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US-Kugelstoßerin zeigte X-Geste Mutter von Protest-Athletin stirbt – und IOC verzichtet vorerst auf Sanktionen

Raven Saunders aus USA mit mit ihrer Silbermedaille und verschränkten Armen während der Siegerehrung
Raven Saunders aus USA mit mit ihrer Silbermedaille und verschränkten Armen während der Siegerehrung
© Francisco Seco / DPA
Die Mutter von US-Kugelstoßerin Raven Saunders, die mit einer Protestgeste während der Medaillenvergabe in Tokio auf sich aufmerksam gemacht hatte, ist gestorben. Das IOC setzte deswegen das Verfahren gegen die 25-Jährige vorerst aus. 

Die Mutter von US-Kugelstoßerin Raven Saunders, die in Tokio die Silbermedaille gewonnen hat, ist gestorben. Das teilte die Athletin in der Nacht zu Mittwoch in den sozialen Medien mit. "Meine Mama war eine große Frau, und durch mich wird sie für immer leben", schrieb sie auf Twitter. Auf Instagram fand sie ebenfalls Worte: "Mein Herz und meine Seele schreien auf". Dazu postete sie ein kurzes Video ihrer Mutter Clarissa. Sie sei nun an einem schönen Ort. "Ich werde deine Liebe, dein Lachen, deine Umarmungen, deinen Rat, deine Lustigkeit, deine plötzlichen Tänze vermissen."

Die Athletin kündigte gleichzeitig an, sich für eine Weile aus den sozialen Medien zurückzuziehen, um sich "um ihre Psyche und ihre Familie" zu kümmern.

Verfahren gegen Saunders wird ausgesetzt

Die Kugelstoßerin aus Mississippi hatte am Wochenende die Silbermedaille in Tokio gewonnen und während der Siegerehrung mit ihren Armen ein X über ihrem Kopf geformt - es sollte ein Zeichen gegen "Unterdrückung" sein, wie sie danach bekanntgab. Daraufhin nahm das Internationale Olympische Komitee Ermittlungen gegen Saunders auf, weil politische Gesten während des Wettkampfes und der Siegerehrung verboten sind. Nach dem Tod der Mutter kündigte IOC-Sprecher Mark Adams an, das Verfahren zunächst auszusetzen, und sprach Saunders und der Familie sein Beileid aus.

Saunders ist eine außergewöhnliche Athletin, die sich politisch engagiert und offen mit ihren psychischen Problemen umgeht. Ihren Spitznamen "Hulk" trägt sie seit Kindertagen, als Athletin hat sie ihn zu ihrem Markenzeichen gemacht. Deshalb färbte sie sich für Olympia die Haare grün und trug eine Hulk-Maske. Der Name passt auch deswegen, weil sich Saunders im Ring oft lautstark selbst motiviert.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Aufmerksamkeit hat Saunders nicht nur mit ihrer Geste auf sich gezogen, sondern auch, als die 25-Jährige Anfang 2020 ihre schwere psychische Erkrankung öffentlich gemachte. Sie postete damals das Foto eines Armbandes einer psychiatrischen Klinik, in der sie sich lange behandeln ließ. In einem Interview kurz vor den Olympischen Spielen berichtete sie von einem Suizidversuch, der vor drei Jahren der akute Anlass war, sich in Behandlung zu geben. "Ja, ich war bereit, mir das Leben zu nehmen", sagte sie über den schlimmsten Moment ihres Lebens.

Eine SMS rettete ihr Leben

Doch eine SMS an ihre frühere Therapeutin habe sie vor dem letzten Schritt bewahrt. (...) Ich schrieb ihr buchstäblich eine SMS, weil ich glaubte, dass sie die einzige ist, die mich versteht. (...) Aber – danke, danke – sie hat geantwortet." Danach ließ sich Saunders in die Klinik einweisen. Die Diagnose lautete: Depressionen, Angstzustände und posttraumatische Stresssymptome. Sie überwand ihre Probleme mit Hilfe ihrer Familie und der Ärzte. 

Als ein Grund für ihre Probleme gibt sie an, dass für sie als schwarze und lesbische Frau im Süden der USA eine "Menge Stigmata" existierten "und solche Dinge, die mit bestimmten Dingen zu tun hatten". Die Leichtathletik sei zwar immer ein Ventil gewesen, aber am Ende reichte das nicht aus. 2016 nahm Saunders an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil und wurde Fünfte. Zwei Jahre später kam der Zusammenbruch. Dass sie über ihren Suizidversuch freimütig redet, hat einen Grund. Sie will eine Botschaft senden: "Ich wollte diejenige sein, die etwas sagt, um möglicherweise jemanden davon abzuhalten, diesen Weg zu gehen. Oder jemanden wissen zu lassen: 'Hey, du bist nicht allein'," sagt Saunders. "Mein Ziel ist es einfach, so viele Leben wie möglich zu retten."

Quellen: DPA, "sportschau.de", "ActionNews5", NBC


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