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Defa: Die Babelsberger Filmschmiede wird 60

Mit "Die Mörder sind unter uns" wurde hier der erste deutsche Nachkriegsfilm gedreht, später entstanden in den Babelsberger Studios zahlreiche Filmklassiker. An ihrem 60. Geburtstag ist die Defa längst Geschichte - und blickt auf eine große Vergangenheit zurück.

Filme wie "Die Spur der Steine" oder "Die Legende von Paul und Paula". haben der DDR-Filmgesellschaft Defa, die vor 60 Jahren am 17. Mai 1946 gegründet wurde, in beiden Teilen Deutschlands Aufmerksamkeit verschafft. Es ist das Jubiläum eines Geburtstagskinds, das schon lange - vor 14 Jahren - das Zeitliche gesegnet hat. Das Filmerbe mit 950 Spielfilmen und mehr als 5000 Dokumentarstreifen wird jedoch gehütet und heute von der Defa-Stiftung verwaltet. Der Progress Film-Verleih hat die weltweiten Auswertungsrechte. Allein im Jubiläumsmonat Mai ehren zahlreiche Fernsehsender die Defa mit der Ausstrahlung von 20 Filmen und internationale Festivals widmen ihr Programmschwerpunkte. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art stellte schon im vergangenen Jahr eine Defa-Filmschau zusammen.

Zufällige Reverenz oder nicht - am Jahrestag der Gründung einer Filmgesellschaft, die immerhin einen kleinen Teil der Kinogeschichte mitgeschrieben hat, werden in Cannes die Filmfestspiele eröffnet. Und Udo Lindenberg, der mit dem legendären Sonderzug nach Pankow rocken wollte, hat an dem Tag Geburtstag.

1974 gab's eine Oscar-Nominierung

Unter den 100 Meisterwerken der deutschen Kinokunst, die von der Deutschen Kinemathek ermittelt wurden, sind immerhin 14 Defa-Streifen, darunter "Der Untertan", "Spur der Steine", "Ich war neunzehn", "Ehe im Schatten", "Jakob der Lügner" und "Berlin - Ecke Schönhauser". Der längste Defa-Film ist "Lebensläufe - Geschichte der Kinder von Golzow" von Winfried Junge mit 256 Minuten, was allerdings bereits eine Kurzfassung der wohl umfangreichsten Langzeitdokumentation der Filmgeschichte ist, denn Junge begleitet schon seit 1960 die Kinder und späteren Erwachsenen aus einem Dorf im Oderbruch. Der erfolgreichste Film der Defa (auch nach der Wende) ist aber die 1953 gedrehte Wilhelm-Hauff-Verfilmung "Die Geschichte vom kleinen Muck" von Wolfgang Staudte mit bisher über 13 Millionen Zuschauern in über 60 Ländern. Die einzige Oscar-Nominierung der Defa gab es für den 1974 entstandenen Film "Jakob der Lügner" von Frank Beyer.

Namhafte Schauspieler wie Götz George, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Mühe, Katrin Saß, Corinna Harfouch, Henry Hübchen und Michael Gwisdek haben für die Defa gedreht oder sogar ihre Karriere dort begonnen. Besonders populär wurde der "Defa-Chefindianer" Gojko Mitic, quasi der "Pierre Brice des Ostens". Regisseur Andreas Dresen, der gerade mit seinem Film "Sommer vorm Balkon" Erfolge feiert, hat 1985/86 in den Defa-Studios ein Volontariat absolviert und arbeitet noch heute mit Doris Borkmann, der früheren Regieassistentin von Konrad Wolf ("Ich war neunzehn") und dessen langjährigem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny") zusammen.

Zunehmende Stalinisierung der Kulturpolitik

Am 17. Mai 1946 hatte die sowjetische Besatzungsmacht einer Lizenz für die Defa zugestimmt. Die Dreharbeiten für den ersten deutschen Nachkriegsfilm "Die Mörder sind unter uns" von Wolfgang Staudte mit Hildegard Knef liefen aber schon seit dem März in den legendären Ufa-Studios bei Potsdam. "Wir wollten damals etwas ganz Neues beginnen", erinnert sich der Regisseur und Defa-Mitbegründer Kurt Maetzig (95). Bald aber habe die SED-Führung mit der zunehmenden Stalinisierung der Kulturpolitik versucht, das Filmwesen in ihr Sprachrohr zu verwandeln.

Eine einzige Katastrophe für die Defa war das Jahr 1965, als nahezu eine ganze Jahresproduktion von der SED verboten wurde, darunter "Spur der Steine" mit dem anarchistischen Brigadier Manfred Krug. Davon sollte sich die Filmkunst in der DDR nie mehr richtig erholen, der Anfang vom Ende begann schließlich 1976 mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns, der einen wahren Exodus von Künstlern, darunter auch populären Defa-Stars, zur Folge hatte.

Wilfried Mommert/DPA