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Interview mit Danny Boyle: "Wir haben die Sonne vergessen"

In seinem neuen Film "Sunshine" hat sich Danny Boyle eine bedrückende Science-Fiction-Vision vom Tod der Sonne inszeniert. Im stern.de-Interview erzählt der Regisseur von der Bedeutung der Sonne in früheren Gesellschaften - und verrät seinen Kindheitstraum.

In seinem klaustrophobischen Science-Fiction-Thriller "Sunshine" schickt der britische Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting") ein Team von Wissenschaftlern auf eine abenteuerliche Reise zur Sonne, die sie nicht nur physisch und psychisch an ihre Grenzen bringt, sondern auch einige philosophische Fragen aufwirft. Die Ausgangssituation ruft eine der menschlichen Urängste hervor: den Tod der Sonne. In 50 Jahren wird dieser Stern absterben - und damit wäre die Existenz sämtlichen Lebens ausgelöscht. Letzte Hoffnung ist eine achtköpfige Weltraumkommission, die eine Wiederbelebungsmaschine für die Sonne an Bord hat.

Doch es handelt sich nicht um die erste Rettungsexpedition: Vor vielen Jahren hatte es bereits ein ähnliches Projekt gegeben, deren Team erfolglos blieb und seither als verschollen gilt. Die neue Crew entdeckt auf ihrer Mission ihre Vorgänger und wagt eine folgenschwere Kurskorrektur. "Sunshine" besticht mit intensiven Bildern und geschickt eingebauten Verweisen auf filmische Vorläufer. Besonderes Augenmerk legt der Film auf wissenschaftliche Genauigkeit: Das ganze Projekt wurde von Forschern intensiv begleitet, die darauf achteten, dass die Geschichte nicht in freies Fabulieren abgleitet, sondern sich tatsächlich so abspielen könnte.

Beim Interviewtag in Berlin zeigt sich Danny Boyle bestens gelaunt und hoch zufrieden mit seinem neuen Film. Mit "Trainspotting" weltweit bekannt geworden, bekam seine Karriere in den folgenden Jahren aufgrund kommerziell weniger erfolgreichen Filmen einen leichten Dämpfer. Doch spätestens seit dem riesigen Erfolg des Endzeit-Horrorthrillers "28 Days later" ist der Regisseur wieder obenauf und sprüht voller Tatendrang. Auf der Pressekonferenz in Berlin kündigte Boyle überraschend an, eine Fortsetzung von "Trainspotting" drehen zu wollen. Mit den gleichen Schauspielern will er erzählen, was aus den Figuren geworden ist. Einstweilen gilt sein Interesse aber ganz "Sunshine".

Herr Boyle, in Ihrem neuen Film "Sunshine " produziert die Sonne nicht mehr genügend Wärme, um das Überleben der Erde zu gewährleisten. Haben Sie eine Ihrer Kindheits–Ängste verfilmt?

Interessante Frage. Der Film begann ursprünglich mit einer Rede über einen Jungen, dem seine Mutter eingebläut hat, niemals in die Sonne zu schauen. Und der Junge sagt: "Aber wie kannst du nicht dahin schauen, wenn jemand sagt: Seh' nicht dahin? Du musst gucken!" Ich denke, wir haben in einer bestimmten Weise die Sonne vergessen. Unsere Vorfahren haben sie verehrt. Früher wurde die Sonne in antiken Bildern als Gottheit dargestellt. Wenn sie in der Nacht verschwand, herrschte Angst, Einsamkeit und Verwundbarkeit. Wenn die Sonne wiederkehrte, wurde das gefeiert. Das ist uns irgendwann verloren gegangen. Unsere gegenwärtige Obsession mit der globalen Erwärmung bedeutet, dass wir die Sonne nicht länger ignorieren können. Schließlich ist sie der Grund, warum wir alle hier sind. Und ohne die Sonne wäre alles sehr, sehr schnell zu Ende. Es ging also mehr um diese Aspekte als um einen Kindheitstraum. Mein Kindheitsraum war immer, Lokführer zu werden.

"Sunshine" ist ein visuell überzeugender Science-Fiction-Film. Gab es Filme dieses Genres, die sie beeinflusst haben?

Ja, es gibt einige Standard-Filme, die das Genre dominieren. "2001" von Stanley Kubrick, Andrej Tarkowskis "Solaris" und Ridley Scotts erster "Alien"-Film.

