört praktisch dem Mann.

Was waren die "Verbrechen" der anderen Mädchen?

Alleinsein mit dem anderen Geschlecht. Trinken von Alkohol. Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe. Wir waren ja kein klassisches Gefängnis, sondern eine Art Besserungsanstalt. Aber schlimmer als bei uns konnte es im Gefängnis auch nicht sein.

Mittlerweile dürfen saudische Frauen ins Fußballstadion, allein Auto fahren, in die Uni oder ins Krankenhaus gehen. Die Reformen gehen vielen Aktivistinnen jedoch nicht weit genug

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Wie veränderten Sie sich während der Haft?

Ich begann, mich schuldig zu fühlen, weil ich meine Familie unglücklich gemacht hatte. Ich fragte mich, wie ich bloß in diese Lage gekommen war und ob ich vielleicht nicht genug gebetet hatte.

Hatten Sie während der Haft Kontakt zu Ihrer Familie?

Ja, mein Vater und meine Mutter haben mich besucht, wenn das gestattet wurde. Es hat uns das Herz gebrochen, den anderen leiden zu sehen.

Waren sie Ihnen böse?

Überhaupt nicht. Sie waren nur unfassbar traurig, ihre Tochter so zu sehen, in diesem schrecklichen Gebäude.

Wann kam Ihnen das erste Mal der Gedanke, den Koran auswendig zu lernen?

Das war direkt nach der Urteilsverkündung, schon im Auto auf dem Weg nach Mekka. Da sagte mir ein Polizist: "Lies viel im Koran und lerne. Dann kannst du deine Strafe verkürzen." Nach fünf oder sechs Tagen in Einzelhaft sagte ich mir: "Das ist jetzt mein Ziel. Das mache ich. Ich muss hier raus."

Die Leistung war enorm. Wie haben Sie es geschafft?

Ich weiß es selbst nicht genau. Ich war nie besonders fleißig beim Koranlesen. Und die Koranlehrerin der Besserungsanstalt sagte mir, dass ich die Texte noch nicht mal richtig ausspreche. Das Arabisch im Koran ist schwierig, die Wörter sind kompliziert. Aber ich gab nicht auf. Ich las, ich lernte und rezitierte. Ich setzte all meine Energie ein.

Haben Sie mal gezweifelt, dass Sie es überhaupt schaffen können?

Nein, nie. Ich habe einen starken Willen. Ich wollte es. Und ich schaffte es. Irgendwann ging ich wieder zur Koranlehrerin, und sie war total erstaunt, welche Fortschritte ich machte.

Sie hatten sich also dazu entschlossen, exakt jenes Buch auswendig zu lernen, auf das sich die Willkürherrschaft in Ihrer Heimat berief. Sie selbst sprechen in Ihrem Buch von einer "unerbittlichen religiösen Macht, die keine Menschlichkeit kennt".

Es klingt paradox, ja. Aber erst einmal muss man den Koran als Buch und dessen rigide und einseitige Auslegung in Saudi-Arabien grundsätzlich voneinander trennen. Man findet im Koran Unrechtmäßiges, aber auch Versöhnendes und sehr Menschliches. Es klingt sonderbar, aber ich fand beim Lesen und Lernen tatsächlich zu einer neuen Form von Spiritualität. Der Koran gab mir in dieser feindseligen Umgebung Halt und Trost.

Sie wurden dann nach und nach zu einer gottesfürchtigen jungen Frau, wenn man so will: zu einer Dienerin Allahs. Warum?

Ich war auch schon vor meiner Haft eine gläubige Muslimin. Aber ich akzeptierte die Situation der Frauen in unserem Land nicht. Und ich tue es heute erst recht nicht. Ihre Unterdrückung. Die Gesetze. Jetzt war ich selbst zum Opfer dieser Verhältnisse geworden. Den Koran auswendig zu lernen war eine Chance, früher aus dem Gefängnis zu kommen. Also tauchte ich in ihn ein. Irgendwann gab er mir Trost und Halt. Ich habe sozusagen einen Deal mit Allah gemacht: Ich nähere mich dir, du hilfst mir.

Am Ende haben Sie sogar Ihre Peiniger in Ihre Gebete eingeschlossen, den Richter inklusive.

Das stimmt. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich, dass der Richter mir eine Chance gegeben hat, Allah näher zu sein. Ein blinder Glaube erfasste mich. Ich erkannte mich kaum wieder. Es war, als ob jemand die Kholoud von früher umgebracht hätte.

Wenn der Koran Ihnen nicht Kraft gegeben hätte, die Zeit im Gefängnis durchzustehen, hätten Sie ihn wahrscheinlich gar nicht auswendig lernen können.

Es war eine regelrechte Flucht. Es ging sogar so weit, dass ich die Fastenzeiten des Ramadans genoss, um mich in das Koranstudium zu stürzen. Früher hatte ich immer nur darauf gewartet, abends endlich etwas essen zu können.

Als Sie dann das gesamte Werk schließlich im Kopf hatten – wie wurden Sie geprüft?

Es gab mehrere Sitzungen vor einer Prüfungskommission. Dort wurden die Suren angelesen, und ich musste sie vervollständigen.

Danach wurden Sie völlig anders behandelt und waren stolz auf sich. Hatten Sie vergessen, welche Hölle Sie durchgemacht hatten?

