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Carlos, der Schakal: Interview mit einem Massenmörder

Er hält Bin Laden für einen "ehrbaren Mann" und mag Ceausescu: Der inhaftierte Top-Terrorist Carlos sprach mit dem stern über Massenmord, sein Gewissen und "große Revolutionäre".

Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, der Schakal, war bis zu seiner Festnahme 1994 der meist gesuchte Terrorist der Welt. Mehr als 20 Jahre zog er mordend und bombenlegend durch die Welt - im Auftrag von palästinensischen Organisationen oder von Separatisten. Zur legendären Figur wurde der gebürtige Venezolaner durch die spektakuläre Opec-Geiselnahme in Wien 1975. Die Zahl seiner Todesopfer lässt sich nur erahnen. Bald kommt ein Film über ihn in die Kinos ("Carlos, der Schakal"). Mit dem stern sprach er darüber - und über seine Sicht auf die Welt.

Im Rückblick sieht Carlos, dessen Kommandos wohl deutlich mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet haben, selbst seinen größten Charakterfehler ausgerechnet in mangelnder Härte: "Aufgrund meiner Klassenzugehörigkeit war ich zu tolerant", sagte der venezolanische Anwaltssohn in dem Exklusivgespräch: "Wäre ich Proletarier gewesen, wäre ich im Kampf härter gewesen. Manchmal darf man nicht tolerant sein mit Dreckskerlen. Das ist alles. Das ist mein größter Fehler."

Der französische Regisseur Olivier Assayas hat ein Meisterwerk über das Leben des Top-Terroristen gedreht. Sein dokumentarischer Spielfilm "Carlos, der Schakal" war der meist gefeierte Film der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes. Nur einer teilt die Begeisterung nicht: der Porträtierte selbst. Carlos versuchte, aus dem Gefängnis heraus gerichtlich gegen den Film vorzugehen - vergebens.

Dem Regisseur hält er im stern-Interview mangelnde Faktentreue vor - wobei man seine Interpretation historischer Ereignisse nicht in den Geschichtsbüchern wiederfinden wird. So beschuldigt er den deutschen Terror-Aussteiger Hans-Joachim Klein, während der Opec-Geiselnahme im Jahr 1975 zwei Morde begangen zu haben, die gemeinhin der deutschen Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann zugeschrieben werden. 60 Menschen nahm das Kommando damals gefangen, darunter 15 Ölminister.

Freiheitskämpfer statt Massenmörder

Die außergewöhnliche Schauspielleistung seines Landsmannes und Namensvetters Edgar Ramírez, der Carlos im Film verkörpert, lässt den Terroristen unbeeindruckt: "Der Bursche wird noch Probleme bekommen", drohte der Top-Terrorist im stern sogar. "Er hat vulgäre Sachen gemacht. Das sieht man sehr ungern bei uns. Seinen Schwanz zu zeigen. Seinen nackten Arsch. Für nichts und wieder nichts. Nicht notwendig, so etwas."

Carlos selbst sieht sich nicht etwa als Terrorist oder Massenmörder, sondern als Freiheitskämpfer: "Wie Lenin. Wie Stalin. Wie Trotzki. Das sind professionelle Revolutionäre." Auch Osama Bin Laden schätzt er als "großen Revolutionär" und "ehrbaren Mann". Und den rumänischen Diktator Ceausescu "mochte ich gern. Guter Typ. War immer sehr korrekt mit uns."

Er bedauert nichts

Nicht einmal Carlos selbst kennt die genaue Anzahl seiner Opfer. "Das ist schwierig zu beurteilen im Kampf", sagte er dem stern. "Weniger als hundert Personen. Nicht mal hundert." Er bedauert keines seiner Kommandos. Die Zahl der unschuldigen Opfer erscheint ihm vernachlässigenswert: "Wenn man tötet, ist es normalerweise Mann gegen Mann. Da sind unschuldige Opfer eher selten. Gut, was dann unter meinem Kommando passierte, das ist eine andere Sache. Bei Operationen unter meinem Kommando gab es unschuldige Opfer. Ich habe sie nicht persönlich getötet. Ich habe sie im Gefängnis gezählt. Vielleicht nicht mal zehn Prozent unschuldige Opfer. Auf über 1500 Opfer. Das ist nicht besonders viel."

Seine Zukunft sieht Carlos in Venezuela. "Da sind wir schließlich an der Macht", sagte er und meinte damit "die Revolution". Doch obwohl Präsident Hugo Chavez den Terroristen für einen "revolutionären Kämpfer" hält, hat er es in knapp zwölf Jahren an der Staatsspitze nicht geschafft, Carlos zurück in seine Heimat zu holen. Verurteilt wurde dieser wegen der Ermordung zweier französischer Geheimagenten 1975. Lebenslange Haft, lautete das Urteil 1997. Für Carlos jedoch ist klar: "Ich bin illegal im Gefängnis."