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Das Phänomen Trekkies: Mit "Star Trek" durch jede Krise

Das neu designte Raumschiff "Enterprise" landet sowohl in den USA als auch in Deutschland auf Platz eins der Kinocharts. "Star Trek" hat seine Faszination bewahrt. Ein Blick auf ein Phänomen, das mehr als 40 Jahre lang alle Höhen und Tiefen überstanden hat.

Von Ralf Sander

Furiose Rückkehr des Raumschiffs "Enterprise": Der elfte Kinofilm legte in den USA das beste Startwochenende in der Geschichte von "Star Trek" hin und verdrängte die Comicverfilmung "X-Men Origins: Wolverine" von der Spitze der Charts. Die Experten von BoxOfficeMojo.com schätzen die Einspielergebnisse auf 76,5 Millionen US-Dollar. Und auch in Deutschland flog das Raumschiff mit seiner radikal verjüngten Crew an die Spitze der Kinocharts. Laut insidekino.de sahen rund 420.000 Zuschauern dem Film.

Nach mehr als 40 Jahren fesselt die Weltraumsaga "Star Trek" ihre zahlreichen Fans immer noch. Und das, obwohl der letzte Kinofilm sieben Jahre zurück liegt und 2005 nach vier glücklosen Staffeln die letzte TV-Serie der ehemals ebenso erfolgreichen wie lukrativen Marke zu Grabe getragen wurde. Die Trekkies sind immer noch da. Das zeigen nicht nur die guten Einspielergebnisse im Kino, sondern auch der rege Zulauf bei den großen "Conventions" genannten Fantreffen.

Der Traum von einer Welt

Was aber macht die Anziehungskraft von "Star Trek" aus? Ein Grund dafür liegt in der revolutionären Vision ihres Erfinders. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwirft ein Produzent namens Gene Roddenberry eine bahnbrechende TV-Serie, in der er seine eigene Utopie für eine bessere Zukunft einfließen lässt. Die Menschheit hat durch technologische und gesellschaftliche Fortschritte Armut, Krieg und soziale Ungleichheit hinter sich gelassen. In Roddenberrys Fiktion vertragen sich ehemalige Erzfeinde, im realen Leben versetzt der Kalte Krieg und die atomare Bedrohung das Land in Angst. Während Martin Luther King noch dafür kämpft, dass Schwarze im Bus neben Weißen sitzen dürfen, ist die Crew des Raumschiffs "Enterprise" schon damals multi-kulti: Auf der Brücke tummeln sich ein Russe (Chekov), ein Japaner (Sulu), ein Schotte (Scotty), eine Afro-Amerikanerin (Uhura) und ein Außerirdischer vom Planeten Vulkan (Spock, "der mit den Ohren"). Die so genannte Föderation der Planeten, eine Art Uno im All, erkundet mit ihrer Sternenflotte den Weltraum. Sie folgt einem strengen diplomatischen Kodex und fühlt sich grundsätzlich einer friedlichen Koexistenz mit anderen Völkern verpflichtet. Das klappt nicht immer, und die daraus resultierenden Probleme und moralischen Fragestellungen werden in der Serie immer wieder thematisiert und entwickeln sich zu einem Markenzeichen von "Star Trek".

Neben seiner freundlichen Ideologie bietet Roddenberrys Schöpfung Identifikationspotenzial für die Fans: Die Figuren haben Charme, sind sympathisch. Besonders das ungleiche Team aus dem hemdsärmeligen Kapitän Kirk und dem kühlen Logiker Spock lässt es so sehr menscheln, dass auch Zuschauer an "Star Trek" gefallen finden, die sonst mit der als kalt empfundenen und technikfixierten Science-Fiction nichts anfangen können. Gleichzeitig werden Fans dieser so genannten Hard Sci-Fi bedient - mit (pseudo)-wissenschaftlichen Exkursen und technologischen Visionen. Die Dialoge über Themen wie Probleme beim Beamen, Details des Warpantriebs und die Besonderheiten der vulkanischen Brunftzeit Pon Farr sind legendär.

Gemeinsam sind sie stark

Während der konservative Durchschnittszuschauer (und -Fernsehmanager) skeptisch bis verstört auf "Star Trek" blickt, genießen liberale und aufgeschlossene Geister den frischen Wind im Fernsehen. Die Quoten allerdings sind alles andere als überirdisch. Schon nach zwei Staffeln droht der Serie das Aus. Was dann folgt, gilt im Rückblick als die Geburtsstunde des organisierten Fantums und zeigt die geballte Macht der Konsumenten: Mit einer Briefkampagne erkämpfen die Fans eine weitere Staffel. Als die tatsächlich bewilligt wird, bekommen sie viel mehr als nur 24 weitere Folgen. Nämlich die Erkenntnis: Wir sind nicht allein, es gibt mehr wie uns.

Die erstrittene dritte Staffel bleibt die letzte der Originalserie. Doch die Episoden werden in vielen US-amerikanischen Regionalsendern ständig wiederholt, "Star Trek" erfreut sich wachsender Beliebtheit. 1972 findet in Los Angeles eine erste Convention statt. Die Veranstalter erwarten rund 1000 Besucher. Es kommen 3000, die sich vernetzt, verabredet, zusammengefunden haben - ganz ohne Internet.