Ich kann da nur schwer drauf antworten. Ja, es war die Hölle. Aber es gibt so viele Höllen in der Welt. Ich bin nur ein Einzelschicksal. Ich habe es hinter mir. Andere leiden immer noch. Heute sehe ich die Zeit von damals mit anderen Augen. Es war eine Erfahrung – eine Strafe und eine Chance. Ich bin dadurch eine andere Kholoud geworden.

Sie sind nach anderthalb Jahren aus der Haft entlassen worden und nach Dschidda zurückgekehrt. Immer noch als "Dienerin Allahs"?

Ja, aber in der Freiheit änderte sich mein Leben schnell. Die Realität holte mich wieder ein. Die verschüttete Kholoud kehrte zurück. Ich wollte nicht auf Dinge verzichten, auf die ich auch als Frau ein Recht habe. Ich hatte anfangs noch das Gefühl, dass ich schuldig war, meine Familie beschämt zu haben, dann aber sah ich die Ungerechtigkeiten.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie gesagt haben: Der Islam ist nichts mehr für mich?

Es war im Ramadan. Ich habe gefastet. Und nach dem Fasten habe ich eine Gewohnheit: Nach dem Gebet lese ich einen Teil im Koran, den ich willkürlich aufklappe. Ich habe also das Buch geöffnet und Verse gesehen, die mir mit einem Mal so vollkommen sinnlos vorkamen. Sinnlos für mich und mein Leben. Ich habe dann das Buch zugeklappt und in den Himmel geschaut und zu Gott gesprochen: Wenn du existierst, dann führe mich auf den richtigen Weg – denn ich glaube nicht mehr an dieses Buch. Als ich das meinen Freunden erzählte, waren sie schockiert. Ich wollte es aber nicht verheimlichen. Im Gegenteil.

Gucken Sie heute nicht mehr in den Koran?

Doch. Ich liebe den Koran ja. Er ist ein besonderes Buch. Aber es ist nicht heilig! Und es ist natürlich nicht von Allah geschrieben worden, wie immer behauptet wird. Ich kann mein Leben nicht nach diesem Buch ausrichten.

Sie haben Ihr Land endgültig 2014 verlassen. Zwischen der Haftentlassung und diesem Schritt liegen etliche Jahre. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich habe versucht, zu mir zu finden, bin viel gereist. Dann schloss ich mich Aktivisten an, die wirkliche Reformen in unserem Land wollen. Und irgendwann hatte ich dann das Bedürfnis, meinen Bruch mit dem Islam öffentlich zu machen. Ich wollte, dass es die Welt weiß. Und deshalb habe ich es auf Youtube erklärt. Das ist der Grund, weshalb ich nie mehr in mein Land zurückkehren kann. Der Abfall vom Glauben ist dort ein todeswürdiges Verbrechen.

Fühlen Sie sich hier in Deutschland im Exil?

Ja.

Würden Sie gern nach Saudi-Arabien zurückkehren, wenn es möglich wäre?

Natürlich. Ich habe viel zurückgelassen. Meine Familie, Freunde, Kultur. Und Mekka. Ich liebe Mekka, die Kaaba ist ein besonderer Ort für mich. Noch heute spüre ich die Kraft, die von diesem Ort ausgeht. Aber seit ich mich vom Islam abgewendet habe, ist das nicht mehr möglich. Es sei denn, es kommt zu einer Wende durch die zukünftige Regierung. Ich habe alles riskiert, um mein Ziel zu erreichen, und ich hoffe, dass wir diesem Ziel durch die Veröffentlichung meines Buchs ein wenig näher kommen.

Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie in Deutschland eine verschleierte Frau sehen?

Ich glaube, jedem steht frei, wie er sein Leben gestaltet, ich empfinde es aber als unangenehm, wenn ich Frauen mit Burka sehe, egal, wo ich bin. Was das Kopftuch betrifft, gibt es keinen religiösen Grund, es zu tragen. Ich habe das in meiner Heimatstadt Dschidda auch immer vermieden, wo es nur ging.

Unterdrückt der Islam Frauen?

Ja, sicher. Was denn sonst?

Sie haben es vorhin selbst erwähnt: In Ihrer Heimat tut sich was. Der Einfluss der religiösen Eiferer wird geringer. Reformen werden auf den Weg gebracht. Frauen dürfen immer mehr. Gibt Ihnen das nicht Anlass zu vorsichtigem Optimismus?

Das sind erste Schritte, ja. Der vom König favorisierte Kronprinz Mohammed bin Salman hat auch keine Alternative. Er muss Reformen zulassen. Es gärt im Lande. Aber diese ersten Schritte sind nur kleine. Sie sagten gerade: "Frauen dürfen immer mehr." Das klingt wie "Kinder dürfen länger aufbleiben". Wir brauchen gleiche Rechte für Frauen und Männer. Kleine Dinge, eigentlich Selbstverständlichkeiten, reichen nicht. Die männliche Vormundschaft muss endlich weg.

Haben Sie Angst vor Vergeltung?

Nein, ich habe keine Angst, ich wusste von Anfang an, dass ich für mein Ziel mein Leben riskiere, und ich bereue es nicht. Ich lebe jetzt in einem freien Land. Ich will in Berlin bleiben. Ich habe mich an die Stadt gewöhnt. Berlin hat Magie.