Manche Kritiker haben Ihren Film mit "2001" verglichen. Schmeichelt Ihnen das, oder sagen Sie eher: Das ist ein Danny-Boyle-Film, kein Kubrick.

Es ist so ein wundervoller Film, dass man von so einem Vergleich nur geschmeichelt sein kann. Diese Filme haben den Standard gesetzt, den du erreichen musst. Wenn man ernst genommen werden will, muss man diesen Standard erreichen. Der Film trägt Elemente von "2001", es gibt eine Art von visuellem Erzählen am Ende des Films, die nicht sprachbasiert ist - das ist eine große Inspiration von "2001".

Sie haben gesagt, "Sunshine" sei für Sie ein optimistischer Film. Können Sie das erklären?

Ja, denn der Film hat ein gutes Ende. Es gibt zwar kein Happy End im Stil von Hollywood, wo sich alle in den Armen liegen. Das scheint mir aber angemessen. Wenn wir uns mit etwas einlassen, das viel mächtiger ist als wir selbst - wie die Sonne -, sind wir Nichts.

Ist das nicht eine Form von Hybris? Früher hat sich der Mensch lediglich in den Lauf der Natur auf der Erde eingemischt: Er hat den Regenwald abgeholzt, sich neue Nieren transplantieren lassen; man kann heute seine Nase neu machen lassen - in Ihrem Film reisen die Menschen dagegen ins All und verändern den Lauf des ganzen Universums!

Ja. Das ist einer der wichtigen Punkte, die Menschen aus diesem Film mitnehmen sollen. Hier setzt sich der Wissenschaftler am Ende durch. Sein Widersacher in "Sunshine" sagt, wir dürfen uns nicht in Gottes Plan einmischen. Wir Menschen haben uns aber entschieden, uns in Gottes Plan einzumischen, wenn wir ein Problem haben. Wissenschaft wird uns dabei helfen. Wenn uns die Natur bedroht, versuchen wir uns zu helfen. Natürlich ist viel Hybris dabei. Deswegen haben wir das Raumschiff auch Ikarus genannt. Ich nenne das europäischen Fatalismus. Amerikaner würden ein Raumschiff niemals mit einem so negativ belasteten Namen versehen. Sie würden etwas Triumphales wählen, zum Beispiel "Spirit of Triumph" oder "Ship of Destiny". Wir möchten, dass Wissenschaft kühn und wagemutig ist, aber es ist gleichermaßen arrogant zu glauben, dass wir damit alles lösen können.

In Ihren Filmen arbeiten Sie immer mit einer festen Crew, fast wie eine Familie. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Eine familiäre Atmosphäre ist sehr nützlich, denn Familien sind immer ehrlich zueinander (lacht). Denn wenn du ein erfolgreicher Regisseur bist, sagen dir die Leute irgendwann nicht mehr die Wahrheit. Sie sagen dann: "Oh, es ist brillant! Absolut! Alles was du gesagt hast, ist fantastisch!". Und du weißt: Das ist es nicht. Mit einer Familie erzielst du ein besseres Resultat. Dadurch kann man auch die Kosten niedrig halten und die Filme effizienter gestalten. "Sunshine" hat 14 Millionen Dollar gekostet, aber ich finde, er sieht aus als hätte er 150 Millionen Dollar gekostet.

"Sunshine" ist bereits Ihr zweiter Film mit Cillian Murphy. Wie sind Sie auf Ihn gekommen?

Er ist ein sehr moderner Typ. Er ist ziemlich feminin, nicht diese Art von Helden wie Bruce Willis oder Arnold Schwarzenegger. Deshalb besitzt er eine Würde, die viel besser in die moderne Zeit passt. Er hat einige großartige Filme gemacht, "Batman", "Wind That Shakes the Barley" und "Breakfast on Pluto". Er hat mit sehr guten Regisseuren gearbeitet, hat sich seine Filme sehr gut ausgesucht. Ein paar Mainstream-Filme, ein paar sehr anspruchsvolle kleinere Filme. Das ist ein Zeichen dafür, dass er seine Karriere ernst nimmt. Er weiß, dass er über eine Präsenz verfügt, die die Menschen gefangen nimmt, und setzt diese Fähigkeit in interessanten Filmen ein. Es war wunderbar zu sehen, wie er bei "Sunshine" das Zepter übernahm; in den entscheidenden Situationen führte er den Film, als wäre der die Hauptperson. Es ist eine große Erleichterung für einen Regisseur, mit solchen Leuten zu arbeiten.

Interview: Carsten Heidböhmer
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