Von da an ist "Star Trek" auf dem Weg zum popkulturellen Phänomen - auch wenn außer einer kurzlebigen Zeichentrickserie und einigen Büchern kaum neuer Stoff zur Verfügung steht. Die Fans sind in der Lage, Roddenberrys fiktives Universum als Quelle für die eigene Kreativität zu nutzen. Neben den Conventions werden Trekdinner genannte Stammtische abgehalten. Hobbyautoren schreiben Fan-Fiction. Und so mancher schneidert sich seine erste Sternenflotten-Uniform und klebt sich spitze Gummiohren an. Es sind die 70er, und "Star Trek" ist auch so etwas wie Hippietum für Ingenieure.

Es gibt Geld da draußen

Irgendwann entdecken auch die Verantwortlichen bei der Filmfirma Paramount, die die Rechte an "Star Trek" hält, dass sich in den Weiten der Fangemeinde Geschäfte machen lassen. "Star Trek" kommt 1979 erstmals in die Kinos. Acht Jahre später startet eine neue Fernsehserie. Die Abenteuer des neuen Raumschiffs "Enterprise" werden ein Riesenerfolg. "Star Trek" ist auf dem Weg zum Massenphänomen, die Fanbasis wächst.

Die 90er entpuppen sich als das goldene Zeitalter für die Weltraumsaga. Weitere Filme und Serien liefern neue Stoffe, das Merchandising wird perfektioniert. Der solvente Trekker kann sich an einem anscheinend unbegrenzten Angebot an Literatur, Kostümen und Modellen abarbeiten. Das Universum, wie es in nun elf Kinofilmen, mehr als 700 Serienfolgen und hunderten Büchern gezeichnet wird, ist vielfältig, riesig und komplex - und dennoch verlässlich. Wer dort eintaucht, kann sich aussuchen, was ihn interessiert. Er findet, was er begehrt, und niemand kann ihn davon abhalten. Denn jeder hat die Kontrolle darüber, was er mit diesem Universum anfängt. Weil es fiktiv ist, kann es nicht zurückschlagen. Im Gegensatz zum realen Leben.

Einige verlieren sich darin, erheben die Fiktion zum Dogma, das vor sämtlichen Veränderungen bewahrt werden muss. Doch auch solche Extremisten gehören dazu. Mike Hillenbrand und Thomas Höhl schreiben in ihrem Buch "Die sind die Abenteuer - 40 Jahre Star Trek": "Die unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination, aus der das Fandom zusammengewürfelt ist, [...] ist bei 'Star Trek' extremer als bei anderen Fangruppen [...] Es ist seine Stärke. Die Tatsache, dass manch ein Fan die Grenze der Wirklichkeit überschreitet und dennoch im Fandom stets ein Zuhause findet, ist eine weitere."

Trekkies stehen für Menschlichkeit, moralische Werte und soziale Themen

Es ist dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das viele Trekker als das Wichtigste am Fansein betrachten. Buchautor und "Star Trek"-Experte Hillenbrand schätzt, dass es auf dem Höhepunkt des Hypes mehr als 100 Trekdinner in Deutschland gab, jetzt sind es immer noch rund 50. Bei diesen Stammtischen wird über "Star Trek" geredet - aber vor allem über die reale Welt. Es gilt das Motto: Wer Trekkie ist, kann kein schlechter Mensch sein. "Das 'Star Trek'-Universum stellt neben einer phantasievollen Zukunftsvision vor allem eines dar: Menschlichkeit, moralische Werte und aktuelle soziale Themen", sagt Maja Rosenberg, eine von 160 Trekkies, der Hillenbrand und Höhl für ihr Buch befragt haben.

Nach den vergangenen Jahren der Trek-Dürre dürsten nicht nur die Fans, sondern auch die Macher nach neuem Stoff. Die Zeit ist reif für einen radikalen Neustart. Unter der Regie von J. J. Abrams, dem Schöpfer den TV-Serie "Lost", soll "Star Trek" fit gemacht werden fürs 21. Jahrhundert: mehr Spektakel, zeitgemäße Bildsprache, schnelleres Erzähltempo. Dabei gilt es, gleichzeitig die Stärken der Vorlage zu bewahren. Die Trekkies werden auch mit diesen Veränderungen umgehen können, einige mit Schmerzen, andere mit Freude. Und Paramount darf auf neue Generationen kaufkräftiger Trekkies hoffen, Bei einem Erfolg dieses Neuanfangs stehen die Chancen gut, dass das "Star Trek"-Universum weiter expandiert. Und vielleicht wird die fortgeschrittene Trek-Wissenschaft irgendwann auch eines der größten Rätsel der Menschheit lösen: Warum so viele "normale Menschen" denken, Trekkie zu sein sei absurder, als sich jedes Wochenende ins Fußballstadion zu stellen. Oder Karneval zu feiern. Oder "Germany's next Topmodel" zu gucken.